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Polen im Ausnahmezustand

Erstellt von DL-Redaktion am Donnerstag 11. November 2021

Wie die Militarisierung der EU-Grenzen Flüchtende zur “Waffe” macht

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Quelle        :     Berliner Gazette

Von Karolina Gembara

Die Krise an der Grenze zwischen Belarus und Polen muss auch als die Erneuerung einer Krise verstanden werden, die durch die Militarisierung der EU-Grenzen ausgelöst worden ist. In einem derart entmenschlichten Kontext können Flüchtende und Schutzsuchende als “Waffen” instrumentalisiert werden. Aber was passiert vor Ort? Und wie lassen sich Auswege finden? Die Fotografin und Forscherin Karolina Gembara sucht nach Antworten.

Ich weiß nicht, wie ich diese Geschichte erzählen soll. In der letzten Ausgabe des Strike Newspaper (einer interventionistischen Publikation der polnischen Gruppe Archive of Public Protest) haben wir Leute zu Wort kommen lassen, die im Wald an der belarussisch-polnischen Grenze aufgegriffen wurden; als Redakteurin hatte ich keine Worte der Weisheit parat. In den internationalen Medien ist bereits viel geschrieben worden, doch es erstaunt und erschreckt mich, dass dieser Albtraum trotzdem nicht aufhört.

Vielleicht könnte ich damit beginnen, einige fadenscheinige Sätze mit substanziellen Informationen und Zahlen oder besser: mit Schätzungen zu versehen. Fakten zu liefern, erfordert Anstrengung und kritisches Lesen, da die polnische Regierung in fast 200 Städten und Dörfern an der Grenze den Ausnahmezustand verhängt hat. Nichts ist klar, denn Journalist*innen, Mediziner*innen, Aktivist*innen oder einfach nur Menschen, die nicht in den Gebieten leben, über die der Ausnahmezustand verhängt wurde, diese Gebiete und natürlich auch das Grenzgebiet als solches nicht betreten, sehen oder darüber berichten dürfen. Aber wir wissen etwas.

Über 9.000 Soldat*innen, Grenzschutzbeamt*innen und Polizist*innen patrouillieren an der belarussisch-polnischen Grenze. Es muss ein Vermögen kosten, sie zu ernähren, unterzubringen und warm zu halten. Ich habe ihre beheizten Zelte in einem winzigen Dorf in Usnarz gesehen, wo sie eine Gruppe von 32 afghanischen Männern und Frauen wochenlang unter Waffengewalt festhielten. Nachts flatterten Hubschrauber. Während meiner Nachtwache machte ich eine einfache Rechnung auf: Ein Flug kostet den Gegenwert einer Jahresration Lebensmittel für einen Asylbewerber bzw. eine Asylbewerberin. Seit August wurde ein 130 Kilometer langer Stacheldrahtzaun in Feldern und Wäldern errichtet, aber nur als provisorische Maßnahme, denn das Endziel ist der Bau einer 367 Millionen Euro teuren Mauer.

Zahlen und Rechenschaft

Und ich kenne auch die andere Art von Zahlen. In den letzten zwei Oktober-Wochen hat die Grupa Granica – ein informeller Zusammenschluss von Flüchtlingsorganisationen, einzelnen Aktivist*innen, Wissenschaftler*innen, Anwält*innen usw. – und die Ocalenie-Stiftung Hilferufe von mehr als 2.200 Menschen erhalten. Alle sind entweder in der Grenzzone gestrandet (manche nennen sie “Todeszone”) oder direkt an deren Rand, wo Freiwillige versuchen können, die Hilfsbedürftigen zu erreichen. Offiziell starben zehn Menschen an Kälte, Hunger, Unterkühlung und anderen Krankheiten, die unter den extremen Bedingungen tödlich sind.

Neun scheint eine unrealistische Zahl zu sein. Die Geflüchteten sprechen von etlichen Leichen von Erwachsenen und Babys. Sie schicken Bilder. Ein befreundeter Arzt fragt eine Person im Wald: “Was passiert mit den Leichen?”. “Polnische Soldaten werfen sie nach Belarus.” “Und was machen die Belarussen?” “Sie begraben sie.” Doch nicht alle werden begraben. Vor kurzem wurde die Leiche eines jungen Mannes aus dem Grenzfluss geborgen.

Über 12.000 Menschen sind einer Facebook-Gruppe namens “Familien ohne Grenzen” beigetreten. Sie teilen Angst, Verzweiflung und das Gefühl der Hilflosigkeit, aber auch Ideen, Flugblätter und Informationen. Was können wir noch tun? Jeden Tag stellen neue Gruppenmitglieder diese Frage.

Jemand hat ein Suppenprojekt ins Leben gerufen (Hunderte von Gläsern mit nahrhaften Suppen werden an das Hauptquartier der Aktivist*innen geschickt), jemand organisiert Mahnwachen vor dem Gebäude der Grenzpatrouille in Warschau, jemand geht von Kirche zu Kirche und bittet die römisch-katholischen Priester, etwas zu unternehmen, jemand druckt Plakate und sogar Billboards, jemand übersetzt Warnungen über die tödliche Route über Minsk auf Paschtu, Dari und Arabisch, um Menschen zu warnen, die glauben, dass sie die EU sicher erreichen können, jemand sammelt Schlafsäcke (synthetische, da Baumwolle nicht trocknet), Socken, Schokolade, Jacken (aber nur in dunklen Farben, helle Kleidung könnte Probleme verursachen), Pampers und Babyanzüge, Taschenlampen, Ibuprofen, Thermoskannen, Power Banks.

Tausende von Gegenständen sind bereits in den Grenzstädten angekommen. Einige Menschen schicken Geld. In einer der Online-Kampagnen wurden bereits über 200.000 Euro gesammelt.

Was wissen wir sonst noch? Über 7.000 Menschen sind nach Deutschland geschleust worden. Eine Person kostet etwa dreitausend Dollar. Wer beim Menschenhandel erwischt wird, kann zu bis zu acht Jahren Gefängnis verurteilt werden. Menschenhandel kann auch bedeuten, einen bewusstlosen Geflüchteten in einen Krankenwagen zu tragen.

Einer Umfrage von Anfang Oktober zu Folge, befürworten 52 % der Polen Push-Backs. Jede zweite Person in Polen ist damit einverstanden, Kinder in den Wald zu werfen. Ist mein Nachbar einer von ihnen? Vielleicht mein Schüler? Mein Onkel?

Die Temperatur an der Grenze fällt in diesen Tagen unter Null.

Empörung und Verzweiflung

Als ob diese Zahlen nicht schon bewegend genug wären, gibt es Hunderte von Zeugenaussagen und täglichen Berichten von Aktivist*innen und Geflüchteten, die Namen, Gesichter und Stimmen haben und die so schwach sind, dass sie kaum sprechen können. So kennen wir das Alter der Kinder, die das Dorf Michałowo erreichten und unter den Augen von Medienleuten und Aktivist*innen wieder auf einen Militärlastwagen gesetzt und in den Wald geworfen wurden: Es sind Aryas (8), Arin (6), Alas (4,5) und Almand (2,5).

Das Bild von Almand in ihrem schmutzigen Strampelanzug löste einen Sturm der Entrüstung und den bisher größten Protest in Warschau aus. Wir haben das Foto des kleinen Daniel gesehen, der auf einem Haufen nasser Blätter geboren wurde. Er und seine Familie haben zum Glück eine temporäre Aufenthaltserlaubnis erhalten. Und wir haben Judith zugehört, die von der Grenzpolizei über den Zaun geworfen wurde, zu bluten begann und ihr ungeborenes Kind verlor. Wir sahen auch, wie ein Mann in einen Krankenwagen gebracht wurde. Später wurde er von der Station “weggebracht” und in den Wald geworfen.

Wir sahen, wie eine zerschlagene und gedemütigte Gruppe von Afghan*innen aus Usnarz zu Boden gedrückt, geschlagen und abtransportiert wurde. Unter ihnen Mariam, ein 17-jähriges Mädchen, das mit ihrer Katze nach Polen gereist ist. Diese graue, flauschige Katze, die im August so viel Aufmerksamkeit erregte, als die Gruppe an der Grenze ankam… Aber das ist drei Monate her.

Drei Monate ohne richtige Nahrung, Wasser aus einem Bach trinkend, in der Kälte, im Regen, in der gleichen Unterwäsche. Jetzt könnte Mariam ganz anders aussehen. Wenn sie noch am Leben ist. Seit gestern kann ich nicht aufhören, an Zaman und seine Brüder und Schwestern zu denken. Zaman ist zwei, seine Familie hat noch eine Batterie in ihrem Smartphone. Sie sterben langsam, aber niemand kann sie tief im Grenzgebiet erreichen.

Wir wissen nicht, wie viele Menschen im Grenzgebiet gestrandet sind. Hunderte? Tausende? Wo ist Aryas? Was ist mit der alten Frau passiert, die vor zwei Monaten im Dorf Nomiki gefunden wurde? Sie war mit Schlamm bedeckt und konnte nicht mehr alleine gehen. Das sind die Dinge, die ich nicht weiß.

Hybride Kriegsführung

Der so genannte “hybride Krieg” zwischen Polen und Belarus ist einer dieser seltsamen Kriege. Der belarussische Botschafter wurde nicht aus Warschau ausgewiesen. Beide Länder erlauben den Transit. Und Soldaten werfen Kinder über den Zaun, hin und zurück, Berichten zu Folge in einem Fall sogar sechzehn Mal.

Es ist offensichtlich, dass dieser Krieg vom Ausnahmezustand lebt, der von der polnischen Regierung verhängt wurde. Der Ausnahmezustand als solcher gibt vor, das polnische Territorium und seine Bürger*innen zu schützen. Tatsächlich aber trägt er dazu bei, den rechtlichen Rahmen außer Kraft zu setzen, der Polen zu einem demokratischen Land und Mitglied der EU macht. Er ermöglicht es der Regierung, die Grenzzone in einen “anomischen Raum” zu verwandeln – um einen Begriff aus Giorgio Agambens Buch “Der Ausnahmezustand” (2004) zu verwenden. In diesem anomischen Raum, in dem die Regierung die Menschenrechte und das Völkerrecht außer Kraft setzt, sind auch humanitäre Hilfe und Redefreiheit nicht mehr gewährleistet.

Wenn es einen politischen Willen gäbe, könnte der Ausnahmezustand beendet werden. Und der “hybride Krieg” könnte durch Entwaffnung gestoppt werden. Wie könnte das funktionieren?

Vor über einem Jahrzehnt schlug die Politikwissenschaftlerin Kelly Greenhill vor, dass im Falle eines “Krieges um Flüchtlinge” (was, wie sie aufzeigt, eine gängige Druckpraxis in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg geworden ist) das angegriffene Land dem Angreifer die Waffen aus der Hand schlagen sollte. Alexander Lukaschenkos Plan ist es, die EU im Allgemeinen und Polen im Besonderen zu destabilisieren, das, obwohl es selbst eine Art Diktatur ist, die politische Situation in Belarus kritisiert und dessen Dissident*innen aufnimmt.

Das EU-Mitglied könnte den Feind entwaffnen, indem es den rechtlichen Rahmen reaktiviert, der es verzweifelten Menschen ermöglicht, Asyl zu beantragen. Polen hat die Mittel und die Fähigkeit, die Schutzsuchenden gemäß EU-Standards nicht nur umzusiedeln, sondern auch Menschen aus Syrien, Irak, Afghanistan, Jemen und Kamerun aufzunehmen und langsam eine Betreuungsinfrastruktur aufzubauen, eine freundliche und unterstützende Flüchtlingspolitik zu gestalten, seine Bürger*innen aufzuklären und fremdenfeindliche Narrative zu korrigieren. Die jüngste zivilgesellschaftliche Mobilisierung beweist, dass diese Bemühungen von der Gesellschaft unterstützt werden könnten.

Leider gibt es diesen Willen nicht. Für viele Beobachter*innen und Kommentator*innen ist klar, dass die PIS, die Regierungspartei in Polen, die dramatische Situation bewusst aufrechterhält, in der Hoffnung, die nächsten Wahlen zu gewinnen. Diese üble Strategie hat schon einmal funktioniert: 2015 versprach die PIS ihren Wähler*innen, dass Polen sich nicht am EU-Verteilungsplan, der zur Lösung der “Flüchtlingskrise” entworfen wurde, beteiligen werde, 2020 griff Präsident Duda die LGBT-Gemeinschaft mit beispielloser Abscheu an.

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Eine Minderheit ins Visier zu nehmen, die nicht in das “traditionelle” Wertesystem passt, scheint nicht nur bei konservativen Wähler*innen Erfolg zu garantieren, sondern auch bei jenen, die leicht zu verängstigen sind oder unter der vom Neoliberalismus verursachten Unsicherheit und Prekarität leiden. Derweil schaut die polnische katholische Kirche dem Drama einfach zu und lässt zu, dass sich hasserfüllte Erzählungen entfalten. Die Strategien der Entmenschlichung, die an der polnisch-belarussischen Grenze angewandt werden, scheinen für beide Tyrannen – Kaczyński und Lukaschenko – eine Win-Win-Situation zu schaffen. Und es kommt noch schlimmer. Die EU erhält einen ähnlichen Deal wie den mit Recep Tayyip Erdoğan (diesmal sogar umsonst?) und Frontex muss seine “Arbeit” nicht machen.

Realpolitik, wie wir sie kennen.

Können wir, als Menschen, diese Wendung der Ereignisse akzeptieren? Können wir nachts schlafen, wenn wir wissen, dass Zaman in seinen nassen Klamotten und mit leerem Magen auf dem Boden sitzt? Dass er auf jungen Ästen herumkaut? Wie ist das möglich in einem Land, in dem die Bevölkerung während des Kalten Krieges quasi eingesperrt war und die heute Freizügigkeit genießt?

“Vielleicht lassen sich die polnische Paranoia, der weit verbreitete Mangel an sozialem Vertrauen oder die Manifestationen von hate speech auch damit erklären, wie die Polen mit dem Trauma des Zweiten Weltkriegs und seinen Folgen, die an die nachfolgenden Generationen weitergegeben wurden, fertig werden – oder besser gesagt, nicht fertig werden”, schlagen die Psychologen Maja Lis-Turlejska und Paweł Holas vor. Traumatisiert davon, die faschistische “Endlösung” nicht nur mitbekommen, sondern auch mitgetragen zu haben, schwelgte man nach dem Zweiten Weltkrieg in mantrahaften Wiederholungen des “Nie wieder!”.

Doch das Trauma geht vielleicht noch tiefer, denn es ist verknüpft mit gleichfalls traumatischen Erfahrungen wie imperialer Politik, Feudalismus und Besatzungen, aber mit unseren eigenen sentimentalen Fallen, unserer wahnhaften Anständigkeit und der unerfüllten Hoffnung auf Wiedergutmachung. Doch es ist noch keine Zeit für Heilung dieser kollektiven Wunden. Es ist vielmehr an der Zeit, in den kalten, dunklen Wald zu rennen, mit Taschen voller heißem Tee, Verbänden, Powerbanks und Decken – und jemandem vielleicht einen weiteren Tag des Lebens zu ermöglichen.

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Grafikquellen     :

Oben          —   Abzeichen der Europäischen Grenz- und Küstenwache

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