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Phänomen – Antiusanismus

Erstellt von DL-Redaktion am Donnerstag 14. Oktober 2021

Kontertext: –  Wie ein Begriff, der nichts bedeutet, Karriere machte.

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Quelle      :        INFOsperber CH.

Von Rudolf Walther / 

Nach dem politisch wie moralisch schäbigen Rückzug der US-Truppen und ihrer Verbündeten aus dem «Krieg gegen den Terror» in Afghanistan kann man auch einen Begriff beerdigen, mit dem die Kritik am Vorgehen der USA und ihrer Verbündeten sowie die Motive und Ziele der Kritiker hierzulande jahrelang diffamiert wurden: «Antiamerikanismus» . Der Begriff gehört zu den beständigsten Formeln im propagandistisch-ideologischen Nahkampf gegen Linke seit dem Kalten Krieg. Er hat aber auch eine Vorgeschichte, die bis zu den Konservativen in der Weimarer Republik und in die Nazizeit zurückreicht. Allerdings war zu keiner Zeit auch nur ansatzweise klar, was mit dem Begriff eigentlich gemeint ist.

«Antiamerikanismus» ist ein Begriff, der nicht während des Kalten Krieges der 50er- und 60er-Jahre erfunden wurde, aber damals ans Schwungrad der  «westlich» kostümierten Propaganda gelangte. Was er bedeuten sollte, blieb im Nebel. Noch in den 90er-Jahren erklärte ein aufgeregter Autor während des Kosovo-Krieges die These, die indianische Urbevölkerung in Nordamerika sei fast ausgerottet worden, zum «alten Topos des Antiamerikanismus». Und in seinem argumentativen Delirium feierte er die Benennung von Kampfhubschraubern nach dem Stamm der Apachen als eine «gelungene» Form von Wiedergutmachung aus «Schuldbewusstsein gegenüber den Erschlagenen.» Dagegen konnten sich Überlebende nur mit dem Risiko wehren, ihre Selbstachtung aufzugeben, denn gegen Niedertracht verteidigt sich nicht, wer bei sich ist.

Wenn man der Geschichte des Begriffs «Antiamerikanismus» nachgeht, stösst man auf Ungereimtheiten und Peinlichkeiten. Das beginnt mit dem Elementarsten – mit der Definition dessen, was «Antiamerikanismus» bedeutet. Am einfachsten ziehen sich jene aus der Affäre, die eine Definition verweigern, indem sie auf die «Vielschichtigkeit» des Begriffs verweisen. Das ermunterte den Autor einer akademischen Qualifikationsarbeit dazu, auf 250 Seiten «die Entstehung des Antiamerikanismus» abzuhandeln, ohne einen Präzisierungsversuch zu unternehmen. Nicht einmal die Existenz des Phänomens hielt der Autor für gesichert. Er schrieb also  über etwas, was es vielleicht gar nicht gab oder in so vielen Varianten, dass letztlich jeder selbst bestimmte, was er «Antiamerikanismus» nannte. Ratlos räumte er ein: «Ich bin mir bewusst, dass eine strenge Definition des Phänomens Antiamerikanismus auf Schwierigkeiten stossen würde.»

«Antiamerikanismus» ist für ihn eine Geschmacksfrage, worauf auch die knappe Definition im OED («Oxford English Dictionary», 1989) hindeutet: «A spirit of hostility towards Americans» (etwa «eine feindselige Stimmung gegenüber Amerikanern»). Stimmungen gibt es etwa so viele wie Menschen und Augenblicke. Aber was hat es mit Feindseligkeit gegenüber Amerika und Amerikanern zu tun, wenn man – wie oben erwähnt – eine historische Tatsache wie die Ausrottung der indianischen Urbevölkerung erwähnt?

Lexikalisch sieht es schlecht aus für den Begriff «Antiamerikanismus»: Massgebliche Nachschlagewerke enthalten keinen Artikel «Antiamerikanismus» oder begnügen sich mit einem lapidaren Satz wie der OED  oder «Brockhaus. Die Enzyklopädie» (1996). Den Messdienern der politischen Leitartikel-Liturgien blieb so Gelegenheit  für Improvisationen. Wer in Europa seinerzeit das geplante TTIP-Abkommen ablehnte, huldigte für hiesige Kommentatoren dennoch dem «Antiamerikanismus», wie Majid Sattar in der FAZ vom 20.7.2016 und Eric Gujer in der NZZ vom 23.10.2015 unisono meinten.

Bundesarchiv B 145 Bild-F062762-0017, München, SPD-Parteitag, Lafontaine, Glotz.jpg

Ein etwas älteres Sprachspiel belebte einst Peter Glotz als Bundesgeschäftsführer der SPD in den 80er-Jahren. Seine These: Politik besteht auch darin, «Begriffe zu besetzen.» Fortan machten sich die Einpeitscher der Parteien daran, irgendeinen Begriff zu «besetzen» und je nach Gusto «die neue soziale Frage» oder «die alten Ungleichheiten» für sich zu reklamieren. So bekamen Linke die Schelle «Antiamerikaner» umgehängt. Da PR-Agenturen im Planen begriffsgestützter «Kampagnen» agiler operierten, kam man vom «Begriffebesetzen» bald wieder ab. Dazu trug eine Kampagne der CDU bei, die daneben ging. Mit dürftiger Rabulistik wollte Heiner Geissler in der Nach- bzw. Aufrüstungsdebatte der Öffentlichkeit weismachen, «Pazifisten» seien schuld an «Auschwitz», denn mit der militärischen Schwächung hätten sie den Aufstieg der Nazis begünstigt.

Das Rezept solcher winkeladvokatorischer Schläue ist simpel: Wer zu viel oder zu wenig isst, ist süchtig. Und daraus wird messerscharf syllogisiert, wer weder zu viel noch zu wenig esse, leide auch an einer «Sucht», nämlich an der nach Gesundheit. Mit solchen Kurzschlüssen bastelt man aus kosmopolitischen Demokraten im Handstreich «negative Nationalisten» und aus Pazifisten «negative Militaristen». Auch das Blödmann-Strategem «political correctness» funktioniert nach diesem Muster.

Ein zweites Sprachspiel: Für den deutschen Politikwissenschaftler Dan Diner etwa ist «Antiamerikanismus der projektive Anwurf an die USA, für die Übel aller Welt ursächlich zu sein». Wer behauptet derlei ausser etwa der rechte Reiseschriftsteller Leo L. Matthias, der Verschwörungstheoretiker Ulf Ulfkotte oder einige nur emotional daherredende Friedensschwärmer, denen die Differenz zwischen der Kritik an der  Politik der USA und an «Amerika»  entgangen ist? In den 50er- und 60er-Jahren bündelte Matthias seine abendländisch, religiös-katholisch, elitär-konservativ, frauenfeindlich und autoritätsgläubig imprägnierten Ressentiments – die alle schon in der konservativen Publizistik der Weimarer Republik aufgekommen waren  und von den Nazis übernommen wurden, zur affirmativ verstandenen Parole «Antiamerikanismus». Aber was hat derlei mit kritischer Analyse von US-Politik, mit seriöser Kritik an kulturellen, wirtschaftlichen, militärischen oder  politischen Orientierungen amerikanischer Eliten oder den  Optionen  aufgeklärter Pazifisten zu tun? War Nietzsche wegen kerniger Sätze über Amerika (« Es ist eine indianerhafte, dem Indianer-Blute eigentümliche Wildheit in der Art, wie Amerikaner nach Gold trachten») im gleichen Sinne ein «Antiamerikaner» wie deutschnationale und nationalsozialistische Propagandisten, die «Amerikanisierung» in den 20er-Jahren als «Verjudung» oder «Vernegerung» denunzierten?

Anhand von Büchern jüngerer Autoren wie Dan Diner («Verkehrte Welt», 1993 und «Das Jahrhundert verstehen», 1999)  kann man zeigen, wie der Propagandaformel «Antiamerikanismus» durch sozialpsychologische Spekulationen nachträglich beliebige Inhalte eingepflanzt und Motive untergeschoben werden können. Die gegen den Vietnamkrieg Protestierenden waren Diner zufolge «antiamerikanisch» orientiert. Im Nachhinein stellt er ihnen  die Ferndiagnose, «die in Vietnam erkannten Verbrechen» hätten sich in den Köpfen und Seelen (!) der studentischen Demonstranten Ende der 60er-Jahre «mit den von den eigenen Vätern» im Zweiten Weltkrieg begangenen Verbrechen verwoben. Das Argument läuft in zwei Richtungen: weil die Väter und Grossväter gegen die Nazis nichts unternommen hätten, wollten deren Kinder und Enkel den Makel «generationsverschoben» kompensieren. Die zweite Variante: Kinder und Enkel kämpfen wie Väter und Grossväter gegen «Amerika» – jetzt als verblendete Demonstranten, früher als von Hitler verführte Soldatenknechte. Diners Spekulation über den «generationsverschobenen» Protest funktioniert  wie eine Doppelmühle beim Brettspiel: Anti-Vietnam-Protest ist in jedem Fall «Antiamerikanismus» – entweder als Kompensation für das Nichtstun der Väter oder als Kopie des Handelns der Väter. So entsteht  apartes «Wissen», das auf fragwürdigen Konstruktionen wie der eines «kollektiven Unbewussten» beruht, das «generationsverschoben» agiert.

Ein finales Sprachspiel: Die  Springer-Autoren Richard Herzinger und Hannes Stein («Endzeitpropheten oder die Offensive der Antiwestler», 1995) wählten einen anderen Weg, um haltlose psychologische Spekulationen über zeitverschobene Motivations- und Mentalitätsstrukturen zu vermeiden. Die beiden Literaturwissenschaftler betrachten als «Antiamerikaner», wer «den Westen» kritisiert. Was «der Westen» ist, klären sie mit einem Vergleich: «Wie im Zentrum des jüdischen Monotheismus ein unnennbarer, körperloser und völlig abstrakter Gott steht,  […] so klafft auch im Innern der liberalen Demokratie eine Leerstelle. Niemand kann sagen, was den Kern des Westens ausmacht, denn er hat keinen Kern. Genau aus diesem Grund ist der westliche Lebensstil so universal tauglich.»

Ist «der Westen» schon einmal mit «Gott» ebenbürtig und gleichursprünglich, fällt der nächste Schritt leichter: Gott ist unfassbar und allmächtig. Auch der Westen ist unfassbar, aber noch nicht allmächtig, dafür hat er immerhin schon «verbindliche Werte». Diese sind freilich «nicht inhaltlich bestimmbar» – genau wie die Erwägungen Gottes. Um diese «westlichen Werte», die zwar keiner Analyse zugänglich sind, doch zu fassen, wagen die Autoren den Salto mortale aus dieser Welt in den unendlichen Raum ohne Gründe und Begründungen: Deshalb nennen sie die westlichen Werte schlicht «neutrale Werte».

Nun ist jeder denkbare Wert durch die Beziehung bestimmt, die zwischen einem Gegenstand und einem Massstab, den ein wertender Mensch anlegt, hergestellt wird. Ein «neutraler Wert» ist entweder kein Wert, weil diese wertende Beziehung gar nicht hergestellt wird, oder der «neutrale Wert» ist Unsinn, weil der Mensch eben wertet, auch wenn er etwas als «neutral» bezeichnet. In diesem Sinne ist Neutralität gar kein «neutraler Wert».

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Der Begriff «Amerikanismus» hat seine Wurzeln in den revolutionären Ereignissen zwischen der Unabhängigkeitserklärung (1776) und dem Verfassungskonvent (1787). Die damals aus christlicher Spiritualität, Patriotismus, Common Sense  und politischem Pragmatismus entstandene «Ziviltheologie» (Jürgen Gebhardt) verdichtete sich zu «Geboten der Vernunft und reinem Amerikanismus», so Thomas Jefferson 1797. Diese Gebote zeichneten sich durch hohe Elastizität gegenüber wechselnden politisch-sozialen Umständen aus, was nicht verhinderte, dass «Amerikanismus» bald zum Ensemble granitener Vorurteile und Ressentiments versteinerte.

«Amerikanismus» wurde jedoch immer und überall gleichzeitig an den Pranger gestellt und bejubelt. Meistens formierte sich die Kritik am «Amerikanismus» in Europa auf konservativer, das Lob dagegen auf liberaler und linker Seite. Das gilt für die USA eher umgekehrt. Der tendenziell linke, schwarze Agitator Malcolm X fühlte sich als «Opfer des Amerikanismus», und auf der andern Seite weigerte sich das «Comittee on Un-American Activities» unter dem antikommunistischen Berufsamerikaner Joseph McCarthy zwischen 1950 und 1954 beharrlich, zu bestimmen, was «unamerikanisch» bzw. «amerikanisch» bedeutet. Fazit: «Antiamerikanismus» und «Amerikanismus» sind für analytische Zwecke, die weiter reichen als banale ideologische Zurechnungen im politischen Handgemenge, untauglich.

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Grafikquellen        :

Oben      —    Protester holding Adbuster’s Corporate American Flag at Bush’s 2nd inauguration, Washington DC.

2.) von Oben      —       For documentary purposes the German Federal Archive often retained the original image captions, which may be erroneous, biased, obsolete or politically extreme. SPD-Parteitag in der Olympiahalle in München

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Unten       ––         Bolivarian mural against Imperialism and the United States.

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