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RENTENANGST

Nach den Sternen greifen

Erstellt von Redaktion am Samstag 3. März 2018

Vor der Parlamentswahl in Italien

File:Luigi Di Maio, 2017, Milano.jpg

Von Michael Braun

Gar nicht mehr komisch: Die italienische Fünf-Sterne-Bewegung gibt sich seriös. Am Sonntag könnten sie dafür die Ernte einfahren.

NEAPEL/ROM taz | Bis zum letzten Platz ist das Teatro Sannazaro in Neapel gefüllt, das Parkett genauso wie die Logen. Schminke, Schmuck, schicke Kleider: Viele der Damen haben sich herausgeputzt, als seien sie auf einem Premierenabend. Und als dann der Protagonist den Saal betritt, brandet frenetischer Applaus auf, sind Jubelrufe zu hören, so als schreite da ein Meistertenor in Richtung Bühne.

Schauspieler könnte der junge Mann allemal sein. Das ebenmäßige Gesicht ist leicht gebräunt, die schwarzen Haare kurz getrimmt, die Linie schlank, der graue, eng geschnittene Anzug sitzt ebenso tadellos wie die hellblaue Krawatte. In einer Fernsehserie könnte er den Börsenhai geben oder den smarten Staranwalt. Doch Luigi Di Maio ist Politiker, und mit seinen erst 31 Jahren tritt er für das Movimento 5 Stelle (M5S – 5-Sterne-Bewegung) als Spitzenkandidat bei den Parlamentswahlen an diesem Sonntag an.

„Di Maio presidente“ verkünden die zwei auf der Bühne aufgespannten Transparente, und wenigstens hier im Theater halten die meisten das keineswegs für abwegig, auch wenn das Gros der Medien Italiens das M5S weiter als populistische Laienspielschar darstellt.

Gleich zum Auftakt seiner Rede zeichnet Di Maio das Bild einer Bewegung, die in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, begrüßt die Vertreter der Notarkammer, des Handwerker- und des Bauunternehmerverbandes, der Schiffswerften und der Lehrergewerkschaft, die alle präsent sind. Und auch sein 50 Minuten währender Vortrag ist auf seriös gebürstet. Di Maio denkt gar nicht daran, den Volkstribun zu geben, laut zu werden, die politischen Gegner, egal ob von der bisher in Rom regierenden gemäßigt linken Partito Democratico (PD) unter Matteo Renzi oder von der Berlusconi-Rechten, mit Schmähreden und Schimpfkanonaden zu überziehen.

Die Bewegung kommt an – bei Arbeitnehmern

Routiniert, konzentriert, in freier Rede spult er stattdessen die Programmpunkte des M5S ab – Programmpunkte, die auf der Diagnose fußen, dass Italien ein Land in tiefer Krise ist, dessen traditionelle politische Kräfte vor dieser Herausforderung versagt haben und vor allem aufs eigene Wohl bedacht waren. Ein vom politischen Zugriff aufs Management befreites Gesundheitswesen, eine entschlackte Staatsbürokratie, Schulen, in denen die Lehrer endlich anständige Gehälter beziehen, eine Familienpolitik, die sich vieles beim kinderfreundlichen Frankreich abschauen könne, ökologische Wohnbausanierung, vor allem aber die Reduzierung der drückenden Steuerlast für die Unternehmen und die flächendeckende Einführung eines Grundeinkommens für Arbeitslose: Di Maio lässt kaum ein Politikfeld aus, und immer wieder unterbricht ihn der Beifall.

„Der ist einer von uns, der versteht was von unseren Sorgen“, flüstert ein wohl 60-Jähriger mit graumeliertem Haar seinem Nachbarn zu, und er spielt damit wohl nicht nur darauf an, dass der aus dem Städtchen Pomigliano direkt vor den Toren Neapels stammende Di Maio hier gleichsam ein Heimspiel hat, sondern auch auf die Biografie des Spitzenkandidaten der Fünf Sterne. Jurastudent ohne Abschluss, Webmaster, Servicekraft im Fußballstadion und Kellner: Wie so viele seiner Generation hatte sich Di Maio mit allerlei Jobs durchgeschlagen, ehe er vor fünf Jahren ins Abgeordnetenhaus gewählt und dort gleich zum Vizeparlamentspräsidenten bestellt wurde.

Inhaltlich, das wird in Di Maios Rede klar, haben sich die Akzente beim M5S kaum verschoben gegenüber 2013, als die Bewegung zum ersten Mal bei nationalen Wahlen antrat. Und doch ist die gegenwärtige Kampagne radikal anders als die vor fünf Jahren, die mehr als 160 Fünf-Sterne-Parlamentarier ins Abgeordnetenhaus und den Senat spülte. In Neapel spricht ein blutjunger und doch schon völlig routinierter Politiker vor einem Saal, in dem kaum jemand unter 40 und ein Gutteil der Besucher nahe dem Rentenalter ist. Vor fünf Jahren dagegen war es ein in die Jahre gekommener Komiker, der damals schon 62-jährige Beppe Grillo, der auf seinen Kundgebungen quer durchs Land Tausende, überwiegend junge Menschen in seinen Bann schlug.

Beppe Grillo

Beppe Grillos Wahlkampf ist vergessen

„Tsunami tour“ hatte Grillo damals seine Wahlkampftournee getauft, und es ging nicht hinein in Theatersäle, sondern raus auf die Plätze. Und dort gab es nicht eine klassische Wahlkampfrede, sondern die Wutshow eines entfesselten Rumpelstilzchens, das den Austritt Italiens aus dem Euro predigte, das die „politische Kaste“ zum Teufel wünschte, ihr Korruption und Unfähigkeit vorwarf. Stattdessen wollte Grillo einfache Bürgerinnen und Bürger ins Parlament schicken. Auf den Bühnen standen sie hinter ihm – darunter viele deutlich unter 30, genauso wie der damals 26-jährige Di Maio, fast alle ohne jede politische Erfahrung. Genau besehen hatte das M5S nur ein Gesicht: Grillo selbst, der als Magnet wirkte.

Und der so etwas wie einen Kinderkreuzzug anführte, mit zunächst überraschendem Erfolg: Bei den Wahlen von 2013 kam das M5S auf sensationelle 25,5 Prozent, bei den Jungwählern überschritt es gar die 40-Prozent-Marke. Ein ausgerasteter Clown an der Spitze, ein amorphes Heer von ihm blind ergebenen Anhängern zu seinen Füßen: Dieses Bild wurde damals quer durch Europa gezeichnet, Kommentatoren sprachen vom „gefährlichsten Mann Europas“ , entdeckten gar Parallelen zu Mussolini. Und viele Beobachter gaben sich sicher, dass der Spuk schnell zu Ende sein würde, dass das M5S schnell implodieren werde.

Erst 2009 hatte Grillo die Fünf Sterne gegründet, nachdem er in den Vorjahren mit seinem Blog eine rasant wachsende Leserschar um sich versammelt hatte. Doch als eigentliche Geburtsstunde gilt schon der 8. September 2007: Damals rief der Comedian die Bürger zum Vaffa Day, zum „Leck-mich-am-Arsch-Tag“ gegen die Altparteien. Allein in Bologna kamen Zehntausende, in 50 weiteren italienischen Städten Hunderttausende. Da wohl begriff Grillo, welches Potenzial für eine Bewegung da war.

Totgesagte leben länger

Quelle  :    TAZ     >>>>>     weiterlesen

Gianna Nannini über Lebenskrisen

„Die Frau muss entscheiden“

File:2017 Gianna Nannini - by 2eight - DSC3610.jpg

Interview von Gaby Sohl

Vor 40 Jahren erlangte sie Ruhm als feministische Rebellin und Rockstar. Jetzt hat Gianna Nannini ein neues Album – und Kritik an der Wahl in Italien.

taz: Gianna Nannini, Sie haben die Rock-’ n’- Soul-Stimme einer Tigerin, aber in einigen Ihrer Liebeslieder klingen Sie plötzlich wie ein sehr verletzlicher Tiger. Fragil.

Gianna Nannini: Ich bin ein tigre fragile? (Lacht.) Das ist schön …

Liebe macht uns stark und verletzlich, oder?

Ja. Aber mir gefällt das auch, weil Fragilität ein Ausdruck der Rockmusik ist. Der wunde Punkt einer Person ist oft auch der stärkste. Wenn du Lieder schreibst, hat es manchmal keinen Sinn, deinen wunden Punkt zu verstecken.

Sie haben international Karriere gemacht – in ihrer Muttersprache Italienisch.

Warum immer und überall auf Englisch singen? Auch Europa ist fragil – in diesen Fragen der Sprache. Es ist sehr schwer, Gefühle genau auszudrücken in einer Sprache, die nicht deine eigene ist. Im Italienischen haben wir unsere Wurzeln mehr in der folk tradition, auch deshalb singe ich nur italiano. Das Lied klingt besser auf Italienisch, weil wir einfach mehr Vokale in unserer Sprache verwenden.

Berühmt geworden sind Sie als feministische Rebellin – große Stimme, großes Herz, ganz viel Mut. Aber das war alles nicht immer einfach, oder?

Nein. Mit 18 wollte ich nur weg von zu Hause, von Siena. Ich bin nach Mailand gegangen. Für meine Musik. Ich habe damals auch mit Patienten in psychiatrischen Krankenhäusern gearbeitet, ich wollte helfen, aber wir haben schnell gemerkt, dass wir selbst mehr Probleme hatten als die Leute im Hospital. (Lacht.) Das war immer mein Traum – als Psychologin zu arbeiten. Auf meinem ersten Album habe ich eines der Lieder einer Frau gewidmet, die in der Psychiatrie war. Wir hatten in den 70er Jahren eine große antipsychiatrische Bewegung in Italien – kennen Sie Franco Basaglia?

Oh, ja! Basaglia hat dafür gekämpft, die Anstalten zu öffnen. Heute gehen wir leider rückwärts, einige Psychiater machen sogar wieder Werbung für Elektroschocks – in Deutschland.

Was? Nein!

Ja, sie nennen es heute „Elektrokrampftherapie“. Vielleicht sollten Sie eine neue Version Ihres Songs „Scandalo!“ ­schreiben.

Quelle    :     TAZ >>>>> weiterlesen

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Grafikquellen    :

Oben       —       

Italiano: , italian politician, speaking at Wired Next Festival 2017, Milano
Date
Source Own work
Author Mattia Luigi Nappi

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2.) von Oben   —     Beppe Grillo

 

 

 

 

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