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Jugoslawiens – Danach

Erstellt von DL-Redaktion am Freitag 28. Mai 2021

Der Kosovo in westlichen Medienbildern und das Land dahinter

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Quelle        :     Berliner Gazette

Von  Marlen Schachinger

Die durch Deutschlands rot-grüne Koalition forcierte Zerschlagung Jugoslawiens hat nicht zuletzt den Aufbau des Kosovo als Nationalstaat auf den Weg gebracht. Als gälte es den Interventionsbedarf immer wieder vom Neuen zu legitimieren, wird das Land in den westlichen Medien als “Pulverfass”, “rückständig” und “nationalistisch” beschrieben – quasi stellvertretend für die angeblich noch heute virulenten “Probleme des sozialistischen Staatenbunds” von damals. Die Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin Marlen Schachinger, die in Prishtinë als Stadtschreiberin arbeitete, versucht diese verkrusteten Vorstellungen beiseite zu räumen und Platz zu machen für eine Annäherung auf Augenhöhe.

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2018 erhalte ich die Chance als Writer in Residence im Kosovo zu leben. Als bekannt wird, wohin ich aufbreche, reichen die mimischen Varianten meiner Gegenüber von irritiert über besorgt bis zu gedämpft-froh. Folglich könnte man sagen, sie zeichnen ein emotionales Spektrum – würde nicht eine Tendenz darin auffallend überwiegen: Nachrichtenbilder, Kriegsgräuel, Leichen, bärtige UÇK-Kämpfer, Landminen, Korruption …

Ja, man scheint allgemein anzunehmen, ich würde in einen Staat von Mord und Totschlag jenseits aller Zivilisation mit einer gehörigen Portion Macho-Nationalismus aufbrechen. Langsam wird sogar mir ob dieser Wortmeldungen ein wenig mulmig. Nur zu gut erinnere ich mich an die Staatsgründung vor zehn Jahren, welche die Wiener kosovarische Gemeinschaft in überbordender Euphorie mit beflaggten Wägen feierte. Unter lautstarkem Hupen fuhr Mann durch den zweiten Bezirk. Nackte maskuline Oberkörper ragten aus den Autofenstern, die Fahne einer neuen Nation schwingend. Frauen? Waren keine zu sehen. Solche Bilder vergisst man nicht. Vor allem, wenn man den Nationenbegriff für überholt und den derzeit erstarkenden Nationalismus als Gefahr für ein vereintes Europa ansieht.

Was erwartet mich?

Je näher das Abreisedatum rückt und je mehr die dringende Arbeit der Tage lautet, alles unbedingt Nötige in die erlaubte Kilogrenze des Fluggepäcks zu zwingen, umso unruhiger werde ich. Worauf ich mich einlasse, ich habe keine Ahnung. Google Street View zeigt mir Photos beliebiger Privatpersonen; hinsichtlich der Bekleidungsvarianten stellt sich mir ein Bild dar, welches ich unter ‘europäisch’ subsumieren würde; offenbar ist trotz muslimischer Bevölkerungsmehrheit nicht mit jener Erfahrung zu rechnen, die ich während meiner letzten Recherchereise in die Türkei 2015 machte.

Nach dem Machtwechsel dort war möglich geworden, was ich zuvor während zahlreicher Arbeitsaufenthalte von Ankara bis Izmir nie erlebt hatte: Auf der Straße von Passant*innen angehalten zu werden, weil jene*r erbost ein Kopf- oder Halstuch einmahnte, den seitlichen Schlitz bis in Kniehöhe im sommerlichen Kleid beanstandete. Kaum werde ich an das damit verbundene unangenehme Gefühl erinnert, kehrt auch der Gesichtsausdruck eines türkischen Freundes in mein Bewusstsein zurück.

Es war Ende August 2014 in Izmir, als wir beide die Bekanntgabe der Ergebnisse der türkischen Präsidentschaftswahlen im Fernsehen mitverfolgten: “Die Zeiten werden sich ändern. Gott stehe uns bei!”, murmelte er, der Atheist, auf Deutsch. Sein Entsetzen war mir Vorbote der nahenden Einschränkungen der Freiheiten der türkischen Bevölkerung. Selbstgewählt, aus Sehnsucht nach ‘dem starken Mann’, entgegnet ein anderer Freund. Das jedoch tut meines Erachtens nichts zur finalen Sache; die Demokratieverdrossenheit hingegen schon …

Das Leben einer Stadtschreiberin

In der Hoffnung, im Kosovo wenigstens der Höflichkeit des “Guten Tag!” Genüge tun zu können, beauftragte ich den ‘Buchstaben-Dealer meines Vertrauens’ mit der Bestellung eines Reiseführers samt unabdingbar notwendigem Alltagsvokabular. Als er mir die Bücher über den Verkaufstisch reicht, meint er, solch ein Aufenthalt als Stadtschreiberin, in die Kultur eines Landes eingebunden, sei sicher ungemein anregend, interessant und bereichernd. Er ist der Erste, der sich uneingeschränkt positiv dazu äußert.

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Es behagt mir nicht, dass ich just ihm widersprechen muss, denn ‘eingebunden’ wird man meiner bisherigen Erfahrung nach nicht. Es verhält sich eher wie folgt: ‘Dies ist die Wohnung, hier der Schlüssel. In einem Monat hole ich mir Arbeitsbericht und Schlüsselbund !’ Mit einem Wort: abgestellt. Und auf sich selbst angewiesen: Nun schaffe dir ein soziales Netzwerk, in einer Umgebung, deren Eigenheiten du nicht kennst, unter kulturellen Besonderheiten, die dir unbekannt sind, in einem Sprachraum, der dir nicht vertraut ist. Vor allem jedoch: arbeite! Eine spannende Herausforderung, der sich zu stellen durchaus auch Mut verlangt. Und eine gehörige Portion Abenteuerlust.

Während der letzten Nächte vor der Abreise schlafe ich nicht besonders tief. Sorgen schleichen durch meine Träume. Ich kontere ihnen mit ‘Ich will!’: Will arbeiten, will die Welthaltigkeit meines Erzähluniversums nähren, will diesen jungen Staat erfassen, dessen bestimmter Artikel uns im Deutschen die Qual der Wahl zwischen ‘das’ und ‘der’ lässt; nur im Hinblick auf die Bewohner*innen herrscht sprachliche Einigkeit: die Kosovo-Albaner*innen.

Versuch über die Wahrheit

Am Tag vor meiner Abreise ruft Sandra an, eine junge Österreicherin, die seit mehreren Jahren als Lektorin an der Universität Prizren arbeitet: “Keine Bange!”, sagt sie. “Hier sprechen sehr, sehr viele Deutsch. Zwar dasjenige deutscher Talkshows, aber … na ja. Außerdem sind die Kosovo-Albaner ungemein nett, aufgeschlossen und freundlich! Es wird Ihnen sicherlich gefallen! Machen Sie sich keine Sorgen!”

Man sollte diese jungen Akademiker*innen, die ins Ausland aufbrechen, um sich dort erste Lorbeeren in der Lehre zu verdienen, zu Ehrenbotschafter*innen ernennen! Schließlich tragen sie nicht bloß das Ihre zu weltweiten Deutschkenntnissen bei, sie sind auch noch allzeit bereit, von neuen Heimatländern zu schwärmen. Es werde mir also sicherlich gefallen, keine Bange, keine Bange … Der Blick ins Wörterbuch ließ mich nämlich nervös werden. Mir scheint, diese Sprache habe mit keiner, die mich bisher je beschäftigte, auch nur das Mindeste gemein. Sollte jemand “Mirëserdhët!” (Willkommen!) zu mir sagen, hätte ich zu antworten: “Mirë se ju gjeta!” (Möge ich dich in bestem Wohlbefinden antreffen!) Welch schöner Wunsch, sollte ich es je schaffen, diese Wörter verständlich auszusprechen.

Mein Versuchsvorhaben lautet jedenfalls, ohne jedwede Vorbereitung, das gewohnte ‘Wasser’ verlassen und in ein mir gänzlich fremdes Habitat einzutauchen, um herauszufinden, was sieht das Auge in neuer Umgebung, wenn es nichts mitbringt außer sich selbst? Samt Vergangenheiten und Erinnerungen, persönlichen sowie globalen? Und darüber ein Buch zu schreiben, “Kosovarische Korrekturen. Versuch über die Wahrheit” – denn mehr als ein Versuch wird es nie sein können. Das liegt in unserem Menschsein begründet.

Lebensverwobenheiten

Kaum angekommen streife ich durch die Stadt, jeden Tag aufs Neue. Halte inne, schaue, nehme wahr. Nur zu Fuß lässt sich ein Ort begreifen, empfinden. Abends die brennenden Fußsohlen kühlen, morgens erneut in die Sportschuhe und losziehen. Bestückt mit Notizbuch, Stift, Kamera-Kunstauge, um Ohren wie Augen zu ergänzen. Der Blick durch das Okular ist nochmals ein anderer, als derjenige des eigenen Auges. Er engt ein, fokussiert Details. Nach solch einem Tag gehört die Nacht den Notizen; und der Lektüre. Dass ich mir für jene Wochen just Cees Nootebooms “Allerseelen” ins Reisegepäck legte, mag einer Zufall nennen.

Ich sehe darin eine der Lebensverwobenheiten, die eines der Geheimnisse unserer Arbeit sind, welche eben zu einem hohen Anteil aus Assoziationen besteht. Dass ich dennoch ob dieses Akzidens’ auflachen muss, wird ein jeder verstehen, der sich an die darin dargestellt Geschichte erinnert: Der Protagonist streift in einer ins Unendliche gedehnten Passage durch das abendliche Nach-Wende-Berlin, erlebt und begreift diese Stadt vor der Folie seiner eigenen Vergangenheit. Ergänzt um Gespräche und Begebenheiten wird sie ihm Gegenwart.

Bald schon lerne ich in Prishtinë, Prizren und Gjakova Auslandsösterreicher*innen kennen. Sie stellen mir wiederum ihre kosovarischen Freund*innen vor, die mich in ihre Familien und zu ihren Freund*innen bringen. Ein Netzwerk entsteht, in dem jeder mir, dem ‘fish out of water’, die helfende Hand reicht!

Last-Minute-Gesellschaft

Der Kosovo ist ein junger Staat, der bis heute im Bewusstsein vieler nicht einmal existiert, und deshalb auch auf zahlreichen internationalen Formularen noch immer nicht vorkommt, weil manche – wie Serbien – die Existenz eines eigenen Staates Kosovo nicht anerkennen. Um diesen Akt wird bis heute gerungen. Manchmal auch mit Mitteln, die mir kaum ein zielführender Weg in eine Zukunft scheinen. So wurde zum Beispiel im November 2018 ein hundertprozentiger Steueraufschlag auf serbische Waren beschlossen, um so eine Anerkennung zu erzwingen. Mir dünkt, diese noch immer nicht erfolgte internationale Anerkennung sei ein weiterer Beitrag zu all den Schwierigkeiten im Land, die in ihrer Gesamtheit bewirken, dass engagierte Bürger*innen den Mut verlieren.

Elisabeth, eine Auslandsösterreicherin, die seit mehreren Jahren in der kosovarischen Hauptstadt lebt und arbeitet, betont mir gegenüber vor allem auch, dass es sie ärgere, nein, vielmehr wahrhaft zornig mache, stülpe man diesem jungen Staat im Ausland unreflektierte Bilder über, die ein verfremdetes Konterfei des Kosovo zeichnen, fern jeder Realität: die Pferdekarren der Roma als einzig existentes Fuhrwerk, Landminen, Schutt und Asche allüberall, dem Untergang geweiht, eine Gefahr: Das habe doch bitte nichts mit der hiesigen Wirklichkeit zu tun!

Ich denke an die Schreckensbilder, die man mir vor meiner Abreise malte, und von denen sich keines auch nur annähernd bewahrheitete … mir bloß eine Unruhe bis in die ersten Tage bescherte.

Ja, der Kosovo sei ein Land, welches um so vieles mehr zu erzählen habe, als nur die Geschichte vom sprichwörtlichen Pulverfass, stimmt die österreichische Konsulin Eva Michlits zu. Werde jedoch in den Medien stets nur vom jüngsten Eklat berichtet, entstünde ein vollkommen verzerrter Eindruck, der nichts mit dem modernen, aufstrebenden Land zu tun habe. Und selbst wenn hier naturgemäß die Dinge etwas anders laufen als in Berlin oder Wien, entspannter, könne an solch einer ‘last minute society’ die Flexibilität als bereicherndes Element gelernt werden. Auch sei ihr an keinem ihrer bisherigen Lebensorte als Diplomatin die Integration so leicht gefallen wie hier. Der Kosovo sei ein junger Staat, das bedürfe der Geduld.

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Ihre Gelassenheit verliere sie nur, ergänzt Elisabeth, komme man ihr mit stereotypem Unfug – statt sich aufzumachen und dieses Land in seiner Wahrhaftigkeit zu entdecken.

Und jetzt?

Noch bevor ich meinen Aufenthalt im Kosovo beende, weiß ich, ‘Hilfsbereit’ ist der Kosovar*innen zweiter Vorname. Hier, so dünkt es mir, interessieren sich Menschen wirklich dafür, wie ich mich fühle, was ich denke, wie ich zurechtkomme; vorsichtig tastend fragt man nach, respektiert meine Zeiteinteilung, mein Arbeitspensum, weder mag man sich aufdrängen noch will man es übersehen, sollte ich Hilfe welcher Art auch immer benötigen. Und ‘Herzlichkeit’ würde ich als dritten Vornamen der Kosovari*innen empfehlen …

Wurde mir, wie vielen anderen ausländischen Bewohner*innen-auf-Zeit auch, aus diesem Grund ihr Land so lieb, während jener Wochen? Gut möglich. Es ist ein Ort, an den ich seither manchmal und stets gerne zurückkehrte. Nur meine letzte geplante Reise nach Prishtinë hatte ich zu stornieren; weil die Pandemie begann. Oft denke ich an all die Menschen, denen ich im Jahr 2018 begegnete, die ich kennenlernen durfte – und wissend um die Problematik des Gesundheitssystems und der miserablen Ausstattung der Spitäler im Kosovo, wo schon eine Frühgeburt tödlich enden kann, bin ich in Sorge um sie. “Mirë se ju gjeta!”, murmle ich dieser Tage manchmal, “Mirë se ju gjeta!”, möge ich dich in bestem Wohlbefinden antreffen, wenn wir uns wiedersehen!

Anm. d. Red.: Der Beitrag basiert auf dem Buch der Autorin, das den Titel trägt: Kosovarische Korrekturen. Versuch über die Wahrheit. Wien: Promedia Verlag 2019.

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