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KOLUMNE * Red Flag

Erstellt von DL-Redaktion am Sonntag 4. Dezember 2022

Lieber Schamflüge und Extra-Scheine für die Lieben

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Kolumne von Fatma Aydemir

Es ist ja nicht so, dass Scham allzu oft in der Geschichte für Fortschritt gesorgt hätte.

Das Jahr 2022 war für mich das Jahr des Zugfahrens und damit anders als die beiden Pandemiejahre zuvor. Zum einen saß ich selbst ständig in Zügen auf dem Weg zu Lesungen überall im Land. Die Geschichten von Zügen, die plötzlich und stundenlang in der Pampa stehen bleiben, vom Warten auf Anschlüsse in kalten Bahnhofshallen mit abmontierten Sitzbänken, vom Frust über das beschränkte Angebot (Wasser und Currywurst) im Bordbistro, von durch Waggons fliegenden Beleidigungen wegen der Aufforderung, eine Maske zu tragen, erspare ich Ihnen jetzt mal. Es saßen zum anderen nämlich auch die Menschen, denen ich begegnete, viel häufiger in Zügen, wie sie bei jeder Gelegenheit stolz verkündeten.

„Es ist einfach unverantwortlich angesichts des Klimas zu fliegen,“ sagte mir etwa eine Mutter, kurz bevor sie allein mit ihrem 3-Jährigen in den Zug stieg, um eine 20-stündige Reise mit fünf Umstiegen nach Südeuropa anzutreten. Respekt, dachte ich mir. Natürlich hat sie Recht, doch gehört neben einem ökologischen Bewusstsein nicht auch sehr viel körperliche und mentale Kraft dazu, einen Koffer, fünf Essenspakete und eine 15 Kilo schwere Nervensäge einen Tag lang von Zug zu Zug zu schleppen? Wie lange muss ein Urlaub sein, damit er nicht allein dem Erholen von solch einer Anreise dient? Wer hat überhaupt so viel Zeit?

Wie können Staatsbetriebe funktionieren wenn in den Spitzen von Verwaltungen die Typen aus den Clan Parteien sitzen und von dort die gleichen Schnarch Geräusche wie aus  den Regierungen zu hören sind? Die Räder sind schon vor 60 Jahren nicht rund gelaufen.

Mittlerweile empfehlen ja auch Institutionen, die zu Vorträgen ins Ausland einladen, ihren Gästen, besser den Zug zu nehmen. So fällt mir erst auf, welche innereuropäischen Strecken gut angebunden sind. Von Berlin nach London etwa kommt man anscheinend schon in zwölf Stunden mit zwei Umstiegen. Kann man durchaus machen (daumendrückend, dass der deutsche Teil der Zugreise auch pünktlich losgeht und nicht irgendwo lahmliegt). Allerdings liegt der Gesamtpreis der Zugverbindung bei mittelfristiger Buchung ziemlich genau beim doppelten Preis des Hin-und-Rückflugs mit Ryanair, jeweils in eineinhalb Stunden. Auf Einladung zu einer Konferenz kann man sich den Luxus bestenfalls vom Gastgeber bezahlen lassen. Wer allerdings mit Kind und Kegel eine private Reise plant, müsste ein enormes Budget haben und noch dazu ein sehr großes Herz – fürs Klima, für gelangweilte Kinder und insbesondere für England.

Natürlich ist Flugscham nichts Neues, sie scheint nur von Jahr zu Jahr präsenter zu werden, ohne dass wirklich politische Konsequenzen daraus folgen. Okay, es wäre toll, wenn wir alle ganz individuell unsere CO2-Fußabdrücke minimierten, während Industrie und Handel die Erde fröhlich weiter verpesten. Aber wäre es nicht noch toller, wenn es günstiger käme, klimafreundlich zu verreisen? Wenn Zugreisende mehr Urlaubstage bekämen, weil sie mehr Zeit für die Reise aufbringen müssen, und diese Reisen halb so viel kosten würden wie der Billigflieger, und nicht umgekehrt? Andernfalls bleibt klimafreundliches Reisen allein Distinktionsmerkmal einer aufgeklärten Schicht, der es anscheinend an Ressourcen wie Zeit und Geld sowieso nicht mangelt. Und eben Geduld, wo immer die Deutsche Bahn involviert ist.

Quelle         :         TAZ-online        >>>>>        weiterlesen

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Grafikquellen          :

Oben     —   Eine wehende rote Fahne

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Unten     —   Ebenhausen, nach dem Eisenbahnunfall am 2022-02-14 mussten die Fahrgäste wegen des steilen Bahndamms über Leitern evakuiert werden. Der Versatz der Wagenkästen zeigt, dass mindestens einer der Wagen entgleist ist. Foto mit freundlicher Erlaubnis der Pressestelle der Bayerischen Polizei.

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