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KOLUMNE Fernsicht-China

Erstellt von DL-Redaktion am Samstag 3. September 2022

Ahnenanbetung in sozialen Medien als moderne Regimekritik

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Von    : Shi Ming

Ahnenanbetung, so scheint es, ist im Westen, insbesondere in westlichen Demokratien, oft eine heikle Sache, umso mehr, wenn damit auf etwas angespielt wird, von dem sich gleich viele peinlich berührt fühlen. Etwa: Ein SPD-Anhänger schwärmt urplötzlich für Willi-Brandt, wegen dessen Kniefalls in Warschau; und ein anderer besingt – genauso urplötzlich – Helmut Schmidt, der Ronald Reagan angefleht hatte, Pershing-II-Raketen auf westdeutschem Boden zu statieren.

Beide schweigen Olaf Scholz tot, seine „Zeitenwende-Rede“, um die deutsche Unterstützung der Ukraine gegen Putins Angriffskrieg zu unterstreichen, und sein Schweigen über Putins lieben Freund Gerhard Schröder, der für Scholz ein viel direkterer Ahn ist, dem zu folgen Scholz aber die Koalition kosten könnte. Schröder öffentlich zu kritisieren könnte andererseits die ohnehin schwache SPD in der Wählergunst genauso gefährden.

So oder so ähnlich verhält es sich zurzeit in China – nur viel krasser: Für zehn Tage im August schwollen in Chinas sozialen Netzwerken die Bewunderungswellen für Deng Xiaoping an, derweil es kaum jemand wagte, Mao Zedong zu loben. Dabei sind beide geheiligte Ahnen – in der Satzung der KP Chinas genauso wie in Chinas Verfassung. Der Schmerzpunkt: Mao hatte durch Kulturrevolution China an die Wand gefahren, derweil Deng mit seiner Öffnungs- und Reformpolitik, so die bisher offiziell erlaubte Lesart, maoistische Fehler korrigiert und China Prosperität beschieden hat. Für zehn Tage wurde Xi Jinping, der amtierende Parteichef, eisern gemieden. Zehn Tage zuvor hätte das an Majestätsbeleidigung gegrenzt. Im autoritären China sollte Majestätshuldigung an keinem einzigen Tag fehlen.

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Im demokratischen Deutschland hingegen passiert den SPD-lern, egal ob sie Brandt oder Schmidt als Ahnen anbeten, nichts, selbst wenn sie damit Olaf Scholz im Berliner Kanzleramt so oder so einen Bärendienst erweisen würden. Ja, sie hätten dem Amtsinhaber ins Gesicht sagen dürfen, wenn nicht sollen, wo es langgeht: Noch einmal ein Kniefall, diesmal womöglich in Moskau, im Namen des Weltfriedens oder ein Kalter Krieg 2.0, im Dienste der Gerechtigkeit?

Dem allmächtigen KP-Chef sagen, wo es langgeht, ist im gegenwärtigen China ein absolutes No-go. Lange wurde dennoch die Ahnenanbetung streng eingeschränkt: Jegliche positive Äußerung über Deng wurde zensiert, auch weil Xi Jinping wieder belebt, was Deng angesichts Fehler aus der Mao-Ära verboten hatte: den Personenkult; eine unbegrenzte Amtszeit für Parteichefs etwa oder tollkühne Provokationen gegen den Westen – zu Unzeiten.

Quelle      :       TAZ-online         >>>>>       weiterlesen

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Grafikquellen          :

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