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Erstellt von DL-Redaktion am Samstag 1. Januar 2022

Die Impfpflicht war schon im Kaiserreich ein stumpfes Schwert

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Das Foto könnte auch im Bundestag gemacht worden sein. Denn es sind so ziemlich alle Farben vertreten. Vielleicht lebten die auch schon in einer politischen Pandemie und wussten es nur nicht.

Von Malte Thießen

Beim Impfen ging es schon immer um gesellschaftliche Grundsatzfragen – eine kleine Problem Geschichte der Gegenwart. Die Impfpflicht war schon im Kaiserreich ein stumpfes Schwert.

Pandemien sind die politischsten aller Krankheiten. Das Prinzip Ansteckung macht das Verhalten des Einzelnen zum Problem aller. Schon die Konjunktur an Sündenböcken im Frühjahr 2020 beruhte auf dieser einfachen Erkenntnis. Die Ausgrenzung „chinesisch“ aussehender Menschen als „Infektions­treiber“ suggerierte eine Lokalisierung der unbekannten Bedrohung und schuf ein trügerisches Sicherheitsgefühl: Die Pandemie, das waren die anderen.

Mit steigenden Infektionszahlen erhielt die Pandemie ein demokratisches Antlitz. In ihrer berühmten Fernsehansprache warnte Angela Merkel im März 2020 vor dem Virus, von dem „unterschiedslos jeder von uns betroffen sein“ könne. Angesichts großer sozialer Unterschiede sowohl beim Infektionsrisiko als auch bei den sozialen Folgen der Eindämmungsmaßnahmen warfen solche Gleichheitsappelle zwar damals schon Fragen auf. Immerhin aber sensibilisierten sie unsere Bedrohungswahrnehmung. Nicht Viren sind das Problem, sondern unser Verhalten und unsere Verhältnisse. Die Ausbreitung der Pandemie hängt davon ab, wie wir arbeiten, leben und lieben. 2020 lernten wir eine wichtige Lektion: Die Pandemie, das sind wir.

Eine zweite Lektion erteilte uns Corona wenig später: Immunität ist relativ. Impfungen sind zwar das effektivste Mittel gegen Pandemien. Sie bieten einen hohen Schutz vor Infektionen und Erkrankungen. Ein absolutes Sicherheitsversprechen geben sie allerdings nicht. Die Beobachtung, dass mitunter auch Geimpfte ansteckend sein können, trübten die anfängliche Euphorie über die Erfolge des Impfprogramms.

Die aktuelle Enttäuschung über die vierte Welle ist ein Beleg, wie tief unser Sicherheitsgefühl erschüttert worden ist. Für die Deutschen gaben Impfungen seit Jahrzehnten ein Versprechen auf ein seuchenfreies Leben. Und tatsächlich spielten Infektionskrankheiten in unserem Alltag schon lange keine Rolle mehr. Unser Sicherheitsgefühl war also erfahrungsgesättigt. Pocken, Polio, Diphtherie, Masern, Mumps und Röteln gehörten dank Impfprogrammen seit den 1970er Jahren einer grauen Vorzeit an. Zwar war Immunität damals schon relativ – ein hoher Schutz, aber kein absolutes Sicherheitsversprechen. Der nur relative Schutz war wegen der hohen Herdenimmunität allerdings nur für Ex­per­t:in­nen von Belang, nicht für unseren Alltag.

Die plötzliche Sehnsucht nach der Impfpflicht ist auch eine Reaktion auf die Erschütterung unseres Sicherheitsgefühls. Die Hoffnung, mit der Pflicht die vierte Welle zu brechen, hegt zwar kaum noch jemand. Aber zumindest die fünfte oder sechste Welle könnte dank einer Impfpflicht leichter ausfallen oder vielleicht sogar ganz vermieden werden. Darüber hinaus senkt Immunität die Wahrscheinlichkeit von Mutationen. Je mehr Menschen geimpft sind, desto geringer ist das Risiko, dass das Virus in neuem Gewand zurückkommt und unseren Impfschutz umgeht. Immunität sollte in Zukunft also globaler gedacht werden, als globales Projekt.

Warum aber ist die Impfpflicht so umstritten? Was treibt eine relativ große Minderheit immer wieder auf die Barrikaden, wenn es um die Spritze geht? Eine erste Antwort lautet noch einmal: Politik. Nicht nur Pandemien sind politisch, ihre Prävention ist es auch. Impfungen eröffnen seit dem 19. Jahrhundert eine Arena, in der um Weltbilder gerungen wurde und wird. In Teilen Ostdeutschlands – aber nicht nur dort – lässt sich das gerade wie unter einem Brennglas studieren. Hier fungiert Impfkritik als Ventil für eine Unzufriedenheit, die tiefer liegt als die Coronakrise. Rechte und Populisten haben das Mobilisierungspotenzial des Impfens schon früh ausgeschöpft. Im Bundestag brachte sich die AfD bereits im Mai 2020 gegen eine Impfpflicht in Stellung, zu einer Zeit also, in der wir von Impfungen gerade mal zu träumen begannen; zu einer Zeit auch, als Bundesgesundheitsminister Jens Spahn eine Impfpflicht ebenso kontinuierlich wie kategorisch ablehnte.

Prävention war schon immer politisch, weil sie als Chiffre für andere Dinge herhält. So eröffnet das Impfen eine Projektionsfläche, auf der Vertrauen in staatliche Einrichtungen verhandelt wird. Rechte und Populisten brachten Impfungen als Symbol einer „Merkel-Diktatur“ oder für das Gefühl in Stellung, dass „die da oben“ an der Lebenswirklichkeit vorbeiregierten. Immunität diente als Ventil für den Frust, der sich seit Jahren angestaut hatte. Erst das Mobilisierungspotenzial in Zeiten der Pandemie macht die starke Impfkritik in Teilen Ostdeutschlands nachvollziehbar. Denn noch 2019 lag die Impfakzeptanz im Osten deutlich höher als im Westen.

Eine zweite Erklärung der Impfskepsis ist komplizierter, aber umso wichtiger. Die rechte Mobilisierung ist nur ein Teil des Problems. Impfprogramme öffnen weitere Spannungsfelder, auf denen um die Grundsätze der Gesellschaft gerungen wird. Zunächst einmal testen Impfungen die sozialen Bindekräfte. Immunität bietet ja nicht nur dem Einzelnen, sondern vielen weiteren Menschen Schutz. Alte und Vorerkrankte, die trotz Impfung ein höheres Infektionsrisiko tragen oder nicht geimpft werden können – sie alle sind sicherer, wenn die Quote steigt. Schon die Werbung für die Polioimpfung seit den 1960er Jahren trug diesem Phänomen Rechnung. Beim Impfen ging es damals nie nur um den Selbstschutz, sondern mehr noch um den Schutz der Allgemeinheit und die Sicherheit der Bedrohten.

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Die Akzeptanz von Impfungen hängt demnach von der Fähigkeit ab, das Impfen zu einer sozialen Frage zu machen – und überzeugende Antworten zu geben. Die soziale Frage zielt nicht zuletzt auf unseren Nahbereich, wo Risikogruppen als Mama oder Opa mit am Tisch sitzen, wo Skepsis oder Bequemlichkeit als Bedrohung spürbar wird. Im Zeitalter der Selbstoptimierung stellt sich die soziale Frage ganz besonders. Denn eine Pandemie verwandelt die Sorge um den eigenen Körper schnell in existenzielle Sorgen der ­Vulnerablen.

Seit dem 19. Jahrhundert gab es gegen solche Sorgen eine einfache Lösung: die Impfpflicht. Die erste deutsche Impfpflicht gegen die Pocken regelte das Verhältnis zwischen dem Individuum und der Allgemeinheit. Sorgen des Einzelnen vor Nebenwirkungen und „Impfschäden“ sollten zurückstehen gegenüber den Sorgen um die ­Gesellschaft.

Mit der Impfpflicht wurde der ­Vorsorgestaat geboren, der die Fürsorgepflicht für seine Bür­ge­r:in­nen übernahm und diese notfalls zu ihrem Glück zwingen durfte.

Die Impfpflicht erwies sich als stumpfes Schwert. Sie stachelte nicht nur Leugner an, die das Impfen als Teufelszeug abtaten oder als „jüdische“ Verschwörung gegen den „Volkskörper“. Sie mobilisierte ebenso Kritiker, die das Impfen befürworteten, aber staatliche Interventionen ablehnten. Schon im 19. Jahrhundert waren das nie nur rechte Schwurbler, sondern ebenso Vertreter des Liberalismus und des Katholizismus.

Quelle      :      TAZ-online     >>>>>       weiterlesen

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Grafikquellen          :

Oben     —      Die bunten Farben der Politik. Der Aufsichtsrat der IG Farben, Deutschland. Vorne (links) IG Farben Carl Bosch.

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