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„Ich spreche mit Russen“

Erstellt von Gast-Autor am Montag 22. September 2014

Das Gellermann-Geständnis

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Autor: U. Gellermann

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Datum: 22. September 2014

Er hatte ein Geheim-Papier veröffentlicht, der sehr linke Bundestagsabgeordnete Wolfgang Gehrcke. Ein Papier aus dem deutschen Aussenministerium, zusammengeschustert von EU-Botschaftern. Ein Kern des Papiers: Berufsverbot für russische Journalisten, Einschränkung der Pressefreiheit. Mitten im total freien Europa. Da sollte man denken, die völlig freien Medien Deutschlands hätten dem Mann das sensationelle Papier aus der Hand gerissen. Und was draus gemacht. Aber irgendwie kam es anders. Und deshalb musste ich mit den Russen reden. Mit dem Oligarchen-Fernsehen REN-TV. Eine private russische TV-Station, an der mit 30 Prozent auch RTL beteiligt ist. Ausgerechnet ich, der weder Oligarchen noch RTL sonderlich leiden mag, ich musste mit denen reden. Ich wurde faktisch gezwungen.

Denn das Gehrcke-AA-Papier hätte eigentlich einen kollektiven Aufstand der freien deutschen Medien auslösen müssen, um der Pressefreiheit willen. Der berühmte investigative SPIEGEL hätte bei Auftauchen eines solchen Papiers mindestens drei EU-Aussenminister befragt: „Kann es wahr sein, das angedrohte Berufsverbot? Und wenn, muss es denn wahr sein?“ Um anschließend einen frischen Trend auszumachen: „Das Berufsverbot als neuer Mainstream“.

Die aussenpolitisch versierte SÜDDEUTSCHE ZEITUNG wäre eigentlich versucht gewesen, das Thema in einem Interview mit dem NATO-Generalsekretär anzuschneiden: „Erhöht das Russen-Berufsverbot die atlantische Sicherheit und warum?“ Von der ZEIT wäre ein Aufsatz von Jürgen Habermas veröffentlicht worden: „Verbote als integrativer aber entgrenzter Anteil europäischer Entwicklung“. In der ARD hätte es ein höchst kritisches Sommer-Interview mit der Kanzlerin geben müssen: „Auch wir halten Berufsverbote für notwendig, aber sind Sie sicher, dass es reicht sie auf Russen anzuwenden?“ – Darauf Merkel: „Das kann man so, aber auch so sehen.“

Aber dem erregenden Gehrcke-AA-Papier folgte dröhnendes Schweigen. BILD-Online mochte es mal gerade erwähnen, natürlich ohne die linke Quelle, und nur unter dem Aspekt der Terror-Bekämpfung: „Ukraine-Krise: EU will Putin-Rebellen auf Terror-Liste setzen“. Der Westberliner TAGESSPIEGEL erwähnte das AA-Leck verschämt als eine Art Notwehr-Maßnahme: „Der estnische Vertreter (in der EU-Berufsverbots-Debatte) erklärte, die russische Propaganda sei „unerträglich“ und funktioniere besser als früher die sowjetische Propaganda.“ Das ist zwar keine Kunst, aber auch der TAGESSPIEGEL weiß wovon er schreibt: In der Ukraine-Krise waren und sind deutsche Medien Meister der Propaganda. Wohl deshalb haben sie das Papier einfach tot geschwiegen. Wenn der Deutsche nix weiß, denkt er keinen Scheiß, sagten sich die vereinigten Chefredaktionen und wandten die einfachste Form der Propaganda an: Die Omerta, das Schweigegebot nach Mafia-Art.

Als alle schwiegen, musste ich ran. Nicht gerade Inhaber eines Medienkonzerns, aber einer gut besuchten Web-Site. Und kaum hatte ich die fatalen Inhalte des Papiers ins Netz gestellt, meldete sich bei mir eine gewisse Diana von REN-TV. Ob ich denn bereit wäre ein Interview zum drohenden Berufsverbot für russische Journalisten zu geben? Na, ja, ich sei gerade auf Mallorca und wolle ein wenig Urlaub machen, sagte ich. Macht nix, entgegnete Diana, wahrscheinlich eine Gas-Prinzessin, sie würde ein Kamera-Team vorbei schicken. Und so kamen sie denn, zwei nette junge Leute, sprachen nur Spanisch und Russisch und bauten ihre Gerätschaften hinten im Garten auf.

Mir fielen Sätze wie dieser ein: „Russland ist der Nachbar der Deutschen in Europa. Mit seinem Nachbarn sollte man ein gutes Verhältnis haben.“ Oder: „Wir Deutschen haben den Russen im letzten Weltkrieg ein schweres Leid bereitet: Wir haben Millionen Tote verursacht.“ Und: „Die Beschneidung journalistischer Freiheit widerspricht dem Völkerrecht. Ich als Journalist will in keinem Land der Welt in meiner Arbeit behindert werden. Auch deshalb halte ich die Absicht der EU für dumm und ärgerlich.“ Dann packten die jungen Leute wieder alles zusammen und ich wusste: Eine Woche lang würde ich im Ort Gesprächsthema sein: Das ist der, würden sie sagen, der mit den Russen geredet hat. Spanier meinen diesen Satz nicht abträglich.

Das sieht in Deutschland natürlich anders aus. Lese ich doch nach dem Interview, in eben dem SPIEGEL, der sich über die Russen-Berufsverbote so gründlich ausschweigt, dass der oberste Bundespräsident aller Deutschen, der Bundes-Joachim, gar nicht mit den Russen reden will. Er fährt da nicht hin, sagt er, ohne bisher eingeladen zu sein. Meine Tante Gerda war auch so: Wenn die wusste, dass sie zu Onkel Hermanns Geburtstag nicht eingeladen werden würde, dann erklärte sie kategorisch, da wolle sie keinesfalls hin! Nie und nimmer nich.

Aber Gauck ist nicht Tante Gerda. Bei dem geht es vielleicht doch um Prinzipien dachte ich: Freiheit und so. Und googelte mir die Finger wund, um aus den deutschen Medien was über das geheime Gehrcke-AA-Papier zu erfahren. Denn da geht es ja auch um Freiheit – die der anderen. Fand aber gar nichts in den alten, von West-Deutschland beherrschten Medien. Also dachte ich, gukste mal in das NEUE DEUTSCHLAND. Auch nichts. Keine Meldung. Kein empörter Kommentar. Jetzt mache ich mir echte Sorgen. Vielleicht war es doch falsch mit den Russen zu reden. Vielleicht fängt echte Freiheit erstmal damit an, dass man sich selbst den Mund verbietet. Und deshalb, an dieser Stelle: Lieber Onkel Joachim, liebe Tante NEUES DEUTSCHLAND, ich will es auch nicht wieder tun, mit den Russen reden. Außer vielleicht der Frieden wäre gefährdet. Aber das würdet ihr mir sicher rechtzeitig sagen. Euer Uli Gellermann.


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