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Gewalt . /. Frauen im Krieg

Erstellt von DL-Redaktion am Mittwoch 6. April 2022

Wir brauchen eine feministische Außenpolitik

House on Bohatyrska Street after shelling of 14 March 2022 (16).jpg

Eine Kolumne von Samira El Ouassil

Frauenkörper werden im Krieg politisch missbraucht – trotzdem beachtet Außenpolitik oft nur Männer. Eine feministische Perspektive würde zeigen: Alle Geschlechter leiden im Krieg.

Die »New York Times« hat Berichte über Vergewaltigungen und sexuelle Gewalt an ukrainischen Frauen seit Kriegsbeginn zusammengetragen. Ukrainische Beamtinnen sowie die Parlamentsabgeordnete Maria Mezentseva erklären, dass diese zunehmen. Die Zeitung zitiert die ukrainische Anwältin Kateryna Busol: »Mir wurden Vorfälle von Gruppenvergewaltigungen, Vergewaltigungen vor Kindern und von sexueller Gewalt nach der Tötung von Familienmitgliedern geschildert.«

Die Aussagen sind noch unbewiesen, aber aufgrund von Erfahrungen früherer Kriege sind schlimmste Befürchtungen berechtigt. Genau deshalb braucht es eine feministische Perspektive in der Außenpolitik. Eine Sichtweise, welche die geschlechtsbezogenen Unterschiede bei den Auswirkungen von Konflikten berücksichtigt, wahrnimmt und anerkennt und welche die Konsequenzen, die ein Krieg auf alle Geschlechter hat, verhandelt.

Frauen sind vom Krieg anders betroffen als Männer. Männer werden zum Kampf gezwungen – manche ziehen auch freiwillig los – und müssen ihre Leben in einem Konfliktraum politisch einsetzen. Judith Butler schrieb in Bezug auf demokratische Massenversammlungen: »Damit Politik stattfinden kann, muss der Körper erscheinen.« Der Krieg ist die Pervertierung dieser Idee, da es die Körper politisch als Ressource, Munition oder Schutzwall missbraucht. Männer werden hierbei eher getötet, verwundet oder verschwinden. Aber auch die Körper der Frauen werden in Konflikten politisch missbraucht, wenn auch nicht unmittelbar militärisch. Instabile Situationen verschärfen bestehende Muster der Diskriminierung von Frauen und Mädchen und setzen sie einem erhöhten Risiko von Gewalt aus, dazu gehören willkürliche Tötungen, Folter oder sexuelle Misshandlung.

In einer zynischen Kriegslogik verkörpern Frauen auch das verfeindete Land und wenn sie vergewaltigt werden, zielt diese Gewalt auch darauf ab, die gegnerische Kriegspartei zu schwächen. Die Misshandlung von Frauen ist hier auch militärstrategischer Terror.

Weibliche Körper sind aber auch auf andere Weisen durch den Krieg höchst gefährdet: Durch fehlenden Zugang zur Gesundheitsversorgung, einschließlich der reproduktiven Gesundheit für Frauen und Mädchen, entsteht ein höheres Risiko für ungeplante Schwangerschaften und Müttersterblichkeit – gerade in der Ukraine, wo es überdurchschnittlich viele Leihmütter gibt.

Ebenso sind Transfrauen von dem Krieg in besonderer Weise betroffen, wenn ihnen ihr Frausein an der ukrainischen Grenze aberkannt wird, ihnen nicht erlaubt wird zu fliehen und sie dabei noch körperlich degradiert werden. Auch in anderen Konflikten und Kriegen sind sie einem größeren Risiko sexueller Gewalt ausgesetzt, besonders in Gefangenschaft und Haft. Die ukrainische Trans-Sängerin Zi Faámelu flüchtete in ihrer Verzweiflung durch die Donau schwimmend über Rumänien nach Deutschland.

Manche Frauen nutzen ihre Körper freiwillig oder unfreiwillig politisch vor Ort, sie verteidigen ihre Häuser, aus Angst vor einer Besetzung, sie dokumentieren als Zivilistinnen und Chronistinnen das Geschehen oder sie ziehen bewaffnet in den Krieg, um Widerstand zu leisten.

Die Kriegsreporterin Julia Leeb und die Journalistin Cosima Gill begleiten in dem Podcast »Woman in War« solche Frauen in verschiedenen Konflikten. Auch in der Ukraine halten sie fest, wie Frauen kämpfen, flüchten, Kinder beruhigen, Wasser destillieren – wie zum Beispiel Olena Biletska, welche die »Ukrainian Women’s Guard« gegründet hat. Ukrainische Frauenzeitschriften klären darüber auf, wie man eine Waffe hält, ein vermisstes Kind sucht oder in einem Bombenkeller seine Menstruation oder eine Geburt organisiert.

Das sind alles Aspekte, die eine Außenpolitik berücksichtigen sollte, will sie Politik für alle Menschen sein. Es geht nicht darum, das Leid der Männer in Krieg und Konflikten unsichtbar zu machen, für natürlich zu erachten oder zu relativieren – ganz im Gegenteil: Es geht darum, sichtbar zu machen, dass alle Geschlechter unter den Konsequenzen leiden.

Am letzten Mittwoch wurden im Bundestag in der Generaldebatte die Pläne der Ampelparteien zum Sondervermögen der Bundeswehr besprochen. Dabei fiel der professionelle Provokateur Friedrich Merz durch ein paar merztypische Aussagen auf. Es ging hierbei um die von Olaf Scholz versprochenen 100 Milliarden Euro und um die nicht unwichtige Frage, wofür das Geld genau ausgegeben werden soll.

Merz merzelte herablassend in Richtung der Außenministerin Annalena Baerbock, dass die Ausgaben Investitionen in die Bundeswehr seien – und für nichts anderes. Er verkündete, dass Baerbock zwar von ihm aus feministische Außenpolitik und auch feministische Entwicklungshilfepolitik machen könne. Aber nicht mit diesem Etat für die Bundeswehr.

Baerbock nahm in ihrer Rede Bezug darauf und erklärte: »Die Bundeswehr hier herauszustellen und dann im gleichen Satz zu sagen: ›Okay, Bundeswehr und nicht mehr diese feministische Außenpolitik‹ – mir bricht es das Herz.«

Quelle      ;      Spiegel-online        >>>>>         weiterlesen

Grafikquellen          :

Oben      —         9-storey residential building in Kyiv (Bohatyrska Street) after shelling 14 March 2022 during Russian invasion of Ukraine. One person is known to be killed and 3 persons hospitalized (an article).

2 Kommentare zu “Gewalt . /. Frauen im Krieg”

  1. Dr. Nikolaus Götz sagt:

    Sehr geehrte Frau Ouassil,
    ‚Krieg‘ ist auch dadurch gekennzeichnet, dass er eben „moralische Handlungs-Werte“ außer Kraft setzt. Ob Frau oder Mann, die ‚Kriegerin‘ ist da nicht besser gestellt als der ‚Krieger‘ oder als die Mehrheit aller ‚Männer‘, die vom Staat in den Krieg gezwungen werden (Frauen dürfen die Ukraine verlassen; Männer ab 18 Jahren nicht! Warum aber, ist das so???)!
    Soldatinnen sind ebenso ’schlecht‘ wie Soldaten und ‚foltern’etc. noch brutaler, wie beispielsweise „Abu Graib“ gezeigt hat….oder die … ‚Amazonen‘
    Ihr gewählter „feministischer Ansatz“ ist für die „Kriegspoblematik“ einfach nicht ausreichend
    refleketiert: das zeigt deutlich auch Ihr beschriebener Kriegsblickwinkel: …“Ukrainische Frauenzeitschriften klären darüber auf, wie man eine Waffe hält, ein vermisstes Kind sucht oder in einem Bombenkeller seine Menstruation oder eine Geburt organisiert.“

    Was hat denn die Ex-Bundeskanzlerin der BRD „Frau Merkel“ für eine Politik gemacht????
    Als Hinweis:
    Lesen sie einmal die Geschichte des 30.jährigen Krieges (1618-1648) und was Männer (die berühmten ‚Spanier‘) mit Männern im Krieg alles gemacht haben…(auch Männerkörper leiden…) das ist für einen ‚zivilisierten‘ Menschen im 21. Jahrhundert kaum nachzuvollziehen, aber im ‚Krieg‘ gibt es eben am Ende nur Sieger oder wenn das für ‚die Geschichte‘ besser ist: Siegerinnen!

    Gut ist, dass Sie schreiben, dass im Krieg „…alle Geschlechter unter den Konsequenzen leiden“ Und deshalb ist/wäre aber die politische Forderung zu stellen: Sofortige Abschaffung der „Bundeswehr“! und nicht zu verlangen: eine feministische Außen-Politik! („Was ist eine Solarzelle aus China beim Import nach Deutschland?)
    Mit freundlichen Grüßen
    Dr. Nikolaus Götz (Literaturhistoriker)

  2. O. Liebknecht sagt:

    Seit Monaten versuche ich mir zu erarbeiten was eine „feministische Außenpolitik“ ist.

    Ich vermute also: feministische Außenpolitik hat zum Ziel daß die Taliban mit dem Gendern beginnen…

    Von mir aus!

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