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RENTENANGST

Fast schon Erste Liga

Erstellt von DL-Redaktion am Dienstag 2. Februar 2016

Nicht in Berlin

Ja, wer kennt Bielefeld nicht, oder noch nicht. Eine schöne ruhige Stadt zwischen den Hügeln des Teutoburger Waldes. Auch als Stadt der Seidenweber, des Pudding Baron DR. Oetker und den Wasch – Maschinenbauer Miele bekannt.

Heute auch als eine Stadt welche es eigentlich gar nicht gibt und darum auch ihre Bewohner nicht. Trotz allem habe ich einen Bruder dort und hoffe das sich der Schreiber dieses Artikels nicht auch zu den Anonymen im Internet gesellen wird, da er vielleicht befürchtet bald von den Außerirdischen entführt zu werden. Scheint es doch in ostwestfälischen Kreisen durchaus üblich zu sein sich aus Angst vor den Nachbarn hinter den verschiedensten Namen zu verstecken. IE.

Unser Autor lebt seit 45 Jahren in einer Stadt des Grauens: Bielefeld.

von Klaus Kosiek

Wir waren etwas erstaunt, als die Freunde, die seit 15 Jahren in der Schweiz leben und uns auf ihrer Deutschlandreise für ein paar Tage besuchten, bei Apfelkuchen und Kaffee erklärten, dass sie entschlossen seien, nach Erreichen des Rentenalters nach Deutschland zurückzukehren. Berlin, aber auch Bielefeld zögen sie in Betracht. Alles sei besser als eine Zukunft in der Schweiz, deren selbstgerechte Bewohner ihnen immer mehr auf die Nerven gingen. Was denn aus unserer Sicht zum Lobe der Stadt am Teutoburger Wald zu sagen sei?

Keine einfache Frage, auch nicht für uns. Wir leben seit 45 Jahren in Bielefeld und finden die Stadt ganz in Ordnung, immerhin die Heimat von Pudding, Systemtheorie, Gesellschaftsgeschichte, Reformschulen, guten Comedians und rustikalem Fußball. Aber wir wissen natürlich, dass Bielefeld-Bashing in linksliberalen Kreisen immer noch populär ist. Deshalb reagierten wir ausweichend auf die Frage der Freunde: Bielefeld, ein alter Industriestandort, sei zwar kein locus amoenus, alles andere als lieblich, aber eine ansehnliche Stadt, nur knapp hinter der Ersten Liga, mit einem schwulen Oberbürgermeister, einer regierenden Paprikakoalition, breiten Fahrradwegen, einer aktiven Kulturszene, einem nagelneuen Hochschulcampus, in den Bund und Land eine gute Milliarde investiert haben, und einer Infrastruktur, die den Anforderungen des demografischen Wandels schon recht gut entspreche. Meinen Urologen zum Beispiel könne ich empfehlen … Sie winkten ab, so eilig hätten sie es nicht mit dem Altwerden.

Ganz psychedelisch

Wir verabredeten für den nächsten Tag eine Radtour und am Abend den Besuch der Alm. Manche halten Bielefeld für das Produkt einer Verschwörung von Außerirdischen in Zusammenarbeit mit Geheimdiensten. Ihre Zahl wird zugenommen haben, seit ausgerechnet Kai Diekmann, erfolgreicher Produzent von Legenden aus dem Hause Springer, ihre Existenz behauptet und wehmütig von kindlichen Exkursionen in den Teutoburger Wald berichtet hat (im Merian-Heft „Ostwestfalen“). Andere bestreiten die Existenz der Stadt zwar nicht, verwenden aber ihren Namen gern als Chiffre für das Grauen, das von öden Orten ausgeht. Christoph Höhtker, ein in Bielefeld geborener früherer Student der Soziologie, Taxifahrer und Werbetexter, heute Romancier mit Wohnsitz Genf, beschreibt in seinem aktuellen Roman Alles sehen die Stadt „B.“ als einen mythischen Ort, „dessen Verlorenheit und Stille die Menschen vor Ort verrückt machen, aber auch zu lustigen Geschichten und bizarren soziologischen Theorien inspirieren kann.“

Quelle: Der Freitag >>>>> weiterlesen

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Fotoquelle: Wikipedia – Andy1982Eigenes Werk –/– CC BY-SA 3.0

Ein Kommentar zu “Fast schon Erste Liga”

  1. exespenhainer sagt:

    Die Nichtexistenz Bielefelds wurde auch in einem „Wilsbergkrimi im ZDF vor einigen Jahren fast bewiesen, aber halt nur fast. Danke für den schönen Artikel, bzw das Posten.

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