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Essay zum „Projekt Europa“

Erstellt von DL-Redaktion am Samstag 2. Januar 2016

Du Schöne, wie bist du zugerichtet!

von Ulrike Guérot

Aus der großen Idee einer europäischen Einigung ist ein Moloch geworden. Wie konnte es so weit kommen, was muss geschehen?

Ein gewisser Andrés Laguna, ein damals berühmter Arzt, beschreibt im Jahr 1543 in einer lateinischen Rede in der Aula der Universität zu Köln eine Frau, die zu ihm gekommen sei, um ärztliche Hilfe einzuholen: „[Da] kam eine Frau zu mir, die […] ganz elendig aussah; sie war tränenüberströmt, traurig, blass, ihre Körperglieder waren verletzt oder gar abgeschlagen, ihre Augen hohl, sie war schrecklich abgemagert.“

Europa hieß die Frau und sie klagte Laguna ihr Leid. Sie werde schlecht behandelt, einst sei sie eine Schönheit gewesen, doch mittlerweile sei sie derart zugerichtet und leide unter qualvollen Gebrechen.

In Lagunas Allegorie steht der intakte, schöne Frauenkörper für das im 16. Jahrhundert faktisch noch gesunde, ganzheitliche Europa – bevor die frühneuzeitliche Herausbildung der Nationalstaaten begann.

1532 schrieb Machiavelli sein Hauptwerk „Der Fürst“. Mit ihm fing die moderne Nationalstaatswerdung an. Von der einst schönen Frau Europa zur krisengeplagten Europäischen Union des 21. Jahrhunderts war es ein langer Weg, auf dem die europäische Idee gleich mehrfach in die Sackgasse von Nationalstaatlichkeit und den Strudel ihrer meist kriegerischen Dynamiken geriet.

Die Versuche von Victor Hugo im 19. Jahrhundert und die von Aristide Briand oder Richard Coudenhove-Kalergi – den Vordenkern der europäischen Einigung aus den 20er Jahren und Erfindern des Völkerbundes des letzten Jahrhunderts – misslangen. Vor unseren Augen, in atemberaubender Geschwindigkeit scheitert nun auch das zeitgeschichtliche Projekt der Vereinigten Staaten von Europa, das Projekt der europäischen Gründungsväter des 20. Jahrhunderts.

Wovon sie träumten

Entwurf und Bauplan dieses Vorhabens waren erneut falsch, die historischen Lehren des letzten Jahrhunderts wurden nicht resolut gezogen: Nationalstaaten können Europa nicht erschaffen, eine europäische Einheit kann nicht aus Nationalstaaten hervorgehen.

Der männliche Leviathan, der Nationalstaat, ist gleichsam die Antithese zur grenzenlosen Europa, dem ganzheitlichen, weiblichen Frauenkörper, in dem alle Völker und Nationen Europas ihren organischen Platz haben: Alle werden gebraucht, damit die Europa gesund ist. Dann aber können sie nicht als Nationalstaaten souverän sein.

1964 schrieb Walter Hallstein, der erste deutsche Präsident der Europäischen Kommission: „Das Europa, das uns vor Augen steht, wird kein Bündnis von Nationalstaaten sein und nicht bloß deren gemeinsamer Wirtschaftsraum. Europapolitik bedeutet Förderung der Regionalpolitik, am Ende eine Verfassung Europas als Netzwerk freier Regionen, und das heißt: die Überwindung des Ungleichgewichts zwischen großen und mächtigen und kleinen und politisch machtlosen Nationen.“

Quelle: TAZ >>>>> weiterlesen

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Fotoquelle: Wikipedia – Urheber Wolfgang Hauser

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