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RENTENANGST

Ende der Deutungshoheit

Erstellt von DL-Redaktion am Dienstag 29. September 2015

Die Vierte Gewalt und die neue Macht der Vielen

Das Ende der Deutungshoheit

Die Vierte Gewalt und die neue Macht der Vielen

von Steffen Grimberg

„Lügenpresse – auf die Fresse“ – diesen Slogan, gern kehlig gebrüllt und rhythmisch wiederholt, kennt man von einschlägigen Aufmärschen am rechten Rand. Heute gehört er zum Vokabular der Pegida-Demonstrationen und ihrer diversen Ableger. Mittlerweile aber wird er auch in leicht abgemilderter Form (zumeist ohne die „Fresse“) von biederen Familienvätern in die Kameras der Rundfunkanstalten gesprochen. Schon das ist ein wenig paradox – denn die Sender, vor allem die des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, zählen selbstverständlich mit zur „Lügenpresse“, der man angeblich nicht trauen könne.

Die ganz große Welle von Pegida & Co. ist zwar wieder abgeflaut und die Szene zerlegt sich gerade selbst. Doch der Vorwurf bleibt im Raum: „Was ihr da macht, hat mit uns nichts zu tun.“ Das Vertrauen in die klassischen Medien ist empfindlich gestört. Folgt auf die allgemeine Politikverdrossenheit jetzt also die allgemeine Medienverdrossenheit?

Jedenfalls macht es sich zu leicht, wer das Phänomen nur auf rechte Spinner einengt und als Problem der von ihnen unterwanderten tumben und zum Glück nicht mehr ganz so zahlreichen Massen begreift. Gewiss wurde vieles an dieser „Medienkritik“ zunächst von rechts gestreut. Und es gibt die allzu einfachen Zirkelschlüsse rechter Scharfmacher, die sich von der Berichterstattung der klassischen Medien schon immer ungerecht behandelt fühlten und wohlig die Ignoranz der „Systempresse“ für die eigene Propaganda nutzen.

Jedoch kommt die gängige Kritik an den Medien keineswegs nur von Rechtsaußen. Journalisten, so heißt es durchaus auch von links, stünden beim Krieg in der Ostukraine auf der falschen Seite oder würden ganz generell an der kurzen Leine der US-Politik geführt. Das könnte man beiseite wischen und anekdotisch eine viel belächelte Meinungsumfrage aus den USA zitieren: Demnach glaubt ein gar nicht so kleiner Prozentsatz der Bevölkerung tatsächlich, Aliens hätten die Schaltstellen staatlicher Macht unterwandert. Deutschland, so könnte man das weiterspinnen, habe eben nun auch sein Quantum überspannter Verschwörungstheoretiker abbekommen. Doch das Unbehagen sitzt tiefer.

„Die klassischen Massenmedien scheinen auf viele Menschen wie ein monolithischer Block zu wirken, der zu bestimmten Themen und Problemen eine Art von Einheitsmeinung verbreitet und Widersprüche nicht zulässt“, schreibt der Medienwissenschaftler Dietrich Leder. Und weiter: „Dieser Eindruck, der in Detailuntersuchungen zu bestimmten politischen, ökonomischen und kulturellen Themen erst noch zu verifizieren ist, verdankt sich auch der Tatsache, dass seit einigen Jahren im Bund eine große Koalition regiert.“ Der außerparlamentarische Protest von rechts, wie er sich in der Pegida-Bewegung zeige, müsse daher geradezu zwangsläufig, da identitätsstiftend, gegen diese vermeintliche große Koalition von Print- und TV-Medien polemisieren.

Ritualisierte Berichterstattung

Doch auch gebildete Normalbürger wenden sich heute von den etablierten Medien ab oder unterstellen ihnen manipulative Absichten. Das fußt nicht allein auf der Ununterscheidbarkeit politischer Positionen oder Debatten, auch wenn eine pointiertere Kommentierung einem Manko der aktuellen Medienlandschaft abhelfen könnte. Denn vieles an der Berichterstattung ist schlicht schrecklich monoton, ja langweilig. Leder führt dies darauf zurück, dass Nachrichtenredaktionen zu stark dem folgen, „was ihnen der Politikbetrieb vorgegeben hat“ Dazu gehören die ewigen Rituale wie offizielle Pressekonferenzen, das nichtssagende Vor- und Vorbeifahren der politischen Spitzen in Oberklasselimousinen und der vermeintlich volksnahe Schlagabtausch des gleichen Personals in den Talkshows von ARD und ZDF. Die Quoten mögen noch stimmen. Doch beim Publikum kommt nicht mehr viel an. Es ist ja auch – fast – nichts mehr drin.

Dieses Dilemma leuchtet Thomas Meyer, Chefredakteur der „Neuen Gesellschaft/Frankfurter Hefte“, unter dem provokativen Titel „Die Unbelangbaren“ aus. Seine Erkenntnis, dass Alphajournalisten de facto mitregieren und Politbiographien wie -karrieren auf und nieder schreiben, ist zwar nicht eben brandneu. Was Meyer allerdings zutreffend benennt, ist die Existenz einer ideologischen Mainstreamzone, in der alle politischen Debatten in einer grauen Mitte verschwinden. Dieser Effekt wirkt dann umso stärker, wenn, wie heute vor allem im Lokalen, die publizistischen Alternativen im Schwinden begriffen sind – zumindest die bislang für diesen Bereich überproportional verantwortliche Tagespresse.

„Unbelangbar“, wie Meyer schreibt, sind Journalisten allerdings höchstens mit Blick auf ihre unmittelbare Deutungshoheit. Und auch diese droht zunehmend belanglos zu werden. Vor allem im Zeitungsgeschäft sägt der Konsolidierungsprozess mit seinen Sparrunden, Gebietsarrondierungen und Kooperationen de facto den Ast ab, auf dem die Presse einmal höchst komfortabel saß. Die Konsequenzen sind bekannt, die Politik äußert sich besorgt – ohne dass etwas Nennenswertes passiert. Die überregionalen Medien mögen sich derzeit noch halbwegs behaupten. Doch der Zahn der digitalen Ära, die alte Geschäftsmodelle zwar noch nicht sterben, aber wenig lebensfähig erscheinen lässt, nagt auch an ihnen.

Diese Abnahme an publizistischer Vielfalt (und vielerorts auch redaktioneller Sorgfalt) verschärft einen Prozess, bei dem sich das Publikum am Ende im „Einheitsbrei“ nicht wiederfindet. Individualität verschwindet oder wird zum l’art pour l’art sich selbst produzierender Edelfedern. Allzu oft geht es dabei nicht mehr um einen Beitrag zum großen alten Medienprojekt der Information und Aufklärung, sondern bloß um eloquente Konflikthascherei um ihrer selbst willen.

Vom Umgang mit Fehlern

Quelle: Blätter >>>>> weiterlesen

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