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Die Unerwünschten

Erstellt von Gast-Autor am Freitag 27. Juni 2014

Als die amerikanischen Mafiosi heim kamen

Autor: U. Gellermann

Rationalgalerie

Datum: 26. Juni 2014
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Buchtitel: Die Unerwünschten
Buchautor: Gian Carlo Fusco
Verlag: Berenberg

Es liest sich ein wenig wie pulp fiction, wie jene US-Groschenromane über Verbrechen und andere Grusel, aber jedes Wort in den „Unerwünschten“ von Gian Carlo Fusco ist wahr. Fusco berichtet in einer Mischung aus Literatursprache und Gangster-Slang über die sonderbare Aktion US-amerikanischer Behörden, die 1945 die zweite und dritte Ebene der Mafia-Soldaten, der Auftragsmörder und Befehlsschläger nach Italien zurück schickte, zeitgleich mit der Lebensmittelhilfe, die man den Italienern aus dem Marshall-Plan zumaß. Nicht, dass die US-Behörden über einen makabren Humor verfügten, es traf sich gerade so.

„Während sich die Kugeln eine nach der anderen in John Bonannos Fettschicht bohrten, näherte sich längs des Bordsteins ein schwarzes Automobil mit gruselig anmutendem Verdeck und offenstehender Beifahrertür“. So zieht Fusco diese Sehne seines Spannungsbogens, um ihn dann los schnellen zu lassen: „Der Rächer schob die rauchende Pistole in die Tasche und sprang in den Wagen.“ Der Autor, durch seine Zeit im KZ Bergen-Belsen als Linker ausgewiesen, ist zeitweilig der morbiden Faszination seines Themas erlegen. Aus der Nähe erscheinen die früheren „Gun-Men“ eher armselig. Sie betteln ihn machmal an und er kann sein Mitleid nicht verbergen.

Erneut ist dem Berenberg-Verlag ein Fund gelungen: Gian Carlo Fusco hat seine Reportagen über die „Unerwünschten“ in den späten 50er Jahren geschrieben und erst heute liegen sie auf Deutsch vor (übersetzt von Monika Lustig). Fusco war, als geübter Grappa-Trinker, als einer der keine Gefahr scheute und alle wichtigen Kneipen kannte, immer ganz nah an den Objekten seines Interesses. In seinen Texten sind die Anfänge jenes Krebsgeschwüres zu erkennen, das heute die italienische Gesellschaft überwuchert.

Neben den armseligen „Unerwünschten“ erwähnt Fusco in seinem Buch eher am Rande die Zusammenarbeit von Mafia-Größen mit der CIA. Der Mafia-Boss Lucky Luciano, den die Amerikaner schon 1943 nach Italien expedierten, um ihre Landung in Sizilien zu unterstützen, gilt als erster Abgeschobener, war aber eher ein „Erwünschter“. Auch der Pate „Don“ Vito Genovese begleitete die amerikanischen Truppen nach deren Landung in der Gegend von Nola. Genovese, der sich früher mit 250.000 Dollar bei Mussolini eingeschleimt hatte, zog nun die Uniform der US-Armee an und wurde zum Vertrauensmann von Charles Poletti, der als Oberst der US-Militärregierung in Italien Herr über Visa, Führerscheine und Lizenzen war. Nur logisch, dass Genovese damit den Schwarzmarkt dirigieren konnte. Zwar wurde der Mafioso wegen Mordes verhaftet und in die Staaten überstellt, aber Fusco kommentiert resigniert: „Selbstredend wurde er freigesprochen“.

In Fuscos Buch fehlt die von den US-Geheimdiensten ausgerüstete Mafia-Terror-Gruppe gegen Kommunisten und Sozialisten. Nur in einer Fußnote taucht das Massaker an der Portella della Ginestra, unweit von Palermo, auf, wo am 1. Mai 1947 eine Mafia-Bande im Auftrag des amerikanischen Geheimdienstes mehr als zehn Li
nke umbrachte. Doch wird dieser Mangel durch das warmherzige Portrait des Ezio Taddei weitgehend wettgemacht, jenes anarchistischen Schriftstellers dessen Odyssee durch die Gefängnisse und halb Europa in den USA endete, um von dort aus als politisch Unerwünschter nach Italien abgeschoben zu werden. Dass Taddei Arthur Miller traf, dass er für ihn Passagen seines Romans „Le porte dell´inferno“ ins Englische übersetzte, ist einer jener bedeutsamen Zufälle, der dem Berenberg-Verlag zugefallen ist und die seine zuweilen skurrilen, immer aber intellektuellen Gewinn bringenden Bücher auszeichnen.


Grafikquelle :     Wikipedia – Urheber 100yen

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