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Die Queen im Afrobeat

Erstellt von DL-Redaktion am Montag 12. September 2022

Die Queen und Afrika: Elizabeths Erbe in Kenia

Stadtbild.

Von Dominic Johnson

Die koloniale Hinterlassenschaft wirkt nach. In Kenia, wo die Flaggen auf halbmast hängen, hat sie nicht nur das Gesicht des brutalen Kolonialkrieges.

Elizabeth II. wurde 1952 in Kenia Königin. Als ihr Vater George VI. starb, befand sie sich gerade auf Weltreise mit ihrem Ehemann und übernachtete in Treetops, einer Lodge im kenianischen Aberdare-Nationalpark. Die Schlafsuite war in einen alten Feigenbaum hineingebaut, mit Blick über ein Wasserloch. Nach ihrem Dinner traf Elizabeth am Abend dort auf einen Elefanten. In der Nacht starb im fernen London ihr Vater, aber das erfuhr sie erst am nächsten Tag in der königlichen Sagana Royal Lodge.

Die ehemaligen Kolonien haben mit dem Empire nicht gebrochen. Sie haben sein Erbe verinnerlicht !

Auf den Stufen vom State House in Nairobi wurde dann die Proklamation von Queen Elizabeth II. verlesen. Ein Jäger, der Elizabeth in Treetops bewachte, schrieb später ins Gästebuch: „Zum ersten Mal in der Weltgeschichte ist ein junges Mädchen an einem Tag als Prinzessin in einen Baum gestiegen und am nächsten Tag als Königin vom Baum geklettert.“

Wenige Monate später riefen dieselben britischen Kolonialbehörden in Kenia den Ausnahmezustand aus, um die Mau-Mau-Rebellion zu vernichten – die bewaffnete Unabhängigkeitsbewegung des Kikuyu-Volkes, die sich in Reaktion auf die Landnahme durch weiße Siedler im kenianischen Hochland gebildet hatte. Ganze Landstriche wurden zu Sperrzonen erklärt. Zehntausende Menschen wurden getötet, Hunderttausende in Lagern interniert.

Der Staatsterror war vergeblich, wie alle europäischen Kriege gegen afrikanische Unabhängigkeitsbewegungen. Die Rebellion wurde zerschlagen, aber die Legitimation der Kolonialherrschaft war dahin. 1963 wurde Kenia unabhängig, unter Kikuyu-Führer Jomo Kenyatta. Die Spuren der Queen in Kenia sind auch Spuren des Krieges.

Mulmig nach dem Tod der Queen

Im Jahr 1953 plünderten Rebellen die Sagana Royal Lodge. Treetops wurde 1954 von Mau-Mau-Kämpfern in Brand gesteckt. Für Elizabeths Sicherheit in Sagana war der britische Polizeioffizier Ian Henderson zuständig: Er persönlich spürte am 21. Oktober 1956 den Anführer der Mau-Mau-Rebellion, Dedan Kimathi, auf, schoss ihn an und verhaftete ihn. Kimathi wurde 1957 gehenkt. Henderson wurde befördert.

Von 1966 bis 1998 leitete er den Inlandsgeheimdienst von Bahrain – eine typische postkoloniale Karriere: Nicht nur in Großbritannien, auch in anderen Kolonialmächten haben alte Amtsträger mit Blut an den Händen und mit Orden überhäuft den neuen Staaten gedient. Henderson erhielt 1984 von der Queen den Orden des Britischen Empire. Kimathis Grab in Kenia wurde erst 2019 entdeckt – auf einem Gefängnisgelände. Überlebende des Mau-Mau-Krieges streiten bis heute für Anerkennung und Entschädigung.

Und so manche Kenianer haben ein mulmiges Gefühl bei der weltweiten Huldigung für die Queen, die zwar zu militärischen Angelegenheiten überhaupt nichts zu sagen hatte, aber das dafür verantwortliche System repräsentierte. Großbritannien war mit seinem Wüten in Kenia keineswegs allein. Zur gleichen Zeit überzog Frankreich seine Algerien-Kolonie mit noch viel blutigerem Terror, Hunderttausende starben. Eine kleinere Version davon wiederholte Frankreich in Kamerun.

Auch das ist Nairobi – heute noch !

Belgien setzte beim Abzug aus Ruanda ab 1959 und Kongo 1960 blutige Konflikte in Gang, die bis heute andauern. Der Kampf zwischen weißem Herrschaftsanspruch und schwarzem Freiheitsanspruch zerriss ganz Afrika. Ab den 1960er Jahren kamen die Freiheitskriege in den ehemaligen portugiesischen Kolonien Angola, Mosambik und Guinea-Bissau dazu, ab den 1970er Jahren in Rhodesien (heute Simbabwe), und der Umgang mit der weißen Apartheidherrschaft in Südafrika überschattete die Beziehungen zwischen Afrika und dem Rest der Welt.

Kein Bruch mit dem Empire

Wer sich wundert, warum viele afrikanische Länder heute noch Sympathien für Moskau hegen und warum viele Afrikaner westliche Diskurse über universelle Freiheitswerte als verlogene Heuchelei abtun, muss nur einen Blick in die Geschichtsbücher werfen und auf Ereignisse, die viele Menschen in Afrika nicht aus Büchern, sondern aus den Erzählungen ihrer Eltern und Großeltern kennen, besonders in den ehemaligen Siedlerkolonien: Algerien, Simbabwe, Namibia und eben Kenia, mit dem Sonderfall Südafrika.

Aber die ehemaligen Kolonien haben mit dem Empire nicht gebrochen. Sie haben es im besten dialektischen Sinne „aufgehoben“, sein Erbe verinnerlicht und für ihre eigene Neuerfindung angenommen. Das englischsprachige Afrika bewegt sich mit großer Selbstverständlichkeit im englischsprachigen Kulturraum, der längst ein globaler ist.

Quelle         :       TAZ-online        >>>>>         weiterlesen

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Grafikquelle :

Oben      —     Stadtbild von Nairobi

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