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Künstliche Intelligenzen

Erstellt von DL-Redaktion am Dienstag 19. Juli 2022

Maschine malt, Maschine dichtet – Maschine denkt?

Finden wir denn einfach keinen Weg aus der Politik?

Eine Kolumne von Christian Stöcker

Lernende Maschinen vollbringen ständig immer erstaunlichere Leistungen. Auch das Titelbild dieser Kolumne stammt von einer. Das wird manche professionellen Kreativen vor Probleme stellen – aber auch den Rest der Menschheit.

Wenn ich Vorträge über die weltverändernde Wirkung maschinellen Lernens halte, benutze ich noch immer – unter anderem – ein Beispiel, das schon sieben Jahre alt ist. Damals versetzten Leute, die bei Google an solchen Systemen arbeiten, eines in die Lage, in einen blauen Himmel Fabelwesen, fantastische Gebäude und anderes hinein zu halluzinieren. »Was immer Du erkennst, zeig uns mehr davon«, lautete damals die – in Menschensprache übersetzte – Anweisung.

Ein Publikum, das nicht aus Fachleuten besteht, ist von dieser sieben Jahre alten Anwendung in der Regel auch heute noch verblüfft. Halluzinierende Computer, das ist im Weltbild der meisten, die nicht selbst im IT-Bereich arbeiten, noch nicht vorgesehen, jedenfalls nicht außerhalb von Belletristik und Kino.

Jetzt malen Sie altmeisterlich

Die neuesten Maschinen verstehen längst Kommandos in menschlicher Sprache, man muss nicht programmieren können, um sie zu bedienen. Damit meine ich nicht die Siris und Alexas, die längst im Alltag vieler Menschen angekommen sind. Ich meine Maschinen, die zeichnen, malen, dichten, lügen können.

Mein persönliches Lieblingsbeispiel sind vier Bilder, die das System Dalle-2 auf Basis dieses seltsamen Kommandos erzeugt hat: »Ein altmeisterliches Ölbild einer exotischen Perserkatze, die beim Checken ihres Telefons ihre erstaunlichen Kryptowährungs-Verluste entdeckt.« Die auf Basis dieser Anweisung generierten Bilder hat kein Mensch gemalt, sondern eine Maschine erzeugt. Sie zeigen augenscheinlich in Öl gemalte Perserkatzen, die entsetzt, traurig oder wütend auf ihre Smartphones starren. Offenbar, weil sie mit ihren Bitcoins so viel Geld verloren haben. Es ist, als mache eine Künstliche Intelligenz einen Witz auf Kosten der Kryptowährungs-Fangemeinde.

Die Anweisung, die das Bild erzeugte, hat sich ein Silicon-Valley-Unternehmer ausgedacht. Er gehört zu den immer noch recht wenigen Menschen, die Dalle-2 solche Anweisungen geben dürfen. Die Stiftung OpenAI schaltet nach und nach Menschen frei, die sich auf eine Warteliste setzen lassen und angeben, warum sie Zugang zu ihrem Werkzeug Dalle-2 haben möchten. Diese Zugangsbeschränkungen sind im Moment im KI-Bereich gängig: Diese Modelle sind aufwendig, teuer, verbrauchen Unmengen von Energie – und sie lassen sich unter Umständen missbrauchen.

Der Künstler Marcus John Henry Brown gehört zu den Glücklichen, die Dalle-2 nutzen können, er war so nett, mit mir gemeinsam das Aufmacherbild dieser Kolumne zu erzeugen. Die Anweisung, die Dalle-2 mit dieser Illustration umsetzte, lautete übersetzt »Ein dunkles Studio mit einem Spotlight. Ein blonder Journalist mit Bart und Brille. Bücher überall. Ein Text. Er benutzt ein iPad. Er liest seinen Text und ist schockiert. Eine KI hat ihn geschrieben.« Brown, der begeistert mit Dalle-2 spielt und experimentiert, sagt, diese neuen Werkzeuge machten ihm keine Angst: »Künstler, die sich davor fürchten, sollten in sich gehen und sich fragen, warum es ihnen Angst macht.«

Schwere Zeiten für Stockfotografen

Meine – und seine – Prognose wäre allerdings, dass die Symbolbilder über Artikeln zu generischen Themen in den kommenden Jahren etwas kreativer werden könnten – was eine ganz gute Nachricht für Bildredaktionen ist, aber eine eher schlechte für Leute, die mit kreativer Arbeit ihr Geld verdienen. Jedes neue digitale Werkzeug trägt Kreatives in die Breite und macht in vielen Bereichen den Markt für Profis, die mit so etwas bislang Geld verdient haben, enger. Das war mit Handykameras und einfachsten Bildbearbeitungsprogrammen so, mit KI wird es ähnlich sein. Es gibt sogar schon ein Anleitungsbuch, das erklärt,  wie man aus Dalle-2 das Beste herausholt.

Im Moment kann man als Hersteller von generischen, sogenannten Stockfotos für Prospekte oder Artikelillustrationen zum Beispiel ein fotografisches Zubrot verdienen. Und auch Illustratorinnen und Illustratoren wollen natürlich bezahlt werden. Die traurigen Bitcoin-Katzen und Ähnliche nur mit verbalen Kommandos generierte Bilder reichen aber für das, was im Netz so zu illustrieren ist, in ihrer Qualität schon jetzt oft aus (auch wenn man oft mehrmals probieren muss, bevor man ein brauchbares Ergebnis erzielt).

Sie wirken schöpferisch

Häufig sind die Kreationen, die ja auch auf der Kreativität derer basieren, die die Kommandos schreiben, verblüffend gut. Sie wirken schöpferisch . Und sind doch nur der Output unfassbar komplexer, mit gigantischen Mengen Material trainierter statistischer Modelle. Andererseits – so etwas Ähnliches sind unsere Gehirne ja auch.

Dalle-2 gehört zu einer ganzen Reihe von solchen neuen Machine-Learning-Systemen, die im Moment für Furore und Verunsicherung sorgen. Furore, weil sie Dinge können, die man vor ein paar Jahren noch für unmöglich gehalten hätte. Und Verunsicherung, weil solche Systeme Fehler machen, manipulierbar sind – und unter Umständen auch selbst manipulieren, wenn man das so nennen möchte, denn Intentionen haben Maschinen selbstverständlich weiterhin nicht.

Der Entwickler, der Mitleid bekam

Mindestens einer, der mit ihnen gearbeitet hat, sieht das allerdings anders und ist deshalb jetzt beurlaubt. Vor ein paar Wochen machte der Fall eines Google-Entwicklers Schlagzeilen , der nach langen Dialogen mit einem Sprachproduktionssystem von Google namens LaMDA zu dem Schluss gekommen war, es mit einem denkenden, fühlenden Wesen zu tun zu haben. Wenn man sich die Dialoge ansieht, die er anschließend veröffentlichte , kann man das durchaus nachvollziehen. Das Sprachproduktionssystem äußerte in einem dieser »Gespräche« zum Beispiel die Angst, abgeschaltet zu werden.

Quelle        :       Spiegel-online          >>>>>         weiterlesen

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Grafikquellen          :

Oben     —     (Der Arm von) Olaf Scholz, Politiker (SPD) – Zur Zeit Vizekanzler und Bundesminister der Finanzen der Bundesrepublik Deutschland. Außerdem ist er Kanzlerkandidat der SPD für die Bundestagswahl 2021. Hier während einer SPD-Wahlkampfveranstaltung im August 2021 in München. Titel des Werks: „Olaf Scholz – August 2021 (Wahlkampf)“

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Unten     —       Christian Stöcker (2017)

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