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Die fehlenden Luftfilter

Erstellt von DL-Redaktion am Samstag 27. November 2021

An den Schulen zeigt sich das große Pandemieversagen der Regierung

Bundesarchiv Bild 183-D0421-0009-004, Sachsendorf, Blick in die Oberschule.jpg

Unter der CDU sind sie wohl irgendwo Sitzen geblieben?

Eine Kolumne von Sascha Lobo

Viele Ungeimpfte müssen in großen Gruppen in geschlossenen Räumen zusammensitzen. Die einzigen Konzepte für sie basieren auf dem Prinzip Lüften. Das könnte längst anders sein.

Über Jahrzehnte war ich fest davon überzeugt, dass auf meinem Grabstein dereinst stehen würde: So einfach ist es nicht. Denn bis auf gut begründbare Ausnahmen bin ich der Meinung, dass in der politischen Debatte viel zu wenig differenziert wird. Eingedenk dieser Haltung möchte ich jetzt aber die ca. 1,3 derzeitigen Bundesregierungen samt nachgeordneten Verwaltungen fragen:

Wie oft kann man innerhalb einer Pandemie grob versagen?

Wir sprechen hier nicht von schlichtem Versagen, sondern von Royalversagen mit Sternchen. Die vierte deutsche Coronawelle ist die Definition von »hausgemacht«. An differenzierter Mäßigung Interessierte werden jetzt sagen: Moment, so schlimm wird es doch nicht sein? Nein, ich finde, es ist schlimmer, und ich möchte diesen Zorn ausführen, weil ich ihn für berechtigt halte.

100.000 Tote würden schon reichen, aber da ist so viel mehr. Dass die Kommunikation rund ums Impfen so spektakulär verbockt wurde. Dass jetzt auch die Booster-Impfkampagne inklusive der Impfstoffbeschaffung sensationell verknalldackelt wurde. Dass ohne Not frühzeitig jede Impfpflicht kategorisch ausgeschlossen wurde, um harten Impfgegern ein Zuckerli hinzuwerfen, was jetzt dazu führt, dass man wohl bald eine abgestufte Impfpflicht einführt und ein gigantisches Vertrauensproblem mitgeliefert bekommt, und zwar nicht nur bei Leuten, die Schwierigkeiten mit der Impfung haben. Dass jetzt behauptet wird, man hätte das alles nicht vorhersagen können, obwohl es exakt so vorhergesagt wurde.

Und dass wir vor ein paar Monaten ins dritte von Corona betroffene Schuljahr hineingeschlittert sind und die vorliegenden Schulkonzepte noch immer – ich denke mir das nicht aus – in erster Linie auf dem Prinzip Lüften beruhen.

Dieser letzte Punkt verdient tiefere Beachtung, denn fast alle ernst nehmbaren Politpersonen sagen, dass Impfungen der Weg aus der Pandemie seien. Was ja im Umkehrschluss heißen muss, dass diejenigen, die bisher nicht geimpft werden können, Schulkinder unter zwölf zum Beispiel, dringend eigene Konzepte brauchen. Na ja.

Das Versagen der noch geschäftsführenden Bundesregierung in Sachen Pandemie in Schulen halte ich für das große Symbol der deutschen politischen Unfähigkeit im Umgang mit Krisen, von der Kommunikation bis zur Organisation. Es gibt Landkreise in Deutschland, in denen bei 10- bis 14-jährigen Kindern eine Inzidenz von 4308 herrscht (Oberspreewald-Lausitz, Brandenburg). Übertroffen fast nur von der Inzidenz bei 5- bis 9-jährigen Kindern, die bei 4326 liegt (ebendort). Bundesweit ist die Inzidenz bei Kindern zwischen 5 und 14 inzwischen bei 844, Tendenz steil steigend – aber warum ist das so?

Das ist natürlich keine leichte Frage, fangen wir deshalb lieber mit einer einfachen Frage an. Im Juli 2021 stellte die Bundesregierung den für die Bildung verantwortlichen Bundesländern 200 Millionen Euro zur Verfügung, und zwar für mobile Luftfilter. Toll! Bitte raten Sie, verehrtes Publikum, wie viel davon bisher abgerufen wurde? Richtig, der bisher abgerufene Gesamtbetrag der Bundesförderung für mobile Luftfilter beträgt in toto zusammengerechnet verblüffende null Euro. Schade!

Die Förderbedingungen sind hanebüchen

Doch halt, muss man hier nicht differenzieren? Könnte es nicht etwa sein, dass erst die Luftfilter angeschafft werden und danach die Fördermittel beantragt werden? Ja, das ist sachlich in einigen Fällen korrekt – aber leider gibt es viele schulfinanzierende Kommunen, die die Luftfilter gar nicht vorfinanzieren können oder die nicht in der Lage sind, die geforderte Eigenbeteiligung aufzubringen. Und etwas katastrophaler noch: Die Förderbedingungen sind, vorsichtig gesagt, hanebüchen.

Es dürfen nämlich nur mobile Luftfilter in Klassenräumen gefördert werden, in denen die Fenster, Zitat: »nur kippbar« sind. Oder die über »Lüftungsklappen mit minimalem Querschnitt« verfügen. Und in denen sich Kinder unter zwölf Jahren aufhalten. Weil die ja noch nicht geimpft werden können. Grüße gehen raus an die Stiko, die mit der schulverantwortlichen Kultusministerkonferenz gemein hat, dass sich beide in Zeiten der Pandemie mit der Geschwindigkeit der Kontinentaldrift bewegen. Jedenfalls schätzen die Bildungsministerien der Länder die Zahl der nach Bundesrichtlinien förderbaren Klassenräume auf zehn Prozent. Das heißt, es gibt zwar einige Bundesländer, in denen vergleichsweise viele mobile Luftfilter in Kitas und Schulen stehen. Aber die Bundesregierung hat bisher wenig dazu beigetragen, weil sie ein offensichtlich kaum geeignetes 200-Millionen-Instrument an den Start gebracht hat. Schade!

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Hier könnte man jetzt aufhören, die berechtigte Empörung übersteigt ja bereits das erträgliche Level. But wait, there’s more. Denn die Grundlage für den Schutz der Schulen ist ein vom Bundesbildungsministerium in Auftrag gegebenes Papier namens »Lebende Leitlinie – Maßnahmen zur Prävention und Kontrolle der SARS-CoV-2-Übertragung in Schulen«. Verantwortlich für die Erarbeitung ist – wir sind immer noch in Deutschland hier – ein Gremium aus gut 35 Fachleuten aller möglicher Fach- und Himmelsrichtungen, darunter die Gesundheitsämter Nordfriesland, Reutlingen und Neukölln, die Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaften sowie der Hauptpersonalrat für die staatlichen Lehrkräfte an Integrierten Gesamtschulen in Rheinland-Pfalz. So weit, so deutsch, in Situationen großer Dringlichkeit ein Gremium zu gründen.

Ein Gremienjahr sind sieben Menschenjahre, sagt man

Vorgestellt wurde die erste Version der Leitlinie, die für das Handeln der Bundesregierung die wichtigste Grundlage ist, im Februar 2021. Darin fand sich der Satz: »Der Einsatz mobiler Luftreiniger in Schulen kann als ergänzende Maßnahme zum Lüften zur Aerosolreduktion erwogen werden, wenn grundsätzlich eine ausreichende Lüftung gewährleistet werden kann.« Das hört sich merkwürdig verhalten an, aber im Februar war die Pandemie ja auch erst ein Jahr alt, und so ein Jahr vergeht rasch, auch deshalb, weil Gremien sich konträr zu Hunden verhalten: Ein Jahr sind sieben Hundejahre, sagt man, aber ein Gremienjahr sind sieben Menschenjahre.

In wenigen Tagen nun wird die aktualisierte Version der »Lebenden Leitlinie« vorgestellt, und man könnte denken, dass die viel besprochenen Luftfilter inzwischen einen wichtigen Platz im Maßnahmenkonzept der zentralen Leitlinie der Bundesregierung einnehmen. Könnte man wohl, aber die Gesamtzahl der Nennungen des Worts »Luftfilter« in der neuen Version beträgt in toto zusammengerechnet verblüffende null Mal. Schade!

Quelle        :            Spiegel-online           >>>>>         weiterlesen

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Grafikquellen          :

Oben     — Zu dokumentarischen Zwecken behielt das Deutsche Bundesarchiv häufig die original-bildunterschriften, die sein kann fehlerhaft, voreingenommen, veraltet oder politisch extremSachsendorf, Blick in die Oberschule Zentralbild Krueger 21.4.1965 Zum 20. Jahrestag der Beifreiung Aus Trümmern entstand ein sozialistisches Dorf Niedergebrannte Bauernhöfe von Granaten zerpflügte Straßen, verminte und mit Panzerwracks übersäte Felder, prägten vor 20 Jahren das Bild der kleinen Gemeinde Sachsendorf im Oderbruchkreis Sedlow. (Siehe auch Ergänzungstext) Unser Bild zeigt den Direktor der Oberschule Sachsendorf, Günter Bahrmann im modern eingerichteten Experimentierraum. Hier hat eine 6. Klasse gerade Physik-Unterricht.

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Unten        ––      Sascha Lobo; 10 Jahre Wikipedia; Party am 15.01.2011 in Berlin.

Ein Kommentar zu “Die fehlenden Luftfilter”

  1. Jimmy Bulanik sagt:

    Die Luft muss in den Räumen frisch sein. Ob durch das öffnen von Fenstern oder die Installation von Technik.

    Das trägt zur Minimierung von Risiken für die Gesundheit bei.

    Es bedarf nur der Wille dazu.

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