DEMOKRATISCH – LINKS

                      KRITISCHE INTERNET-ZEITUNG

RENTENANGST

Der Umgang mit Russland

Erstellt von DL-Redaktion am Sonntag 20. März 2022

Bigotterie ist ein Meister aus Deutschland

Lumpen – denen die Welt gehören wollte ?

Eine Kolumne von Sascha Lobo

Moral zählt neuerdings mehr als Exporte und billiges Erdgas. Diese deutsche Bigotterie ist schwer erträglich, denn jahrelang galt: Wenn Deutschland ein gutes Geschäft wittert, ist alles andere fast egal.

Putins Überfall auf die Ukraine hat nicht nur für Zehntausende Tote und Verletzte und Millionen Geflüchtete gesorgt, sondern in der Folge auch eine Reihe deutscher Nationalbigotterien entlarvt. Die folgende Begebenheit aber erreicht spielend eine erdkernnahe Unterirdik. Eine Reihe bekannter und weniger bekannter Organisationen hatte für den 13. März 2022 zur großen Demonstration »Stoppt den Krieg!« in Berlin gerufen: von Greenpeace bis zur evangelischen Kirche, von Urgewalt bis Kurve Wustrow, von ver.di bis Attac. Ebenfalls mit demonstrieren wollte vitsche.org, ein Zusammenschluss junger ukrainischer Menschen, die sich gegen den Krieg wenden und für Geflüchtete engagieren. Das lehnten die Organisatoren aber ab.

Der Grund war offenbar, dass die ukrainischen Aktivisten auf ihrer Website neben vielen anderen Punkten auch Waffenlieferungen an die Ukraine vorschlagen. Leute also, die lautstark auf ihrer Website »Solidarität mit den Menschen in der Ukraine« behaupten und die vom russischen »Angriffskrieg« sprechen, sind dann lieber doch nicht solidarisch, wenn besagte Ukrainer*innen sich verteidigen wollen. Man fühlt sich an diejenigen erinnert, die »aus historischen Gründen« stets mit toten, weil von Deutschland ermordeten Juden solidarisch sind – aber nie mit lebenden Juden etwa in Israel.

Die Haltung der deutschen Friedensdemonstranten lässt sich vornehm mit Pazifismus umschreiben, und wer wollte diese Weltsicht im Ursprungsland der Wehrmacht verdammen? Leider ist der deutsche Pazifismus, das zeigt der erbärmliche Umgang mit Vitsche.org, angereichert mit einer Hybris, die heißt: Unsere deutschen Friedensprinzipien sind wertvoller als euer Wunsch zu überleben. Das ist die Nationalbigotterie des deutschen Pazifismus, der keinesfalls immer, aber doch verdächtig oft in Richtung eines kollektiven Überlegenheitsnarzissmus abrutscht. Denn es ging ja keine Sekunde darum, auf der Demo Soldaten zu rekrutieren oder begeistert die Bundeswehr in die Ukraine zu schicken – sondern schlicht um die Teilnahme derjenigen, die zu allererst und unmittelbar betroffen sind. Wenn Pazifismus eindeutigen Angriffsopfern übel nimmt, dass sie sich verteidigen, wird er zur Farce und bekommt den bigotten Beigeschmack, neben einem Raubüberfall zu stehen und beide Seiten zur Gewaltlosigkeit zu ermahnen.

Um mich herum die Sintflut

Dass Putins Krieg in dieser Dimension überhaupt möglich wurde, liegt maßgeblich an der Nationalbigotterie der deutschen Ego-Geopolitik nach dem Motto »aus den Augen, aus dem Sinn«. In knappen, klugen Worten hat Constanze Stelzenmüller im »Economist« das zusammengefasst: »Deutschland hat seine Sicherheit an die USA ausgelagert, seinen Energiebedarf an Russland und sein export-bedingtes Wirtschaftswachstum an China.«

Um die Größenordnung dieser Auslagerungen zu beschreiben: Etwa jeder fünfte Soldat auf deutschem Boden ist Amerikaner, und die Dysfunktionalität der Bundeswehr ist überhaupt nur möglich, weil im Notfall ja immer jemand mit funktionierendem Equipment da ist. Über 40 Prozent des in Deutschland verbrauchten Öls stammt aus Russland, rund 50 Prozent der Kohle und etwa 55 Prozent des Erdgases. Und die für Deutschland so überaus wichtige Autoindustrie verkauft fast 40 Prozent ihrer Autos in China, weshalb die letzte Bundesregierung mit China geradezu liebedienerisch umging.

Die Haltung hinter allen drei Abhängigkeiten ist in unterschiedlichen Abschattierungen immer dieselbe: Wenn Deutschland eine vermeintlich gute Opportunity für sich entdeckt, ist eigentlich alles andere egal. Um mich herum die Sintflut. Sogar das wäre, Stichwort Realpolitik, vielleicht noch irgendwie nachvollziehbar, aber Bigotterie wird daraus, indem man das Gegenteil behauptet, dass also Moral wichtiger sei als Exporterfolg und billige Energieversorgung. Im Fall der Öl-, Kohle- und Gas-Importe sind die Folgen der über Jahre von den Regierungen Merkel zementierten Russland-Abhängigkeit besonders katastrophal. Dadurch hat Deutschland allzu scharfe Sanktionen nach Putins Krim-Annexion verhindert, die dieser zu Recht gedeutet hat als: Ich kann mir eigentlich alles erlauben.

Wp10 20110115 IMG 9974.jpg

Daraus erwächst direkt die nächste deutsche Nationalbigotterie: Konsequenzenarmut trotz Klarsicht. Wladimir Putin ist beinahe unbeschadet durchgekommen mit folgenden, in Deutschland gut ausgeleuchteten Aktionen: Georgien-Krieg, Überfall und Annexion der Krim, Manipulation der Öffentlichkeit zur Destabilisierung der EU, Vergiftung und Einsperrung von Nawalny, Vergiftung von Dritten in der EU, Unterstützung rechtsradikaler Parteien in ganz Europa, staatliche Ermordung eines Mannes in Deutschland, Bundestags-Hack, Streubomben und Giftgas-Einsatz in Syrien, absichtsvolle Bombardierung von Zivilisten und Krankenhäusern ebendort. Das alles hat über Jahre nicht einmal ausgereicht, um Nord Stream 2 zu stoppen. Und offenbar auch nicht, strukturell gegen die Abhängigkeit von Putin vorzugehen. Stattdessen haben sich Merkels verschiedene Koalitionen und auch ihre eigene Partei am Ende sogar dazu entschieden, dem Ausweg durch erneuerbare Energien alle möglichen Steine in den Weg zu legen. Unvergessen Armin Laschets Windrad-Verhinderungsgesetz, nach dem ein Windrad weiter von einer menschlichen Behausung entfernt sein muss als ein Steinbruch mit Sprengaktivitäten oder eine Abdeckerei.

Quelle         :          Spiegel-online         >>>>>        weiterlesen

*********************************************************

Grafikquellen          :

Oben     —     Unterzeichnung des Koalitionsvertrags für die 19. Bundestagswahl: Olaf Scholz; Angela Merkel; Horst Seehofer

Unten          —        Sascha Lobo; 10 Jahre Wikipedia; Party am 15.01.2011 in Berlin.

Kommentar schreiben

XHTML: Sie können diese Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>