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DER ROTE FADEN

Erstellt von DL-Redaktion am Dienstag 9. August 2022

Zwischen Anstand und Ehrlichkeit

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Durch die Woche mit Hasnain Kazim

Bisweilen ist die Entscheidung zwischen dem offenen Wort oder mehr Diplomatie richtig schwierig. Das zeigt nicht nur das Beispiel Annalena Baerbock.

Als Kind habe ich gelernt, dass man nicht lügen soll. Gleichzeitig wurde mir beigebracht, respektvoll mit anderen umzugehen. Sehr schnell war mir klar, dass beides bisweilen im Konflikt miteinander stehen kann. „Was hast du Furchtbares gekocht, das schmeckt wie…!“ ist vielleicht ehrlich, aber sehr unfreundlich. „Das ist gut, aber du brauchst es nie wieder zu kochen“ hingegen mag ein bisschen unehrlich sein, sagt aber in der Tendenz das gleiche aus und ist dafür viel gesichtswahrender.

Dinge zu sagen, es aber eigentlich etwas anders zu meinen, das ist der Kern von Diplomatie. Annalena Baerbock, Deutschlands Chefdiplomatin, hat sich für klare Ehrlichkeit entschieden. Gegenüber ihrem türkischen Amtskollegen Mevlüt Ҫavuşoğlu legte sie eine erfrischende Deutlichkeit an den Tag, und zwar, bämm bämm bämm, gleich bei mehreren Themen: die türkischen militärischen Aggressionen in Nordsyrien, der Streit mit Griechenland um Inseln und in Wahrheit um Gasvorkommen im Mittelmeer, die Inhaftierung des Oppositionellen Osman Kavala.

Damit sorgte sie für Debatten. „Nicht hilfreich“ sei das, man solle „bestimmte Themen“ lieber „diplomatisch hinter verschlossenen Türen“ besprechen, sagt zum Beispiel Gökay Sofuoğlu, Vorsitzender der Türkischen Gemeinde Deutschland. Geholfen hat Diplomatie allerdings im Umgang mit der Türkei auch nicht. Offensichtlich verstehen Leute wie der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan und seine Leute nur klare Worte.

Man muss so reden, dass sie es kapieren – und in Kauf nehmen, dass sie anschließend beleidigt sind. Sind sie ja sowieso dauernd. „Zielgruppengerechte Ansprache“ nennt man das. Habe ich bei der Marine gelernt. Darf man eigentlich Freude über den Tod eines Menschen äußern? Grundsätzlich in einer zivilisierten Gesellschaft: nein. Punkt. Das heißt aber nicht, dass man da unterschiedlich empfinden darf.

Wer kann schon noch so schöööön tanzen ?

So nahm sich kürzlich in Österreich eine Ärztin das Leben, nachdem sie monatelang massiv von Coronaleugnern und Impfgegnern bedroht worden war. Seither feiern manche im Netz geradezu ihren Tod. Abstoßend ist das, widerlich und inakzeptabel. Mag ja sein, dass das ihre ehrlichen Gefühle sind, aber diese Leute sollten mal ihren Wertekompass überprüfen.

Diese Woche wurde in Afghanistan Aiman Al-Sawahiri getötet, Mitgründer des Terrornetzwerks Al-Qaida und Nachfolger von Osama bin Laden als dessen Chef. Der US-Geheimdienst CIA hatte ihn aufgespürt und per Drohne getötet, als er auf dem Balkon seiner Wohnung in Kabul stand. Auch über seinen Tod äußern nun viele Menschen ihre Freude.

Quelle        :         TAZ-online         >>>>>         weiterlesen

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Grafikquellen       :

Oben        —     Roter Faden in Hannover mit beschriftetem Aufkleber als Test für einen möglichen Ersatz des auf das Pflaster gemalten roten Strichs

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