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DER ROTE FADEN

Erstellt von DL-Redaktion am Mittwoch 26. Mai 2021

Sinnieren über geniale Köpfe und ihre Scharrenseiten

Roter Faden Hannover rote Zusatzmarkierung.jpg

Durch die Woche mit Robert Misik

Wir sitzen jetzt seit 15 Monaten unsere Zeit ab – und schon dieses „wir“ ist ein sehr fragwürdiges. Aber die meisten von uns hatten wenigstens leere Abende, und es ist ganz okay, wenn Sie diese Zeit nicht zur Selbstoptimierung genützt haben. Wir machen uns doch sowieso genug Druck.

Ich selbst habe versucht, die Zeit zu nutzen, um ein paar Bildungslücken zu schließen, mich ein bisschen der Literatur von Spätromantik bis klassischer Moderne zu widmen, habe mal wieder Heinrich Heines Gesamtwerk durchgepaukt, Honoré de Balzac, Charles Baudelaire, Gustave Flaubert, André Gide und einiges mehr gelesen.

Gräbt man sich durch diese Epochen, dann kann man gut und gern ein Jahr verbringen, in dem man nur Texte von reichen weißen Männern liest. Im 19. Jahrhundert spielten Frauen die zweite Geige, ja im Allgemeinen waren sie chancenlos. Meist kreisten Frauen eher an der Peripherie der Szene, doch nur wenige schafften es (wie etwa George Sand), selbst ein Zentralgestirn der Kulturgeschichte zu werden.

In Kunst oder Theorie zu Ruhm zu gelangen setzte aber meist auch voraus, aus wohlhabendem Haus zu kommen. Von Karl Marx bis Friedrich Engels, von Karl Kraus bis zur gesamten Frankfurter Schule, von Friedrich Pollock über Max Horkheimer bis Theodor W. Adorno, niemand von denen hätte seine herausragenden kulturellen Leistungen erbringen können, wäre er nicht ökonomisch von daheim oder durch Gönner abgesichert gewesen.

Kultureller Kanon von Rich Boys

Es gibt ein paar vereinzelte Ausnahmen, aber unser kultureller Kanon bis weit ins 20. Jahrhundert wurde von Rich Boys verfertigt. Die Genialität der Genannten wird durch diese Feststellung nicht getrübt. Aber wer diese Absicherung nicht hatte, der konnte nichts werden. Werk und Biografie lassen sich insofern nicht trennen.

Apropos Werk und Person: Liest oder unterrichtet man heute das Œuvre etwa von Michel Foucault, muss man sich neuerdings dafür rechtfertigen, gab es zuletzt doch Vorwürfe, der französische Theoretiker habe sich seinerzeit in Tunesien an kleinen Jungen vergangen, angeblich gegen Geld. Der Vorwurf steht jedenfalls im Raum, ist allerdings keineswegs erwiesen, anders als bei André Gide, dessen Neigung zu minderjährigen Burschen ziemlich zweifelsfrei feststehen dürfte.

Michel Foucault 1974 Brasil.jpg

Nun kann man daran vielerlei Überlegungen anstellen, ob der Status eines Kunstwerkes – wie die Romane Gides – durch Verfehlungen oder charakterliche Fragwürdigkeiten eines Künstlers berührt ist. Noch einmal anders ist das bei sozialwissenschaftlichen Entdeckungen eines Theoretikers wie Foucault. Horche ich in mich hinein, dann habe ich die Entdeckungen Foucaults stets relativ von der Person abgetrennt. Soll heißen: Ich habe sie eher wie Mathematikbücher gelesen. Über Techniken zur Selbstoptimierung oder über das Funktionieren von Machtstrukturen kann man heute nicht mehr sprechen, ohne die bahnbrechenden Überlegungen Foucaults zu würdigen, aber deswegen muss ich ja die Person des Wissenschaftlers nicht verehren.

Persönlich war mir Foucault als Person immer mehr wurscht als etwa Marx, aber gut, der war ja auch nicht gerade ein Heiliger.

Quelle         :           TAZ          >>>>>          weiterlesen

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Grafikquellen       :

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