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Der Hohenzollernstreit ?

Erstellt von DL-Redaktion am Montag 29. November 2021

Die Wiederkehr des Martin Grundweg

File:Bundesarchiv Bild 102-14437, Tag von Potsdam, Adolf Hitler, Kronprinz Wilhelm.jpg

Von Niklas Weber

Unterstützung aus Schnellroda im Hohenzollernstreit? Die Chamäleon-Strategie des Benjamin Hasselhorn – von der Neuen Rechten zur CDU.

Benjamin Hasselhorn ist ein prominenter Vertreter, wenn es gilt, die Beteiligung von Hohenzollern und konservativen Eliten am Aufstieg des Faschismus in der Weimarer Republik kleinzureden. Anscheinend verfolgt der Würzburger Theologe und Historiker dabei eine Chamäleon-Strategie: Im Kulturausschuss des Deutschen Bundestags mimt er im sogenannten Hohenzollernstreit den seriösen CDU-Experten, in neurechten Foren agiert er offenbar unter Pseudonym. Hasselhorn erscheint als Prototyp des heutigen neurechten Intellektuellen, der an eine naive und konservativ fühlende Mitte andockt, um sie strategisch an die Debatten der Neuen Rechten anzuschließen. Eine Recherche des Historikers Niklas Weber.

Im September des vergangenen Jahres wurden in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Auszüge aus einem Protestschreiben veröffentlicht. Zehn prominente Historiker empörten sich über die Vorsitzende des Deutschen Historikerverbandes Eva Schlotheuber, die eine offene Debatte unterbinden wolle und einen „seriösen Nachwuchswissenschaftler“ öffentlich diffamiert habe.

Wenige Monate später wurde das „Netzwerk Wissenschaftsfreiheit“ gegründet, das seitdem öffentlichkeitswirksam gegen die vermeintliche „Cancel Culture“ zu Felde zieht. Die Mehrzahl der Historiker, die gegen Schlot­heuber aufbegehrt hatten, ist in dem Netzwerk aktiv, zum Teil in führender Position. Was war geschehen? Und um wen ging’s?

Schlotheuber hatte gemeinsam mit dem Marburger Historiker Eckart Conze einen Artikel über den Hohenzollernstreit publiziert. In diesem Text wurde der junge Historiker und Theologe Dr. Dr. Benjamin Hasselhorn als ein „den Hohenzollern nahestehender ‚Experte‘“ bezeichnet. „Experte“ in Anführungsstrichen. Nicht sehr nett. Aber diffamierend?

Hasselhorn war zuvor überraschend als Sachverständiger der Unionsfraktion in Erscheinung getreten, als die Hohenzollerndebatte im Januar 2020 im Kulturausschuss des Bundestags verhandelt wurde. Hat Kronprinz Wilhelm den Nationalsozialisten „erheblichen Vorschub“ geleistet? Die Nachfahren des früheren deutschen Kaiserhauses machen heute in umfassendem Maße Restitutionsforderungen an Museen, Ländern und Bund geltend.

Nebel im Bundestag

Doch Entschädigung für nach 1945 getätigte Enteignungen kann nach gesetzlicher Lage nur bekommen, wer der Etablierung der Naziherrschaft 1933 keinen „erheblichen Vorschub“ leistete. Die Historiker seien sich in dieser Frage uneinig, berichteten einige Medien nach der Sitzung im Bundestag.

Für diesen Eindruck war Hasselhorn verantwortlich. Er behauptete, alle bislang vertretenen Positionen seien „wissenschaftlich begründbar“, allein es fehle noch an „Quellenforschung“. Letztlich komme es auf den „Interpretationsrahmen“ an, vor allem in Bezug auf das „Verhältnis von Konservatismus und Nationalsozialismus“.

Hasselhorn erklärte später, für eine „differenzierte“ Betrachtung geworben zu haben. Differenzierung klingt immer gut, was ist dagegen einzuwenden? Da „erheblicher Vorschub“ eine juristische Kategorie ist, können am Ende nur Gerichte über die Streitfrage befinden. Aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive scheint die Debatte allerdings entschieden zu sein, spätestens seitdem Stephan Malinowskis quellengesättigte Darstellung über „Die Hohenzollern und die Nazis“ erschienen ist.

Malinowski schreibt die Geschichte einer Kollaboration zwischen der kaiserlichen Familie und den Nationalsozialisten, die keine Zweifel am zerstörerischen Wirken des Kronprinzen lässt. Auf dem Weg zum Standardwerk wird sich das Buch wohl auch nicht von Hasselhorn und seinem Chef Peter Hoeres aufhalten lassen, die kürzlich eine plumpe Kritik in der FAZ publizieren durften. Doch auch wenn die Hohenzollern und ihre Advokaten diesen Deutungskampf zu verlieren drohen, lohnt der Blick zurück, nach Sachsen-Anhalt, in den Maschinenraum der Neuen Rechten.

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Szenenwechsel: Schnellroda im Jahr 2014. Hier befindet sich das Institut für Staatspolitik (IfS), das Götz Kubitschek und Karlheinz Weißmann im Jahr 2000 gegründet haben, um die „intellektuelle Lufthoheit“ an den Universitäten zu erringen. Zu diesem Zweck richtet das Institut Akademien für junge Leute aus. Professoren, Generäle, Publizisten und Aktivisten schulen den rechten Nachwuchs. Auch ein gewisser „Martin Grundweg“ hat vermutlich einige dieser Akademien besucht.

Der junge Grundweg, angeblich Jahrgang 1984, träumt von einem neuen Historikerstreit. Von der großen geschichtspolitischen Wende, die den Deutschen den „Mut zur eigenen Geschichte, insbesondere zu den großen Stunden der deutschen Nation“ zurückgeben soll. Diese Nation ist preußisch, sie ist evangelisch und sie ist grandios, aber davon wolle man derzeit leider nichts wissen, dem „staatlich verordneten Geschichtsbild“ und dem „Schuldkult“ sei Dank. Zu seinem Unglück lebt Martin Grundweg im Interregnum, in der „kaiserlosen, der schrecklichen Zeit“ (Schiller).

2014 veröffentlicht dieser Grundweg fünf Artikel in der Sezession, dem Leitorgan der rechten Intelligenz,und 14 Einträge im „Staatspolitischen Handbuch“, einem Vorzeigeprojekt des IfS. Er schreibt über den Ersten Weltkrieg, die Schlacht auf dem Lechfeld oder das Wunder von Bern. Über mythische „deutsche Orte“ wie die Wartburg, Bayreuth oder Reval. Und immer wieder über Kaiser Wilhelm II., den er erkennbar ins Herz geschlossen hat. Danach verschwindet Martin Grundweg. Weder in der Sezession noch im Nachfolgeband des Handbuchs finden sich weitere Beiträge unter seinem Namen.

„Demokratie von rechts“

Grundwegs ambitioniertester Text, „Demokratie von rechts“, (Sezession 60/Juni 2014) entfaltet indes ein bemerkenswertes Nachleben. Hier hatte sich der Historiker als politischer Stratege präsentiert, der einiges auf seine „metapolitische Klugheit“ und seinen eiskalten „Realismus“ hält. Anstatt den Weg der radikalen Systemopposition zu beschreiten, solle die Neue Rechte „‚anknüpfend‘ […] agieren“ und versuchen, mit der AfD „im Namen des gesunden Menschenverstandes“ die „Mitte“ zu mobilisieren, um den „jahrzehntelangen Zersetzungstendenzen“ entgegenzuwirken und eine „postdemokratische Plutokratie“ zu verhindern.

Die Rezeption des Essays nimmt sich auf den ersten Blick bescheiden aus. Und doch wirkt der Text auf Umwegen fort. Zum einen begegnen wir Grundweg in einem Strategiepapier Götz Kubitscheks, in dem dieser für den sprachpolitischen Einsatz der Begriffe „Normalisierungspatriotismus“ und „Normalität“ wirbt. Kubitschek hat seinen Text im Mai noch einmal veröffentlicht, nun unter dem Titel „Deutschland. Aber normal“, dem Wahlkampfslogan der AfD. In diesem Text hat Kubitschek fast einen kompletten Absatz aus „Demokratie von rechts abgeschrieben. Merkwürdig.

Noch merkwürdiger wird es, wenn man „Königstod“ liest, ein 2018 erschienenes Buch des eingangs erwähnten Historikers und Theologen Benjamin Hasselhorn. In „Demokratie von rechts“ von Martin Grundweg steht der Erfolg der Serien „Borgen“ und „House of Cards“ für einen „neuen Zynismus“, der es, im Zusammenspiel mit den Debatten um die „Postdemokratie“, „denkbar“ erscheinen lässt, „eine rechte Alternative zur Demokratie zu entwerfen“.

Und im Unterkapitel „Postdemokratie“ von Hasselhorns in „Königstod“ steht geschrieben, dass der „unverhohlene Zynismus“ der Serien „Borgen“ und „House of Cards“ einen schleichenden Legitimationsverlust der westlichen Demokratien belege. Angesichts der Skurrilität des Gedankens erscheint ein Zufall unwahrscheinlich. Warum sollte man so etwas abschreiben? Handelt es sich um denselben Autor?

Hasselhorn gleich Grundweg?

Tatsächlich ist das Werk des Wissenschaftlers Hasselhorn nicht von dem des konservativen Revolutionärs Grundweg zu trennen. Beiträge Grundwegs für das „Staatspolitische Handbuch“ – über die Hohkönigsburg oder die Erlöserkirche – enthalten umformulierte Passagen aus Hasselhorns Dissertation über die „Politische Theologie Wilhelms II.“(2012). Eine Passage aus „Reval“ findet sich leicht umformuliert im ersten Kapitel von Hasselhorns zweiter Dissertation (2015) wieder. Auch Grundwegs Rezension zu einem Buch des Historikers Christoph Nonn weist gravierende Übereinstimmungen mit Hasselhorns Aufsatz „Erinnerung im Streit“ auf.

So schätzt Grundweg an Nonn, dass der sich „nicht als Staatsanwalt und Ankläger“ verstehe und den „einfachen Sachverhalt zur Sprache gebracht“ habe, dass zwischen Konservatismus und Nationalsozialismus „fundamentale Unterschiede“ bestünden. „Wenn sich Nonns Arbeitsweise in der Historikerschaft allgemein durchsetzen würde, wäre der Wissenschaftlichkeit des Faches ein großer Dienst erwiesen“, heißt es am Ende.

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Grafikquellen          :

Oben     — Für dokumentarische Zwecke behielt das Deutsche Bundesarchiv oft die Originalbildunterschriftenbei, die fehlerhaft, voreingenommen, veraltet oder politisch extremsein können. Reichskanzler Adolf Hitler und der Deutsche Kronprinz Wilhelm von Preußen im Gespräch während der Feier vor der Garnisonkirche in Potsdam.

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Unten        ––      Die Demo dort mit 30.000 Demonstratoren. Sie verwenden Flaggen von der letzten Fußball-Weltmeisterschaft Deutschlands. Sie demonstrieren seit vielen Jahren. Der Unterschied ist nur, dass sie den Namen PEGIDA gewählt haben. Dieses Bild wurde ursprünglich von blu-news.org bei https://www.flickr.com/photos/95213174@N08/16082840268auf Flickr gepostet. Es wurde am 23. Januar 2015 von FlickreviewR überprüft und es wurde bestätigt, dass es unter den Bedingungen des cc-by-sa-2.0 lizenziert wurde. Hauptthema ist die Kritik am Staat „BRD“ (Bundesrepublik Deutschland), Götz Kubitschek (vorne rechts).

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