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Der große Irritainer

Erstellt von DL-Redaktion am Donnerstag 14. April 2022

Elon Musk – Kein Troll, sondern ein Meta-Troll

Elon Musk Porträt Gemälde Collage von Danor Shtruzman.jpg

Eine Kolumne von  Sascha Lobo

Der Tesla-Chef irritiert regelmäßig mit seinen Äußerungen auf Twitter, nun hat er sich bei der Plattform eingekauft. Manche nennen ihn einen Troll, dabei folgt Musk einer viel interessanteren Strategie.

Um Elon Musk und seine so aberwitzige wie hyperwirksame, na ja, Öffentlichkeitsarbeit zu verstehen, muss man einen Begriff aus der Netzkultur kennen: Shitposting. Es gibt wie meist für die interessantesten englischen Worte keine vollumfänglich treffende Übersetzung, deshalb nähern wir uns der Bedeutung einkreisend an. Shitposting enthält Elemente des Trollens, und Trolle sind bekannterweise pöbelnde Störer in sozialen Medien. Shitposting muss aber anders als das Trollen nicht zwingend provozierend und aggressiv sein. Denn es ist ein großer Teil Ironie, Irritation und Interaktionswunsch dabei.

Ein wenig bekanntes Wort mit einem anderen noch weniger bekannten Wort zu erklären, mag kein cleverer Ansatz sein. Aber der Begriff, der dem Shitposting am nächsten kommen dürfte, wurde (wahrscheinlich) in den Neunzigerjahren von ein paar kanadischen Aktionskünstlern in Berlin entwickelt: Irritainment.

Elon Musk ist mit seinen Shitposting-Attacken einer der begabtesten, in jedem Fall aber der mit Abstand erfolgreichste Irritainer der Welt. Ab und zu wird er als »Troll« fehlbezeichnet. Doch diese abwertende Zuschreibung verkennt, dass Musk einer viel größeren und interessanteren Strategie folgt, in der Erkenntnisse über sein Denken, sein Handeln und die Gründe für seinen Erfolg zu finden sind. Das wiederum sagt sehr viel über die Welt im 21. Jahrhundert, denn Elon Musk ist der reichste Mann des Planeten. (Wenn man den Kriegsverbrecher Wladimir Putin mal außer Acht lässt, der nach Einschätzung eben jenes Elon Musk »significantly richer than me« sei, also »erheblich reicher als ich«.)

Elon Musks ökonomische Erfolgsgeschichte findet ihren Ausgangspunkt in der sehr erfolgreichen Gründung und dem Verkauf von Zip2, einem heute unbekannten Start-up, das aber 1999 für den damaligen Weltrekordpreis (für Internet-Unternehmen) von 307 Millionen Dollar an Compaq verkauft wurde. Mit dem Erlös baute er das Bezahlsystem PayPal mit auf, das 2002 für anderthalb Milliarden Dollar an Ebay verkauft wurde.

In der Folge wurden seine zahlreichen Firmen immer spektakulärer: 2004 das Raumfahrtunternehmen SpaceX, das touristische Marsflüge anbieten möchte. Die Elektroautomarke Tesla, die – anfangs belacht und mehrmals am Rand der Pleite tänzelnd – inzwischen der wertvollste Autohersteller der Welt ist und an der Börse so viel wert ist wie die nächstgrößten Automobilhersteller der Welt zusammengenommen. Die SpaceX-Tochter Starlink, die mit 2000 Satelliten im All rund um den Globus Internet anbietet, das nicht durch Regierungen zensiert werden kann. Das Transportunternehmen Hyperloop, das Luftkissenkapseln mit Menschen und Gütern drin mit Überschallgeschwindigkeit (1220 km/h) durch Vakuumtunnel rasen lassen möchte. Die Gehirnvernetzungsfirma Neuralink, die an einer direkten Bioschnittstelle zwischen Hirn und Internet arbeitet. Und schließlich ein Tunnelbohrungsunternehmen namens The Boring Company, das jedoch als erstes eigenes Produkt einen Heim-Flammenwerfer für Gelegenheitspyrokrieger anbot.

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Jetzt hat Elon Musk 9,2 Prozent von Twitter gekauft, einfach so. Für 2,9 Milliarden Dollar. Der witzigste Wirtschaftskommentator der Welt, Matt Levine von Bloomberg, beschrieb daraufhin ein fiktives Gespräch zwischen dem recht neuen CEO von Twitter und Musk. Darin sagt der Fantasie-Musk, ihm sei egal, wie profitabel Twitter sei, »wenn sich euer Aktienkurs verdoppelt, ist das nur ein Rundungsfehler in meinem Vermögen«. Warum also ist Elon Musk zum größten Einzelaktionär von Twitter geworden, einer Social-Media-Plattform, deren weltweite Kommunikationsrelevanz zwar enorm ist, die aber bisher nicht im Ansatz so viel Geld verdient hat, wie die Investoren erwarteten?

Die Antwort liegt natürlich darin, dass Elon Musks Irritainment über Twitter unglaublich gut funktioniert. In gewisser Weise füllt er die Lücke, die die Verbannung von Trump gerissen hat. Nur, dass zum Irritainment (in dem Trump eine boshafte Meisterschaft erreichte) bei Elon Musk ein offensiver Aktivismus kommt und manchmal sogar: Weltverbesserung.

Per Twitter kann er den Bitcoin-Kurs beeinflussen

Seine Tweets werden in Minuten weltweit zur Nachricht und entfalten größte Wirkung. Die Kryptowährung Dogecoin etwa war häufiger Inhalt von Musks Tweets. Der Kurs von Dogecoin stieg um bis zu 50 Prozent, nur weil Musk darüber auf seine leicht kryptische, ironische, irritainende Art twitterte. Auch den Kurs von Bitcoin (Marktkapitalisierung über 750 Milliarden Dollar) kann Musk per Twitter fast nach Belieben beeinflussen. Nachdem der Chef des Welternährungsprogramms der Uno auf CNN gesagt hatte, dass schon zwei Prozent von Elon Musks Vermögen den Hunger der Welt beenden könnte, twittert Musk, er werde das tun, wenn ihm jemand beweise, dass die entsprechende Summe (sechs Milliarden Dollar) tatsächlich das Hungerproblem lösen würden. Wenige Tage später spendet Musk Tesla-Aktien im Wert von 5,7 Milliarden Dollar. Das ist ziemlich exakt so viel wie ganz Deutschland im Jahr 2020 insgesamt gespendet hat.

Quelle       :         Spiegel-online         >>>>>       weiterlesen

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Grafikquellen      :

Oben     —     Elon Musk Portrait Painting Collage Von Danor Shtruzman mit alten Bücherpapieren, Permanentmarker, Acryl, Graphit – Größe (100) x (62) CM

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