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Der Erinnerung beraubt

Erstellt von DL-Redaktion am Dienstag 16. November 2021

Das Geschichtsmonopol hat allein der Staat.

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Von Inna Hartwich

Der Menschenrechtsorganisation Memorial droht das Aus. Die Opfer des sowjetischen Geheimdienstes sollen vergessen werden. Putin als Chefhistoriker verkündet die „historische Wahrheit“.

Wenn die Sonne im Frühsommer scheint, auf dieses Feld im Süden Moskaus, dann blendet das satte Grün rundherum fast die Augen. Eine weite Landschaft. Ruhig ist sie, fast still – und schrecklich. Bilder von Gefangenen, von Getöteten sind hier an eine Gedenkwand am Rande aneinandergereiht. Magere Gesichter, in Schwarz-Weiß. Mehr als 20.000 Menschen haben die Schergen der sowjetischen Geheimpolizei während der stalinistischen Säuberungen der 1930er Jahre hier in Butowo hingerichtet, mit Schüssen in den Hinterkopf, im kleinen Wäldchen in Kommunarka bei Moskau und in Sandarmoch in Karelien, im Norden des Landes, in Ufa, in Gorno-Altaisk und in Magadan.

An so vielen Orten quer durch Russland sind Menschen Opfer vom sowjetischen Terror geworden. An einigen finden sich heute Denkmäler, die manchmal mit einem Stein, manchmal mit langen Gedenktafeln und Tausenden von Namen daran erinnern. Dass die Opfer ihre Namen zurückhaben, dass ihr Leben sichtbar wird und ihr Sterben, dass vielleicht auch ihre Geschichte erzählt wird – das ist mitunter der Menschenrechtsorganisation Memorial zu verdanken, der ältesten in Russland. Bereits zu Sowjetzeiten, als das Land sich mit der Perestroika Michail Gorbatschows zu öffnen begann, schlossen sich Dissidenten, die einst zu Verbannung und Straflager verurteilt worden waren, in Moskau zusammen und fanden schnell Nachahmer im ganzen Land. Den Opfern ein Mahnmal zu schaffen, war ihr Ziel. Damit soll nun Schluss sein.

Der russische Generalstaatsanwalt hat vor dem Obersten Gericht des Landes die Liquidierung von Memorial gefordert. In der gegenwärtigen politischen Lage Russlands dürfte dieser Antrag einem Urteil gleichkommen. Es ist ein Zeugnis dessen, dass der Staat seinen Menschen ihr Gedächtnis raubt, dass er ihre Erinnerung auslöschen will und sie mundtot macht. In den vergangenen Monaten hatte es in Russland viele Gerichtsentscheide gegeben, die die Repressionsmaschine von Präsident Wladimir Putin offenlegten. Organisationen und Menschen landen regelmäßig auf der Liste „ausländischer Agenten“ des Justizministeriums. Bisweilen reichte es schon, wenn eine Tante aus Armenien Geld aufs russische Konto überwiesen hatte. „Ausländische Finanzierung“ schrien die loyalen Be­am­t*in­nen im vorauseilenden Gehorsam. Memorial steht seit Jahren auf dieser Liste und hat, so der Vorwurf, „systematisch“ gegen die Auflagen verstoßen.

Seit Jahren kämpft die Organisation gegen Attacken gewaltbereiter Traditionalisten, die die Büros stürmen und Memorial-Mit­ar­bei­te­r*in­nen angreifen. Die NGO kämpft gegen diffamierende Beiträge im Staatsfernsehen, setzt sich für ihre Ver­tre­te­r*in­nen in den Regionen ein, die in absurden Prozessen vorgeführt werden und in Straflager kommen. Erst vor wenigen Wochen hatten vermummte Angreifer eine Filmvorführung von Memorial in Moskau gestört. Die angerückte Polizei setzte aber nicht den randalierenden Mob fest, sondern die Memorial-Mitarbeiter*innen – und verschloss die Eingangstür von außen mit Handschellen. Ein finsteres Symbol.

Die mögliche Liquidierung von Memorial als Hüterin der Erinnerung an Lager und Terror ist ein gewaltiger Einschnitt in der Bürgergesellschaft. Der Antrag überschreitet eine psychologische Barriere im immer repressiver werdenden Apparat von Putins Russland. Und er zeigt: Das Geschichtsmonopol hat einzig und allein der Staat. Putin als Chefhistoriker verkündet die „historische Wahrheit“, die auf Heldentum baut. Der Staatsterror, dem Millionen sowjetischer Bürger zum Opfer fielen, hat keinen Platz in dieser Glanzgeschichte. Er soll vergessen werden. Die Arbeit von Memorial beeinflusse die sittliche und geistige Entwicklung von Kindern, heißt es auf den zwölf Seiten umfassenden Papier, mit denen die jahrzehntelange Geschichts- und Bildungsarbeit der Men­schen­recht­le­r*in­nen zunichtegemacht werden soll.

Quelle      :        TAZ-online         >>>>>          weiterlesen

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Unten        —   Meeting auf dem Konjuschennaja-Platz in St. Petersburg im Juni 2012

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