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Dé­jà-vu in der Ukraine

Erstellt von DL-Redaktion am Freitag 11. März 2022

Putins Armee probte in Syrien

Montage des syrischen Bürgerkriegs.png

Von Karim EL-Gawhary

Russlands Armee hat in Syrien die Waffen und Strategien für den Ukrainekrieg erprobt. Der Westen hat Putins Testlauf übersehen.

Wer im syrischen Bürgerkrieg genauer hingesehen hat, dem kommt das Drehbuch des russischen Militärs in der Ukrai­ne verstörend bekannt vor. Auch dort wurden Städte eingekesselt und mit überwältigender Feuerkraft beschossen, bis der Widerstand, im Falle Syriens teilweise nach Monaten, gebrochen war. Auch dort wurden humanitäre Korridore und lokale Waffenstillstandszonen zäh ausgehandelt und deren Schutz immer wieder verletzt. Die Zermürbung der Einwohner der Kriegszone war Strategie.

Der russische Militäreinsatz an der Seite des syrischen Diktators Baschar Assad wirkt fast wie die Blaupause für den Ukrainekrieg. Wenngleich es einen entscheidenden Unterschied gibt. In Syrien ging es Putin darum, den Wechsel eines Regimes zu verhindern, in der Ukraine geht es um das Gegenteil: Die amtierende Regierung Selenski soll militärisch zu Fall gebracht werden. Doch der Weg, diese unterschiedlichen Ziele zu erreichen, geht in beiden Fällen über die Kontrolle von Gebieten, die es militärisch zu erlangen gilt. In Syrien verlief dieser Weg über die Vorstädte von Damaskus, die aus den Händen der Rebellen zurückerobert wurden, und endete in der verheerenden Belagerung und Zerstörung von Aleppo.

In der Ukraine verläuft er heute über Charkiw, Mariupol bis wahrscheinlich in die Hauptstadt Kiew. In Syrien ging es darum, den Diktator Assad aus seiner bedrängten Lage zu befreien. In der Ukraine geht es darum, die Hauptstadt zu erreichen, um eine Putin-genehme Regierung zu installieren.

Syrien stand Modell für die humanitären Korridore, über die auch heute völlig erschöpfte ukrainische Zivilisten sich nun in Sicherheit bringen können. Das verheißt für die Menschen in der in der Ukraine nichts Gutes. Die von den Rebellen kontrollierten Orte in Syrien wurden mit Hilfe der russischen Luftwaffe systematisch bombardiert und über lange Zeiträume belagert, zerstört und ausgehungert. Wer dann die Städte verlassen wollte, dem wurden humanitäre Korridore angeboten.

Das einzige Angebot auf dem russischen Tisch

Damals endeten diese zunächst oft in den Gebieten, die vom Regime in Damaskus regiert wurden. Wer dort ankam und irgendwie nach Opposition roch, wurde abgegriffen und auf Nimmerwiedersehen weggeführt. Ein Grund, warum auch damals viele zögerten, diesen Weg zu nehmen, ähnlich wie heute viele ukrainische Zivilisten, die nicht nach Russland oder Belarus transportiert werden möchten. Und so wie deren sicherster Weg heute in Richtung Westen verläuft, lag der einzige „sichere“ Ausweg für die Menschen von Aleppo in der Evakuierung in die nordwest-syrische Provinz Idlib, die weiterhin von den Rebellen kontrolliert wurde.

Jene, die damals über diese Korridore ankamen, bilden heute das Gros der drei Millionen Flüchtlinge, die dort in überfüllten Lagern sitzen. Die Auswahl für die Menschen in Aleppo war damals ebenso brutal wie heute für die Menschen in Mariupol oder Charkiw: sein Heim und sein Hab und Gut hinter sich zu lassen oder zu riskieren, mit der Familie unten den Trümmern seines Hauses zu enden. Oder wie es der damalige und noch heutige russische Außenminister Sergei Lawrow bei der Belagerung von Aleppo unumwunden formulierte: „Jene, die sich weigern freiwillig zu gehen, werden ausgelöscht.“

Die Modernisierung der russischen Armee und Luftwaffe fand praktisch in Syrien statt

Es ist heute wie damals das einzige Angebot auf dem russischen Tisch. Die syrischen und russischen Militärs erreichten mit diesen humanitären Korridoren ihr Ziel. Nachdem die Evakuierung – viele Syrer nannten es auch Vertreibung – abgeschlossen war, wurden die belagerten Orte endgültig zum Freiwild der Artillerie und Luftwaffe. Denn wer jetzt noch dort war, war nach russisch-syrischer PR selbst schuld. Es dauerte dann meist nicht mehr lange, bis der letzte Widerstand weggebombt war.

Die humanitären Korridore sind ein Paradox. Denn hier wird die Vertreibung von Menschen als die einzige Möglichkeit präsentiert, zivile Menschenleben zu retten. Ein Kriegsverbrechen wird begangen, um ein anderes zu vermeiden. Das war damals in Syrien so, das gilt heute für die Ukrai­ne. Zumindest von jenen, die damals Aleppo in Richtung Idlib den Rücken kehrten, um ihr nacktes Leben zu retten, ist bis heute praktisch niemand wieder in die Stadt zurückgekehrt.

Der Westen hat weggeschaut

Quelle        :         TAZ-online          >>>>>        weiterlesen

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Grafikquellen          :

Oben     —   Oben links → Zerbombte Straßen in Aleppo.

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Unten     —   Karim El-Gawhary, 2012 in Frankfurt am Main

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