DEMOKRATISCH – LINKS

                      KRITISCHE INTERNET-ZEITUNG

RENTENANGST

Debatte – Tschüss, Twitter!

Erstellt von DL-Redaktion am Donnerstag 6. Januar 2022

Die Datenkraken Facebook, Google und Twitter

File:Fsa09, Datenkrake.jpg

Von Ulf Schleth

Nach Facebook und Google verabschiede ich mich jetzt auch von der Datenkrake Twitter. Gut so! Auch wenn mir manche Diskussion fehlen wird. Hartnäckig hält sich das Gerücht, Twitter sei im Gegensatz zu Facebook irgendwie okay.

Mein Twitter-Account macht es sich nach der überstandenen Jahresendfeierei gemütlich und wärmt seine Füße an den Hassposts rechter Troll Armeen. Was er nicht weiß: Nicht nur das Jahr neigt sich seinem Ende zu. Dies ist der dritte und letzte Teil des „Tschüss“-Artikeltriptychons, erst Facebook, dann Google, jetzt Twitter – gekrönt von der Löschung meines jeweiligen Social-Media-Accounts.

Was ist seitdem passiert? Nichts. Mir geht’s gut. Wie jemandem, der erfolgreich mit Rauchen oder Fleischessen aufgehört hat: Man vergisst irgendwann, warum es einmal so schwierig erschien. Ich bin nicht einsamer als vorher. Nicht mal „aufgehört“ habe ich, ich benutze soziale Medien nach wie vor, nur welche, die keiner meiner Freunde oder Bekannten nutzt.

Auch die sind geblieben – bei Facebook, Twitter oder Insta. Ein paar von ihnen haben mit mir gemeinsam Alternativen ausprobiert, aber als nicht sofort alle mitgezogen sind, waren sie in 24 Stunden wieder zurück in ihren Datenkraken. Vielleicht fühlen sie sich nicht existent, wenn die Dosis erhaltener Likes sinkt, oder für sie steht schlicht Bequemlichkeit über Datenschutz und informationeller Selbstbestimmung.

Dasselbe gilt für viele Institutionen wie die taz. Klar, für Reichweite tut man alles – aber deshalb Inhalte nur dort teilen, wo mit Benutzerdaten Schindluder getrieben wird? Ist es denn so aufwendig, parallel alternative Plattformen zu bespielen?

Die jedes Mal wiederkehrende Frage: „Warum empfiehlst du nicht Ello/MeWe/irgendein anderes soziales Medium?“, beruht auf einem Missverständnis. Nur weil etwas neu ist, ist es keine Alternative. Man sollte sich und seine Daten nicht Firmen mit unseriösen Geschäftsmodellen anvertrauen. Am Ende ist der vermeintliche Kunde selbst das Produkt und die Privatsphäre im Eimer. Richtige Alternativen sind Open Source, sie sind dezentral und erlauben der Benutzerin zu entscheiden, was sie mit ihren Daten machen möchte.

Dabei kann gerade Twitter Sinn und Spaß machen: Überfällige Diskussionen wie #MeToo, geistreiche Memes und rhetorische Perlen, manchen ersetzt Twitter die Dating-App, andere finden hier Jobs. Intellektuell privilegierte Journalistinnen streiten sich hier mit finanziell privilegierten Rechtskonservativen, mit Politikern und Lobyistinnen, mit Institutionen und Extremen aller Couleur. Twitter hat auch Macht; wer hier vorn mitmischt, wird in der Welt der Entscheider gehört.

Ich gebe es gern zu: Immer wenn ich eingeloggt war, war es eine Freude, in diesen Bull­shit hineinzutauchen. In die Tweets von Leuten, die sich in Originalität und Witzigkeit übertreffen. Die pubertären Zündet-alle-Männer-an-Provokationsposts und all die creepy Antworten von alten weißen Männern, die nicht auf die Uhr geguckt haben.

Demo Freiheit statt Angst (3916849270).jpg

Debatten, in denen es nicht darum geht, jemanden mitzunehmen, nur darum, den besseren Schnitt zu machen, um Anerkennung und Likes aus der eigenen Bubble und darum, im Gespräch zu bleiben. Brillanz in 280 Zeichen. Flat­earther oder Neurechte, die mit den Schriften der Autorin Ayn Rand ihre Ideologie untermauern und einen uneingeschränkten Kapitalismus fordern. Wie oft haben ihre Tweets mich so getriggert, dass ich eine mehr oder weniger geistreiche Entgegnung in die Tasten haute, nur um sie später, wenn es peinlich war, sich an diesem Zirkus beteiligt zu haben, wieder zu löschen.

Glaubt man ein paar verschlafenen Politikerinnen und Journalisten, ist nicht der Datenmissbrauch das Hauptproblem sozialer Medien, sondern die Hassposts. Soziale Medien wie Twitter und Facebook fördern und profitieren von Polarisierung und Blasenbildung und das ist ein Problem, aber sie schreiben diese Posts nicht. Die Politik fühlt sich, wie generell mit Sozialem, auch mit Social Media überfordert und versucht, die Verantwortung an die Betreiber der Portale abzuwälzen. Das ist doppelt falsch.

Zum einen können diese die Aufgabe gar nicht erledigen. Und schicken ihre Filter los, „Algorithmen“, die etwa so intelligent sind wie ein Glas Milch und alles Mögliche mitlöschen, das eher unter Meinungsfreiheit fällt und gar nicht gelöscht werden sollte. Zum anderen wird damit ein wichtiger Teil rechtsstaatlicher Verantwortung in die Hände international operierender Konzerne gelegt.

Quelle   :       TAZ-online          >>>>>        weiterlesen

*********************************************************

Grafikquellen        :

Oben      —      Plastische Darstellung eines Datenkraken (Spannweite ca. 18 Meter) auf der Demonstration „Freiheit statt Angst“ 2009. Gebaut und koordiniert von dem Künstler Peter Ehrentraut für den FoeBuD e. V. V. (seit 2012: Digitalcourage e. V.

Verfasser Matthias Hornung
Quelle http://wiki.vorratsdatenspeicherung.de/images/Mho_-198-r.jpg

Diese Datei ist lizenziert unter der Creative Commons Attribution 2.0 Generic Lizenz.

**************************

Unten       —             Demo Freiheit statt Angst

Ein Kommentar zu “Debatte – Tschüss, Twitter!”

  1. Jimmy Bulanik sagt:

    Ich erachte mich durch diesen Artikel darin bestätigt, daß ich kein Konto bei solch einer Plattform eingerichtet habe. Demzufolge habe ich eigenständig für die Reichweite meiner Artikel gekümmert.

    Emails, SMS, als auch der Signal Messenger https://signal.org/de sind dafür gut geeignete Instrumente.

    Es sollte viel mehr aus solchen Plattformen ausgstiegen werden. In Form von Löschen solcher Konten. Sofern notwendig die Anleitungen dafür bereitstellen.

    Somit trifft eine natürliche Person im Bezug auf die persönliche Privatsphäre die richtige Entscheidung. In einer Summierung werden die Konzerne es konstatieren, daß die Menschen ihre Plattformen verlassen und nicht weiter nutzen. Somit es weniger Daten zu Monetarisieren gibt.

    Sollte in der Zukunft Geld dafür bezahlt werden, einen Dienst zu nutzen ohne dabei das Produkt zu sein kann dies in Ordnung sein. Dafür brauchen die Menschen auch die notwendige Einsicht als auch die Kapitalmasse dafür.

    Die Email ist solch ein Beispiel dafür. Es gibt kostenpflichtige Email Anbieter wie https://www.startmail.com/de zum Beispiel. Ein VPN Anbieter https://account.protonvpn.com/signup zum Surfen ohne den TOR Browser https://www.torproject.org/de beispielsweise.

    Die Menschen brauchen den guten Willen. Alles andere folgt logischerweise von selbst.

Kommentar schreiben

XHTML: Sie können diese Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>