DEMOKRATISCH – LINKS

                      KRITISCHE INTERNET-ZEITUNG

RENTENANGST

Das Elixier des Untergangs

Erstellt von DL-Redaktion am Montag 18. April 2022

Deals mit russischem Öl und Gas

Ich habe gelogen.png

Eine Kolumne von Christian Stöcker

Was haben Wladimir Putin, George W. Bush, die Koch-Brüder, die US-Republikaner, Teile der SPD, vier Merkel-Regierungen, Banken, die Automobilindustrie und die Börsen dieser Welt gemeinsam?

»Letztendlich wollen alle Geld machen, und das weiß der Kreml.«

Ein New Yorker Hedgefonds-Manager, zitiert in Catherine Beltons, »Putins Netz« (2020)

Im September 2005 kaufte der Gazprom-Konzern, der damals längst unter der Kontrolle des Kreml stand, Roman Abramowitschs Anteile am russischen Ölkonzern Sibneft, für eine Summe von umgerechnet etwa elf Milliarden Euro. Für den Kurs der Gazprom-Aktie war das hervorragend: Zwischen Anfang 2005 und Oktober 2006 verdreifachte sich der Wert der Anteile. In London knallten die Korken.

Gazprom war nur einer von mehreren russischen Konzernen, die an der britischen Börse für festliche Stimmung sorgten. 2006 ging auch noch der Ölkonzern Rosneft an den Markt. Eine Zeit lang wurde sogar spekuliert, das werde »der größte Börsengang der Geschichte«, mit einem Einstandswert von 20 Milliarden US-Dollar. Ganz so viel war es am Ende nicht, aber auch Rosneft sorgte für börsliche Ekstase. Und das, obwohl der Konzern maßgeblich aus den Yukos-Anteilen bestand, die der Kreml Michail Chodorkowski entrissen hatte, um ihn anschließend in Sibirien wegzusperren. Londons Banker verdienten am Rosneft-Börsengang 120 Millionen Dollar.

Die Schmierstoffe von »Londongrad«

Der Multimilliardär und Putinkritiker George Soros dagegen warnte damals, Rosneft werde immer »ein Werkzeug des russischen Staates« bleiben, Börsengang hin oder her. Zur Erinnerung: Anfang 2006 hatte Russland der Ukraine schon einmal das Gas abgedreht.

Seit etwa dieser Zeit hat die Londoner City übrigens den Beinamen »Londongrad«. Bis heute spielt russisches Geld aus dubiosen Quellen in der britischen Politik eine zentrale Rolleauch und gerade beim Brexit.

George Soros wiederum spielt schon lange eine Hauptrolle in im Westen verbreiteten Verschwörungstheorien. Das ist aufschlussreich, wenn man bedenkt, wie lange Wladimir Putin Soros schon als persönlichen Feind betrachtet. Vielen scheint bis heute nicht klar zu sein, wie lang, tief greifend und erfolgreich russische Einflussoperationen im Westen in all den Jahren gewesen sind. In Teilen der SPD zum Beispiel hat man das grotesk falsche Bild, das man von Putin hatte, offenbar bis heute noch nicht so ganz korrigieren können.

Putins Türsteher als CEO

Aber zurück zur Chronologie. Die Tatsache, dass damals, ab 2005, an den riesigen russischen Öl- und Gasvorkommen jetzt endlich auch westliche Investoren so richtig verdienen konnten, stieß in London und anderswo auf große Begeisterung. Selbst die Tatsache, dass die zugrundeliegenden Geschäfte stets sehr zwielichtig organisiert und die Börsenprospekte der Firmen teils sehr merkwürdig waren, störte die westlichen Märkte nicht.

George Soros war nicht der Einzige, der darauf hinwies, dass Putin und seine Getreuen sich bei jedem dieser Deals vermutlich die eigenen Taschen vollmachten, auch wenn sich das aufgrund zahlreicher Tarnmanöver nie nachweisen ließ. Der Chef von Rosneft war und ist Igor Setschin, ein Ex-KGB-Mann, der schon in Sankt Petersburg in den Neunzigern über den Eingang zu Wladimir Putins Büro wachte. Auch Gazprom-Chef Alexei Miller ist Putins Weggefährte seit den Petersburger Tagen.

Der Markt ist ein Idiot

All das störte die Herren in den Nadelstreifenanzügen in westlichen Bankhäusern nicht, solange Gas, Öl und Geld flossen. Der Markt ist, sehr oft, ein Idiot.

All das muss man selbstverständlich auch, eigentlich sogar vor allem vor dem Hintergrund betrachten, dass 2006 schon lange bekannt war, dass sich die Menschheit immer schneller auf eine von ihr selbst verursachte, globale Katastrophe zubewegte. 2007 erschien bereits der vierte Sachstandsbericht des Weltklimarates IPCC, in dem einmal mehr stand, was man schon viele Jahre wusste, wie so oft viel zu mild und harmlos formuliert: »Fortgesetzte oder weiter gesteigerte Treibhausgasemissionen würden zu weiterer Erwärmung und im Lauf des 21. Jahrhunderts zu vielen Veränderungen im globalen Klimasystem führen.«

Schon damals war auch klar, dass all das sehr teuer werden würde: »Die Folgen des Klimawandels werden sehr wahrscheinlich jährliche Nettokosten verursachen, die immer weiter steigen, wenn die globalen Temperaturen weiter zunehmen.«

Wie gesagt: Der Markt ist oft ein Idiot.

Zum entsetzlichen Gesamtbild gehört, dass der jüngste IPCC-Bericht, dessen Warnungen sich mittlerweile trotz aller politischen Einflussnahme zunehmend verzweifelt lesen, weltweit ein deutlich geringeres Medienecho fand als eine Ohrfeige bei einer Filmpreisverleihung. Das Gift steckt tief in unseren gesellschaftlichen Systemen, bis heute.

Gewinnbringer für Nichtskönner

Die börsliche Begeisterung für die Deals mit russischem Öl und Gas reflektieren gleich in zweifacher Hinsicht diese absurde Kurzsichtigkeit. Jedem, der es wissen wollte, konnte damals, 2005 und 2006, längst klar sein, das Wladimir Putin und seine KGB-Kumpel in Russland ein kleptokratisches, außerhalb jeder Rechtsstaatlichkeit operierendes System der rücksichtslosen Machtausübung und Selbstbereicherung schufen. Der Westen und seine Märkte halfen kräftig mit, dieses System zu finanzieren – und sorgten dabei gleichzeitig dafür, dass die Lebensgrundlagen der gesamten Menschheit noch schneller untergraben wurden.

Quelle          :         Spiegel-online         >>>>>         weiterlesen

*********************************************************

Grafikquellen      :

Oben          —   „Ich habe gelogen“ von Carlos Latuff.

Green copyright.svg The copyright holder of this work allows anyone to use it for any purpose including unrestricted redistribution, commercial use, and modification.

Dialog-warning.svg Please check the source to verify that this is correct. In particular, note that publication on the Internet, like publication by any other means, does not in itself imply permission to redistribute. Files without valid permission should be tagged with . {{subst:npd}}

Usage notes:

*******************************

Unten     —       Christian Stöcker (2017)

Kommentar schreiben

XHTML: Sie können diese Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>