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BSI-Präsident Schönbohm

Erstellt von DL-Redaktion am Donnerstag 13. Oktober 2022

Der herbeigeböhmermannte Skandal

Eine Kolumne von Sascha Lobo

Jan Böhmermann und sein Team präsentieren Investigativjournalismus wie niemand sonst in Deutschland. Doch diesmal ist der Inszenierungsfuror mit ihm durchgegangen. Dem Bundesinnenministerium kann es recht sein.

Diese kurze Geschichte sieht zu Beginn so aus, als würde sie von der IT-Sicherheit dieses Landes handeln, von der Politik, gar von internationalen Verwicklungen. In Wahrheit aber handelt sie davon, wie Medien unbeholfen mit halbgaren Mitteln arbeiten und die Politik das ausnutzt. Ja, die Politik. Der Streit der Argumente, der Streit der Haltungen, der Streit der unterschiedlichen Interessen. Manche Leute aber verrennen sich bekannterweise oder sind vielleicht sogar kompromittiert auf die eine oder andere Weise. Hier kommen die redaktionellen Medien als Korrektiv ins Spiel, insbesondere investigative Recherchen. Die können politische Beben auslösen oder einzelne Leute aus ihren Ämtern kegeln oder beides, und zwar über den öffentlichen Druck. Das ist gut. Das ist Demokratie. Solange Medien angemessen verantwortungsvoll arbeiten. Enthüllungsjournalismus ist eine Art Wortwaffe, mit der man sorgsam umgehen muss, wie mit medialer Reichweite.

Grob gesagt gibt es drei Dimensionen medialer Enthüllungen, die neben dem restlichen Weltgeschehen über die Wirkung entscheiden: den Neuigkeitswert. Die Skandaldimension. Die Inszenierung. Moment, Inszenierung? Ja. Das ist – leider? Zum Glück? – die Realität in einer Zeit des weltweiten Info-Dauerfeuers: Zu jeder Enthüllung gehört heute eine Inszenierungsstrategie, damit sie nicht verpufft im medialen Getöse. Skandale dürfen zum Beispiel nicht zu komplex beschrieben werden, sonst werden sie von der Öffentlichkeit nicht verstanden, und es entsteht kein nachvollziehbarer Druck. Sie müssen mit den richtigen Worten auf die richtige Weise zum richtigen Zeitpunkt vorgetragen werden. Und von dafür geeigneten Absendern. Eben eine beinahe klassische Inszenierung. Aber mit der Verantwortung, trotzdem ausreichend sorgfältig und redlich zu bleiben.

Was zu einem der jüngsten Investigativposten der Bundesrepublik führt: Jan Böhmermann. Böhmermann hat als Clown angefangen, möchte aber inzwischen zusätzlich Investigativ-Journalist sein. Deshalb hat er seine Redaktion umgebaut, wirklich fähige Leute dazu geholt, die oft hervorragende Arbeit machen. Sehr gut! Das Problem beginnt dort, wo eine wöchentliche Sendung zwar nicht jede Woche spektakuläre Enthüllungen bringen kann – aber das erkennbar gern möchte. Im Fall Böhmermann hat das dazu geführt, dass manche Enthüllungen mit, sagen wir, mittelgroßer Brisanz, recht sanfter Fallhöhe oder nicht übermäßiger Überraschungsintensität daherkommen. Dass Influencer*innen nach Dubai gegangen sind, um Steuern zu sparen, etwa. Es ist natürlich völlig in Ordnung, wenn man nicht ständig A-Ware liefern kann. In einem ähnlichen Kontext sagte der Künstler Martin Kippenberger einmal mit Bezug auf van Gogh: »Ich kann mir nicht jeden Tag ein Ohr abschneiden.«

Ist ja Satire

Die mittelgroße Brisanz mancher Böhmermann-Enthüllungen macht er in seiner Show aber wieder mehr als wett, und zwar mit einer einzigartigen Inszenierungsfähigkeit. Böhmermann und sein Team sind ohne Zweifel die Journalist*innen, die enthüllte Verfehlungen aller Art im deutschsprachigen Raum mit Abstand am unterhaltsamsten inszenieren können. Der Writers Room des ZDF Magazin Royale könnte aus zu spät zurückgegebenen Pfandmarken der Bundestagskantine einen parlamentarischen Jahrhundertskandal drechseln, daraus einen fantastischen Text zaubern, den Jan Böhmermann wiederum mit unvergleichlicher Brillanz vom Teleprompter ablesen würde. Boooom!

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Aber nun von Boooom nach Bonn, ein Reißschwenk auf eine Behörde in Deutschland, die so nerven kann wie sonst nur Datenschützer. Zum Teil, weil das ihr Job ist, zum Teil, weil dort nicht unkomplizierte Leute arbeiten: das BSI, das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik , mit seinem – Stand Mittwochmittag – Chef Arne Schönbohm. Eben dieser ist das jüngste Ziel von Böhmermanns »ZDF Magazin Royale« , und zwar mithilfe des publizistischen Instruments, das Böhmermann perfekt beherrscht: der Lächerlichmachung einzelner Personen. Ist ja Satire und damit erlaubt, Investigativsatire, auf eine Art. Arne Schönbohm wird von Böhmermann als #CyberClown vorgeführt, persönlich attackiert, in zweifellos beschädigender Weise. Die Story dazu klingt nach spektakulären Zutaten: Der IT-Sicherheitschef von Deutschland hat einen Cybersicherheitsverein gegründet und lange geleitet, in dem eine IT-Firma Mitglied ist, die eindeutige Verbindungen zu russischen Geheimdiensten hat. Diese Firma ist wohl irgendwie auch noch mit der Cybersicherheit des Landes befasst, und das alles unter Schönbohms Verantwortung.

Leider stellen inzwischen mehrere Fachleute fest, dass offenbar Böhmermanns Inszenierungsfuror mit ihm durchgegangen ist, insbesondere was die Rolle der problematischen IT-Firma angeht. Denn, wie der SPIEGEL schreibt: Ob diese Firma »wirklich eine so wichtige Rolle in der Cybersicherheitsarchitektur  Deutschlands spielt, wie Böhmermann am Freitag in seiner Sendung ›ZDF Magazin Royale‹ insinuierte, ist mindestens zweifelhaft.« Insinuieren ist hier ein wichtiges Wort. Die Andeutung, damit sich das Publikum seinen Teil denken soll, ist ein wiederkehrendes Instrument von Böhmermanns Enthüllungen, mit dem man nicht ganz ausrecherchierte Geschichten so fabelhaft inszenieren wie rechtssicher anreichern kann.

Quelle      :            Spiegel-online          >>>>>         weiterlesen

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Grafikquellen          :

Oben     —   Jan Böhmermann beim Deutschen Fernsehpreis 2021

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