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Boulevard der Albträume

Erstellt von DL-Redaktion am Dienstag 14. Dezember 2021

Roter Teppich für die „Bild“

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Von   Ömer Erzeren

„Hürriyet“ und „Bild“-Zeitung haben viel gemein. Hinter beiden Medien stehen mächtige, quasi staatstragende Konzerne. Ein wahrer Abgrund.

2006 hat sich die Springer-Verlagsgruppe beim größten türkischen Medienkonzern Doğan (dazu gehört als Flaggschiff die Boulevardzeitung Hürriyet) eingekauft. 2018 wurden die Anteile wieder abgestoßen. Zuvor waren die Hauptanteile des Medienhauses an den Unternehmer Demirören verkauft worden.

Einen Mann, den Staatspräsident Erdoğan telefonisch ausschimpfen und zum Weinen bringen konnte. Die Springer-AG kassierte seinerzeit eine dreistellige Millionensumme. Und ihr Vorstandsvorsitzender Mathias Döpfner war traurig: „Ein außerordentlich bedauernswertes Zeichen für den Journalismus in der Türkei“. Heute setzen die gleichgeschalteten Medien um, was die Herrschenden einfordern: Die Wirklichkeit verzerren, Inflationsraten und Covid-Infektionszahlen senken, Bösewichte konstruieren und die Herrschenden rühmen.

Als Gegenleistung gibt es gewaltige staatliche Bauaufträge (Autobahnen, Flughäfen, Brücken) und die Chefredakteure dürfen sogar im türkischen Präsidentenjet mitfliegen.

Die guten, bösen alten Zeiten

In den guten alten Zeiten, als sich der Axel-Springer-Konzern bei der Doğan-Gruppe einkaufte – war Hürriyet noch Staat im Staat, um dessen Gunst Politiker buhlten. Das Boulevardblatt brachte Minister zu Fall und stürzte türkische Regierungen. Doch der Umstand, dass Hürriyet nicht unmittelbarer Erfüllungsgehilfe der Regierung war, machte sie nicht besser. Journalistisches Ethos wurde mit Füßen getreten, Menschenleben wurden zerstört.

Die Ermordung des kurdischen Menschenrechtsaktivisten und Vorsitzenden der Anwaltskammer der Stadt Diyarbakir, Tahir Elçi, folgte unmittelbar der Medienkampange in Hürriyet, in welcher Elçi als „Terrorist“ denunziert wurde.

An die guten alten Zeiten der Hürriyet erinnerte ich mich anlässlich der Spendengala „Ein Herz für Kinder“, die Bild veranstaltet. Nicht der Vergangenheit von Bild wegen. Nicht wegen den Schüssen auf Rudi Dutschke, nachdem dieser im Boulevard als Bösewicht dargestellt wurde, nicht wegen der Hetzkampagne gegen den Schriftsteller Heinrich Böll wegen seines Romans „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“.

Gewehr bei Fuß

Die Politik stand damals Gewehr bei Fuß, um die Bild-Zeitung zu verteidigen und Böll in die Nähe des Terrorismus zu rücken. So tat es auch der CDU-Politiker und spätere Bundespräsident Karl Carstens. Er hatte Bölls Roman zwar nicht gelesen, wusste aber, dass das Boulevardblatt gegen terroristische Schriftsteller verteidigt werden müsse.

Auch der Investigativjournalist Günter Wallraff, der das Binnenleben von Bild aufdeckte und dafür verleumdet wurde, ist Vergangenheit. Vergangenheit ist auch CDU-Politiker Christian Wulff, der vom Bundespräsidentenamt zurücktreten musste, weil er es sich mit der Bild-Zeitung verscherzt hatte.

Nein, wir sind in der Gegenwart. Und aktuell sind Olaf Scholz, Annalena Baerbock und Robert Habeck gemeinsam mit Mathias Döpfner bei einer Charity. Jener Döpfner, von dem wir wissen, dass er den Zustand des Journalismus in der Türkei bedauert und auch große Gefahren für Deutschland sieht. Just am Tag der Gala wurden in Bild die Wis­sen­schaft­le­r:In­nen Dirk Brokmann, Viola Priesemann und Michael Meyer-Hermann als „Die Lockdown-Macher“ (so die Schlagzeile auf Seite eins) denunziert.

Quelle      :           TAZ-online          >>>>>>         weiterlesen 

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