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Blau-gelbe Punkte

Erstellt von DL-Redaktion am Mittwoch 6. April 2022

Können wir noch mehr tun, wir Nichtentscheidungs-ver­pflichteten mit begrenzter Zeit, außer demonstrieren?

Friedensdemo 2022-03-05 Mannheim 06.jpg

Ein Schlagloch von Mathias Greffrath

Im Juni 69 stoppte die Bürgeraktion Roter Punkt die Fahrpreiserhöhung für Busse. Sie könnte Vorbild sein für eine Bewegung der Solidarität mit Kiew.

Es ist quälend, zwischen Moral und der Logik des Krieges hin und her zu pendeln: Der Blick auf Bilder drängt zu radikalen Maßnahmen, aber keiner kann mir sagen, ob die Folgen eines Gasboykotts so dramatisch wären, wie der BASF-Chef behauptet; ich weiß nicht, wozu deutsche Autofahrer fähig sind oder welche Folgen die Einstellung der Ammoniakproduktion hätte. Allenfalls beim Export von Ritter Sport und Metro-Würstchen habe ich eine klare Meinung, bei den Aufrufen zum Nato-Einmarsch von jugendlichen Chefreporterinnen auf www.welt.de oder bei der Befürchtung, der kranke Mann im Kreml könne bis zum Äußersten gehen. Und diesen Satz zu schreiben, kommt mir schon nach dem Punkt zynisch vor. Es ist furchtbar, in einer solchen Situation nur wählen zu können, wessen Urteilsvermögen und Kenntnis man vertraut. Und es ist regelmäßig zum Kotzen, wenn Wahlkämpfer oder Kolumnisten ihre alten Suppen mit Freiheitspathos aufmotzen.

Man möchte was tun, aber was? Viele helfen auf Bahnhöfen und in Unterkünften, wer kann, stellt seine Wohnung zur Verfügung. Wir drehen die Heizung runter, wir spenden, wir folgen der verzweifelten Aufforderung von Wolodimir Selenski, auf die Straßen zu gehen. Können wir noch mehr tun, wir Nichtentscheidungsverpflichteten mit begrenzter Zeit, außer demonstrieren?

Etwa so weit war es in einem dieser vielen Gespräche nach einer dieser vielen Horrormeldungen. „Man bräuchte“, sagte da einer der Älteren, „wieder so etwas wie den Roten Punkt.“ Der Rote Punkt, das war, 1969, eine Bürgeraktion gegen die Erhöhung der Fahrpreise im öffentlichen Nahverkehr in Hannover, von 70 auf 80 Pfennig. Es gab Proteste, die nützten nichts, Studenten blockierten die Gleise und Busdepots, die Polizei griff ein, es wurde weiter blockiert. Die Polizei kam mit Wasserwerfern, das erweckte den Unwillen von ganz stinknormalen Bürgern, die auf einmal Lust an Vergehen gegen den § 1 der StVO fanden und sich dazusetzten. Der Verkehr blieb lahmgelegt – eine Woche lang. Und trotzdem kamen fast alle pünktlich zur Arbeit, zur Schule, zum Arzt, und sogar komfortabler als sonst. Wegen des Roten Punktes. Der hatte zehn Zentimeter Durchmesser, sympathisierende Autofahrer konnten ihn aus Flugblättern ausschneiden oder aus den hannoverschen Zeitungen, denn auch die hatten sich der Volksstimmung angeschlossen, und hinter die Windschutzscheibe kleben. Die Stadtverwaltung selbst ließ 50.000 Rote Punkte drucken. Und immer mehr Motorisierte machten mit; freiwillige Lotsen winkten die Autos in die Haltestellenspuren der stillgelegten Straßenbahnen. Der Verkehr floss reibungslos, an den Knotenpunkten regelten Aktivisten den Verkehr so professionell wie Polizisten. Es machte allen Beteiligten einen Riesenspaß, es hätte ewig so weitergehen können. Und deshalb schwenkte die Stadtregierung nach einer Woche die weiße Fahne und sagte die Kommunalisierung der bis dahin privat betriebenen Hannoverschen Verkehrsbetriebe zu.

Weil nichts so überzeugend ist wie der Erfolg, gab es noch ein paar Jahre lang Rote-Punkt-Aktionen in einem Dutzend anderer Städte – und in Hannover leuchten bei den Älteren die Augen, wenn sie von der Aktion erzählen. Freilich auch davon, dass auch die schönsten Erfolge eine Halbwertszeit haben: Neun Monate später wurden die Preise doch erhöht.

Kollektive Aktionen dieser Art und Größenordnung sind selten. In diesem Fall kam einiges zusammen: Es herrschte ganz allgemein ein Klima des Aufbruchs, es gab ein breites Bündnis, vor allem aber war die Aktion selbst sportlich und schaffte eine neue Gemeinschaft auf den Straßen: Gespräche kamen in Gang, man politisierte, lernte sich kennen, machte unvergleichliche Erfahrungen in fremden Autos. Man sagte nicht nur seine Meinung – in Chören und auf Transparenten –, sondern organisierte eine funktionierende Alternative. Und man tätigte einen körperlichen Einsatz, man setzte sich in Bewegung, wurde sichtbar für andere und andere für einen. Handeln verpflichtet, mehr als Worte. Die Bürgergesellschaft erlebte sich für eine Weile als Akteur.

Quelle        :       TAZ-online          >>>>>         weiterlesen

Grafikquellen          :

Oben     —     Ukraine solidarity protest 2022-03-05 in Mannheim, Germany

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