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Bettina Gaus – Meinung

Erstellt von DL-Redaktion am Sonntag 6. Juni 2021

Aus der Corona-Pandemie * Nichts gelernt

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Eine Kolumne von Bettina Gaus

Für eine Bilanz der Coronazeit ist es – leider – zu früh, aber die Zwischenbilanz fällt vernichtend aus: Mit langfristigen Herausforderungen kann diese Gesellschaft nicht umgehen.

Ein verstolperter Impfstart, unter dessen Folgen wir nach wie vor leiden. Unanständige, mutmaßlich strafbare Maskendeals. Fehlende Kontrolle von Abrechnungen in Corona-Testzentren auf der einen, überbordende Bürokratie und zahlreiche absurde Vorschriften auf der anderen Seite. Eine Generation von Kindern und Jugendlichen mit wachsenden psychischen Problemen und mit Bildungsdefiziten, die sich in vielen Fällen nie mehr werden ausgleichen lassen. Digitaler Analphabetismus.

Diese Liste der Versäumnisse, der Schlampereien und der Beispiele für Ignoranz und Gleichgültigkeit ist unvollständig, aber schon lang genug. Für eine Bilanz der Corona-Zeit ist es – leider – zu früh, aber die Zwischenbilanz fällt vernichtend aus. Wie ist es so weit gekommen? Eigentlich hatten die Verantwortlichen doch Voraussetzungen, die kaum besser hätten sein können. In den ersten Monaten der Pandemie haben sie nach Ansicht einer überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung vieles richtig gemacht und sich großes Vertrauen erworben. Wie ist es ihnen gelungen, das zu verspielen?

Ende Februar 2020 habe ich in einem anderen Medium, nämlich der »taz«, geschrieben: »Gegenwärtig werden wir als die Erwachsenen behandelt, die wir sind. Regelmäßig bekommen wir Informationen, auch mögliche Probleme und ein unzureichender Kenntnisstand werden nicht verschwiegen.« Politikerinnen und Politiker »geben zu, dass manche Entscheidungen keineswegs ›alternativlos‹ sind, sondern auf Güterabwägungen beruhen. Und dass man sie auch anders hätte treffen können. Wunderbar.« Ja, sehr erfreulich war das damals. Heute würde ich keinem einzigen Satz, den ich hier zitiert habe, noch zustimmen.

Parteien und Personen, die gewählt werden wollen, müssen in einer Demokratie irgendwann darum kämpfen, dass sie für fähiger gehalten werden als die Konkurrenz. Ich kann verstehen, dass eigene Unsicherheiten und die Erörterung möglicher Fehleinschätzungen gerade in einem Wahljahr nicht in den Vordergrund gestellt werden. Bis zu einem gewissen Grad kann ich sogar Populismus entschuldigen. Aber es gibt Grenzen.

Strand am Ballermann 6.JPG

Hauptsache die Deutschen Freaks dürfen wieder zum Ballermann!

Gesundheitsminister Jens Spahn hat durchgesetzt, dass das festgelegte Intervall zwischen Erst-und Zweitimpfung mit AstraZeneca erheblich verkürzt wurde. Niemand, nicht einmal er selbst, bestreitet, dass dies die Wirksamkeit deutlich mindert. Aber, nun ja, die Leute wollen eben in Urlaub fahren und möchten dann gerne vollständig geimpft sein. Das kann Spahn verstehen, wie er sagte. Es lässt sich auch anders formulieren: Gut erholte, fröhlich gestimmte Leute sind beim Wahltermin vielleicht nicht so sauer auf die Regierung wie erschöpfte und wütende Leute.

Manchmal ist Rücksichtnahme auf das Meinungsklima einfach nur verantwortungslos.

Ist aber die Verkürzung des Impfintervalls nicht lediglich eine Fußnote angesichts einer globalen Katastrophe? Nein. Sie ist kennzeichnend für das Hauptproblem der Reaktionen auf die Pandemie. Wir alle – Gesellschaft, politisch Verantwortliche, Individuen – sind daran gewöhnt, kurzfristig zu reagieren, ob es nun um wirtschaftliche Nöte geht oder um Krieg. Wenig Erfahrung haben wir hingegen mit langfristigen Herausforderungen, die uns selbst zunächst gar nicht zu betreffen scheinen und von denen wir deshalb glauben, uns irgendwann später darum kümmern zu können. Viel Spaß mit dem Klimawandel. Im Hinblick auf Corona hat sich das schon jetzt als folgenschwerer Irrtum erwiesen.

Quelle        :     Der Spiegel           >>>>>           weiterlesen

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Grafikquellen          :

Oben     —   Maischberger, Sendung vom 14. Dezember 2016. Produziert vom WDR. Thema der Sendung: „Wutbürger gegen Gutmenschen: Verliert die Demokratie?“ Foto: Bettina Gaus („taz“-Journalistin)

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Unten    —    Der Strand des berühmten Ballermann 6 an der Playa de Palma auf Mallorca im September 2013 bei Sonnenschein.

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