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Aus Putins Russland

Erstellt von DL-Redaktion am Dienstag 13. September 2022

Wo Reporter härter bestraft werden als Mörder

Heil – ihr Oben

Eine Kolumne von Mikhail Zygar

Das Regime in Moskau verfolgt Dissidenten und Kritiker immer brutaler. Nun muss ausgerechnet der Journalist Iwan Safronow 22 Jahre hinter Gitter – ein Mann, der vielen als russischer Patriot galt.

In dieser Woche wurde in Moskau ein weiteres unfassbares Urteil gefällt: Der Journalist Iwan Safronow wurde zu 22 Jahren Haft verurteilt – weil er Journalist ist. In der Sprache der Putinschen Justiz nennt man das Hochverrat. Iwan ist nicht der Erste in seiner Familie, der für seinen Beruf leiden musste. Vor 15 Jahren wurde sein Vater, Iwan Safronow senior, ermordet. Er war ein Freund von mir; wir haben den letzten Artikel vor seinem Tod gemeinsam geschrieben.

Mitte Februar 2007 arbeitete ich als internationaler Kolumnist für den »Kommersant«. Damals galt sie als die hochwertigste Tageszeitung in Russland, das Moskauer Äquivalent zur »New York Times«. Eines Abends gegen sechs Uhr, als ich gerade einen Text über Iran fertigstellte, kam Iwan senior zu mir. Er war Kriegsberichterstatter, wir hatten oft gemeinsam Artikel über die internationale militärische Zusammenarbeit und den Waffenhandel geschrieben. Diesmal erzählte er mir, er habe Informationen, dass Russland einige S-300-Flugabwehrsysteme an Iran verkaufen wolle. Allerdings nicht direkt – die Lieferungen sollten über Belarus laufen, damit der Westen Moskau nicht beschuldigt, Schurkenstaaten zu bewaffnen.

Wir diskutierten mit ihm darüber, ob wir ein so wichtiges Thema bis zum nächsten Tag aufheben sollten, um dann einen umfangreicheren, vollständigen Text zu schreiben.

Aber am nächsten Tag hatten wir beide zu tun. Wir trafen uns, um über die S-300 zu sprechen, Safronow sagte, dass wir später noch Zeit zum Schreiben hätten – er müsse nach Abu Dhabi zur internationalen Rüstungsmesse IDEX-2007 fliegen, die am 17. Februar eröffnet wurde. Viele führende Vertreter des russischen militärisch-industriellen Komplexes würden dort sein, er würde zusätzliche Informationen zu dem Thema sammeln, das uns interessierte. Wir entschieden, alles nach seiner Reise aufzuschreiben.

Iwan Safronow war viel älter als ich, er ist ein ehemaliger Oberstleutnant der Armee. Aber er war so umgänglich, locker, ehrlich und offen, dass es leicht war, ihn beim Vornamen anzusprechen und partnerschaftlich und auf Augenhöhe mit ihm zusammenzuarbeiten. Safronow war auch sehr weltraumbegeistert. Er verfolgte immer die Übertragungen der Weltraumraketenstarts und reagierte empfindlich, wenn es während des Starts Probleme gab.

Er flog in die Vereinigten Arabischen Emirate, und ich flog nach Estland, als dort gerade Unruhen unter der russischsprachigen Minderheit ausbrachen und es Tote gab. Iwan bestätigte in Abu Dhabi nicht nur die Informationen zum Rüstungsdeal mit Iran, sondern erfuhr auch etwas Neues. Er rief von dort aus an und sagte, er würde den Text erst schreiben, wenn er zurück nach Moskau geflogen sei. Er sagte sogar, man habe ihm gedroht, ihn »in die Wüste zu bringen und ihm in den Kopf zu schießen«, wenn er unnötige Fragen stelle.

Zurück in den Vereinigten Arabischen Emiraten bekam Iwan Bauchschmerzen, und als er nach Moskau zurückkehrte, ging er nicht zur Arbeit und ließ sich krankschreiben. Ärzte diagnostizierten bei ihm eine Verschlimmerung der Gastritis, nichts Ernstes, die Klinik wollte ihn entlassen. In einem Gespräch mit Kollegen teilte er mit, dass er Informationen erhalten habe, wonach zwischen Russland und Syrien Verträge über die Lieferung von Pantsir-Luftabwehrsystemen, MiG-29-Kampfflugzeugen und taktischen Raketen Iskander-E unterzeichnet worden seien.

Am 2. März 2007 war Iwan Safronow auf dem Heimweg vom Arzt. Auf dem Weg dorthin hatte er Orangen gekauft. Er betrat den Eingang zu seinem Haus. Er wohnte im dritten Stock, ging aber nicht in seine Wohnung, sondern stieg in den fünften Stock, öffnete ein Fenster im Treppenhaus, legte seine Tüte mit Orangen auf das Fensterbrett und sprang aus dem Fenster. Zumindest ist das die offizielle Version.

Zunächst sagten die Ermittler, dass es keine Kameras im oder um den Eingang herum gegeben habe, dass keine Fremden in der Nähe des Hauses gewesen seien und dass die Haupttheorie Selbstmord sei. Ich sowie alle meine Kollegen und Iwans Freunde wussten, dass dies nicht wahr sein konnte. Er hatte 1000 Gründe zu leben und für das Leben zu kämpfen. Seine Tochter war im achten Monat schwanger – er erwartete sein erstes Enkelkind. Sein Sohn beendete gerade die Schule und würde im nächsten Sommer an die Universität gehen. Seine Mutter war schwer krank, sie litt an Demenz. Ihr Haus, ein altes fünfstöckiges Gebäude, war abgerissen worden, sodass sie in eine neue Wohnung umziehen mussten. Und er war unsterblich in seine Frau verliebt. Iwan hatte viel um die Ohren und wollte seine Familie auf keinen Fall im Stich lassen.

Einige Jahre später verrieten die Ermittler jedoch, dass es in der Nähe des Hauses doch Kameras gab. Sie luden Safronows Tochter zur Befragung vor und sagten ihr, dass die Kameras zwei Männer aufzeichneten, die den Eingang verließen, kurz nachdem der Journalist aus dem Fenster im fünften Stock gefallen war. Dies wurde jedoch nie offiziell gemacht. Der Fall war abgeschlossen.

Die Zeitung »Kommersant« schrieb nach Iwans Tod, sie werde auf jeden Fall weiter über seinen Tod recherchieren und nicht aufhören, über den Waffenhandel zu schreiben. Doch schon bald wechselte sie den Besitzer: Alischer Usmanow, ein Putin-naher Oligarch, kaufte die Zeitung. Iwans angeblicher Selbstmord war sofort vergessen. Etwa zur gleichen Zeit verließ ich die Zeitung, die meiner Meinung nach ihre frühere Unabhängigkeit immer mehr verlor.

Ich traf Iwan junior, den Sohn von Safronow, bei der Beerdigung seines Vaters. Er wollte Journalismus studieren. Wie wir alle dachte er, dass sein Vater getötet worden war – er war entschlossen, in seine Fußstapfen zu treten.

Zwei Jahre später kam er zum »Kommersant« und setzte sich an denselben Schreibtisch, an dem Iwan senior gearbeitet hatte. Nach und nach begann er, über dieselben Themen zu schreiben, an denen sein Vater gearbeitet hatte. Die Freunde seines Vaters, darunter Militärexperten und Angestellte der Raumfahrtbranche und des militärisch-industriellen Komplexes, unterstützten ihn sehr.

Quelle         :            Spiegel-online           >>>>>          weiterlesen

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Grafikquellen          :

Oben     —   KHANKALA. Eine Abschiedszeremonie für das 331. Luftlanderegiment der 98. Luftlandedivision zog sich aus Tschetschenien zurück.

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