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Altersdiskriminierung-Lob?

Erstellt von DL-Redaktion am Dienstag 9. August 2022

»Man sieht ihm das Alter gar nicht an«

Datei:Rudolf Heinisch, Zwei alte Männer, 1930.JPG

Eine Kolumne von Samira El Ouassil

Warum wollen viele älter und erfahrener, weiser werden, aber auf gar keinen Fall alt? Es liegt an dem Vorurteil, alte Leute seien automatisch isoliert und arm. Doch das ist Quatsch.

Familien, ein Paar und ein bekannter Rapper werden im Urlaub von einem gruseligen Monster heimgesucht. Sie rennen panisch um ihr Leben, kommen aber nicht mehr aus dieser sonderbaren Bucht raus. Das Ungeheuer hat selbst keine physische Präsenz, sondern wird nur an den Körpern der Charaktere sichtbar.

Möglicherweise haben Sie es erkannt, es handelt sich um das Setting des Films »Old« von M. Night Shyamalan,  der vor einem Jahr in die Kinos kam und der auf der Graphic Novel »Sandcastle« von Pierre Oscar Levy und Frederik Peeters basiert. Was mit den Protagonisten passiert, ist eigentlich nicht besonders ungewöhnlich, erscheint in der rasanten Beschleunigung jedoch wie das größte Grauen – so inszeniert es zumindest der Film – das unsere Gesellschaft kennt: Sie altern. Innerhalb weniger Stunden sterben die Reisenden durch einen unaufhaltsamen Alterungsprozess.

Wenn es eine Sache gibt, die uns auf eine wesentliche wie unheimliche Weise verbindet – weil wir sie alle durchmachen –, dann ist es wohl das Altern. Irgendetwas an diesem Gedanken finde ich belebend: vielleicht, dass trotz der existenziellen Einsamkeit, in die wir hineingeboren werden und mit der wir am Ende unseres Lebens konfrontiert werden, jeder Mensch diese Entwicklung durchläuft. Wir altern für uns allein – doch tun wir das gemeinsam.

Und nicht nur das: Jedes Mal, wenn wir jemanden sehen, der älter ist als wir, schauen wir auf eine zukünftige Version unserer selbst. Wie also kommt es, dass das Altsein im gesellschaftlichen Bewusstsein so negativ konnotiert ist und das Altwerden so gefürchtet, dass es sogar als unsichtbares Ungetüm für einen Horrorfilm taugt? Warum wollen viele älter und erfahrener, weiser werden, aber auf gar keinen Fall alt?

Das Gedicht »On aging« der US-amerikanischen Schriftstellerin Maya Angelou bietet eine Antwort auf diese Fragen. Darin räumt die Sprecherin mit verschiedenen, meist herablassenden Annahmen über ältere Menschen auf, die verbreitetste: die Vorstellung, dass das Altern einen Menschen zu einem anderen macht. Dabei ist es eher so: Menschen werden gesellschaftlich zu »anderen« gemacht, sobald sie sichtbar altern. Eine geradezu selbstverständliche Form von Altersdiskriminierung, die oftmals unbewusst wie unbemerkt stattfinden kann. In sozialwissenschaftlichen Perspektiven und in der Gerontologie wird das auch als Ageismus bezeichnet, also die Überzeugung, dass Altern zwangsläufig mit einer Einschränkung von geistigen und körperlichen Fähigkeiten gleichzusetzen ist.

Wir versuchen, vor unserem eigenen Alter zu fliehen

Ein Grund, warum wir für solch eine Abschätzigkeit gegenüber älteren Menschen anfällig sind, ist unser fleißiger Verdrängungswille. Wie die Schriftstellerin Simone de Beauvoir in ihrem Buch »Das Alter« (La Vieillesse) 1970 schrieb, versuchen wir, vor unserem eigenen Alter zu fliehen, indem wir uns von seinen Vorboten distanzieren. Dabei entsteht eine selbst erfüllende Prophezeiung: Diejenigen, die von der produktivitätsbesessenen Umtriebigkeit einer Leistungsgesellschaft ausgeschlossenen werden, erfahren »Einsamkeit inmitten einer Welt, die nichts als Gleichgültigkeit für sie übrig hat«, wie Beauvoir es formuliert. Das Klischee, dem zufolge das Alter mit Isolation einhergehen muss, wird so vermeintlich bestätigt – weshalb sich die Jüngeren aus Angst vor dem Älterwerden von den Alten distanzieren und sie damit ausgrenzen.

Quelle        :         Spiegel-online          >>>>>          weiterlesen

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Grafikquellen          :

Oben     —      Verfasser   :     Rudolf Heinisch, Zwei alte Männer, 1930, Konstruktionszeichnung Feder, 17 x 27 cm

Quelle    : Privatsammlung          /        Datum      :       1930

Diese Datei ist lizenziert unter der Creative CommonsAttribution-Share Alike 3.0 Unported Lizenz.

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Unten       —     02.05.2018, Berlin: Diskussion: Eröffnungspanel: Die Revolution disst ihre Kinder – alte Linke, neue Rechte und das Internet Speaker: Friedemann Karig, Stefan Niggemeier, Samira El Ouassil, Nils Markwardt. Die re:publica ist eine der weltweit wichtigsten Konferenzen zu den Themen der digitalen Gesellschaft und findet in diesem Jahr vom 02. bis 04. Mai in der STATION-Berlin statt. Foto: Gregor Fischer/re:publica

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