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Alltag in Pikine

Erstellt von DL-Redaktion am Sonntag 27. Dezember 2015

Alltag in Pikine Senegal

von Sebastian Prothmann

Senegals Hauptstadt Dakar ist modern und protzig geworden – aber der Sufismus und seine Traditionen bleiben lebendig

Gigantisch, stalinistisch, un­islamisch, übermütig, größenwahnsinnig, sexistisch – das weithin sichtbare Monument der afrikanischen Renaissance steht auf einem Hügel in Ouakam, einem Vorort von Dakar. Ein Mann, eine Frau, ein Kind. Er, breite Schultern, muskulös, dominant. Im Arm hält er wie eine Trophäe das kleine Kind, das mit der Hand Richtung Meer zeigt. Dahinter die Frau, die ihre weiblichen Reize in Szene setzt.

Eine heroisierte Darstellung einer senegalesischen Kleinfamilie? Der Koloss aus einer drei Zentimeter dicken Bronzeschicht ist drei Meter höher als die Freiheitsstatue. Über die Kosten gibt es nur Gerüchte. Den Auftrag erhielt das nordkoreanische Unternehmen Mansudae Overseas Projects unter Federführung des senegalesischen Architekten Pierre Goudiaby.

Wer Dakar kennt, weiß, dass das Geld anderswo viel dringender benötigt wird. Für Expräsident Abdoulaye Wade, der 2012 mit 86 Jahren sein Amt niederlegen musste, sollte das Anfang April 2010 eingeweihte Monument eine neue Ära afrikanischer Renaissance einläuten. Aber es drängt sich der Eindruck auf, dass sich hier mal wieder ein afrikanischer Präsident verewigen wollte.

Feucht-heiß ist die Luft, durchsetzt mit rötlichem Staub und einem stinkenden Abgasgemisch, das die frische Meeresbrise überdeckt. Verbeulte blau-gelb lackierte Kastenbusse, ehemals Renault Saviem SG 2 aus den 1960ern, mit religiösen Symbolen und Sprüchen, mit abgefahrenen Reifen und ohne Fensterscheiben, hier „car ra­pides“ genannt, bahnen sich hupend ihren Weg durch das Gewühl von Menschen, fliegenden Händlern, Bussen, Pkws und Taxen.

Ein Angestellter eines kleinen Fast-Food-Restaurants verkauft am Straßenrand Schawarma und Hamburger. Vor ihm ein zusammengebasteltes Holzregal voller Schuhe, ein Geschäft, das er mit einem Freund teilt. Angestellt und selbstständig zugleich. Seine Ware bezieht er unter anderem über den Sandaga-Markt, dem Dreh- und Angelpunkt transnationaler Händlernetzwerke. Ich solle aufpassen, wird mir gesagt, die Autopiste sei gefährlich. Ein Konglomerat von Aggressivität und Delinquenz, das subversive Andere, der Unort.

Willkommen in Pikine. Blökende Schafe, krähende Hähne, Jungen, die einem Ball hinterherjagen, und der Geruch von Staub in heißer Sahelluft. Nur wenige fertiggestellte Gebäude sind zu sehen. Aber wer definiert schon, wann ein Gebäude fertig ist? Die Häuser sind so angelegt, dass immer noch ein Stockwerk draufgesetzt werden kann, sobald genug Geld da ist. Und draufsetzen wollen hier alle. Darum ist auch kein Haus wirklich fertig. Trotz des chaotischen Stadtbilds gibt es in Pikine doch eine Gemeinsamkeit. Die meisten Leute sind Hausbesitzer. Viele, die hier aufgewachsen sind, haben ihr Stadtviertel nie verlassen.

Manche Gebäude sind architektonische Meisterleistungen, teils noch mit Farbe wirkungsvoll in Szene gesetzt. Nicht weit entfernt stehen heruntergekommene und verwahrloste Häuser beziehungsweise das, was von ihnen übrig geblieben ist, nachdem sie in den sumpfigen Boden eingesunken sind, manche verlassen, andere ein Zufluchtsort für kriminelle Banden oder schlicht Wohnraum für Menschen, die sich es nicht leisten können, etwas Neues zu bauen.

Die Jugendlichen nennen ihre Nachbarschaft in Pikine „Ghetto“ oder „hood“. Ghetto steht für eine Überlebensphilosophie. Das Wolof, das hier gesprochen wird, hat die Globalisierung längst in sich aufgesogen. Die Sprache ist zwar mit französischen Floskeln der ehemaligen Kolonialmacht durchsetzt, doch in der Jugendsprache des „Wolof mbëdd mi“ (Wolof der Straße) sind US-amerikanische Elemente unübersehbar.

Jugendliche, die Kontakte in europäische und US-amerikanische Großstädte haben, verbinden seit der Wirtschaftskrise mit „Kaw“ – wörtlich: „oben“ – nicht mehr Europa, sondern die USA. Das ist ihre Art, Urbanität und Modernisierung auszuhandeln, während sie zugleich versuchen, sich ihren Ort in einer gerontokratischen Gesellschaft zu erkämpfen. In Ghettos wie Bagdad, Arafat, Bene barak (eine Baracke), Quartier „sans fil“ (Viertel ohne Stromleitung) oder Pinki Corner posieren sie betont cool, mit Ray-Ban-Sonnenbrille, während sie auf die nächste Runde Àttaaya warten, wie der senegalesische Tee heißt, der in kleinen henkellosen Gläsern serviert wird und diesen typischen Schaum namens „Fuu­rit“ hat.

Die Jugendlichen hätten sich gern am Jahrtausendprojekt der Modernisierung ihres Landes beteiligt, zu dem Abdoulaye Wade sie in seinem Präsidentschaftswahlkampf im Jahr 2000 aufgerufen hatte. Nach 40 Jahren ineffizienter Wirtschaftsentwicklung seiner sozialistischen Partei (SP) stimmte er die Jugend auf einen „Wandel“ ein, den „Sopi“, wie es auf Wolof heißt. Doch seitdem hat sich nichts geändert.

Teetrinken und Träumen

Quelle: le monde diplomatiqu >>>>> weiterlesen

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Fotoquelle: Wikipedia – Urheber Maersk Line –/– CC BY-SA 2.0

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