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Ein Ukraine – Tagebuch

Erstellt von DL-Redaktion am Samstag 26. März 2022

„Krieg und Frieden“
Der
beste Keller der Welt hat nur ein Manko: Er ist nicht teilbar

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Aus Lwiw Roman Huba

Was wissen Sie über Keller? Haben Sie irgendwann schon mal versucht, Ihren Keller auf einer 5-Punkte-Skala zu bewerten?

Wie viele Sterne bekäme er zusätzlich für Wasser und Belüftung? Ich zum Beispiel sitze gerade in einem 5-Sterne-Keller, obwohl weder das Hilton noch das Hyatt irgendwas von ihm wissen. Es ist hier warm und gemütlich, es gibt Wasser und auch eine Steckdose. An manchen Stellen kommt man sogar ins Internet, was ihn wirklich ausgesprochen angenehm macht. Das einzige Problem an ihm ist, dass ich heute bereits zum sechsten Mal hinuntergegangen bin – und dieses Mal zum letzten Mal. Denken Sie nichts Schlimmes. Es ist bloß absolut sinnlos, sich im Zimmer zum Schlafen hinzulegen, wenn man schon nach ein oder zwei Stunden wieder in den Keller muss.

Heute hat es im Hinterland von Lwiw fünfmal Luftalarm gegeben. Insgesamt habe ich heute mehr als fünf Stunden unter der Erde verbracht. Aber das ist ein guter Deal – ein Viertel des Tages unter der Erde zu verbringen, um nicht für immer dort zu landen. An den Tagen davor war alles viel besser – „der russische Kriegswecker“, wie ich ihn nenne, arbeitete kurz nach fünf Uhr morgens und sicherte scharfes, zuverlässiges Aufwachen.

Mein Keller hat nur ein technisches Manko – ich kann ihn nicht mit anderen teilen. Er wäre gerade sehr nützlich für meine Freundin aus Mariupol, eine junge Journalistin, von der ich seit über drei Wochen nichts mehr gehört habe. In ihrer Stadt ist der Keller der einzige Ort, an dem man den Beschuss durch die russische Armee überleben kann. Von vielen früheren Wohnhäusern sind dort nur noch Ruinen übrig, und darunter sind Keller voller Menschen. Vielleicht haben Sie von der Bombardierung des Mariupoler Theaters gehört? Der sowjetische Schutzbunker unter dem Theater war offensichtlich für den Kalten Krieg gebaut, zum Schutz vor dem „Westen“. Jetzt hat er viele Einwohner der Ukraine gerettet, die von den Russen bombardiert werden unter dem ausgedachten Vorwand der „Entnazifizierung“.

Ach übrigens, zum Thema „Entnazifizierung“. Ich würde auch sehr gern Boris Romantschenko in meinen Keller aufnehmen, den ehemaligen Häftling der nationalsozialistischen Konzentrationslager Buchenwald, Peenemünde, Dora und Bergen-Belsen. Er hat den Holocaust überlebt, er war 96 Jahre alt und starb jetzt in seiner eigenen Wohnung (in Charkiw; Anm. der Redaktion) durch eine russische Granate. Derjenige, der an der Waffe stand, feiert höchstwahrscheinlich gern den Tag des Sieges. Aber am 18. März hat er einen Menschen umgebracht, der die Nazis aus eigenem Willen besiegt hat.

Quelle         :         TAZ-online         >>>>>         weiterlesen

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Grafikquellen          :

Oben     —   Anne Frank in 1940, while at 6. Montessorischool, Niersstraat 41-43, Amsterdam (the Netherlands). Photograph by unknown photographer. According to Dutch copyright law Art. 38: 1 (unknown photographer & pre-1943 so >70 years after first disclosure) now in the public domain. “Unknown photographer” confirmed by Anne Frank Foundation Amsterdam in 2015 (see email to OTRS) and search in several printed publications and image databases.

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Unten    —   9-storey residential building in Kyiv (Bohatyrska Street) after shelling 14 March 2022 during Russian invasion of Ukraine. One person is known to be killed and 3 persons hospitalized (an article).

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