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Archiv für November 27th, 2021

Die Ampel und das Geld

Erstellt von DL-Redaktion am 27. November 2021

Koalitionsvertrag ohne Preisschilder

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Von Ulrike Herrmann

Die Ampel wird sich noch ordentlich streiten – ums Geld. Denn da bleibt das Bündnis vage. Und FDP-Chef Christian Lindner ist als Finanzminister eine Fehlbesetzung.

Wie lange hält die Ampel? Diese Frage beschäftigt nicht nur das Publikum, sondern auch die Koalitionäre. Der künftige Kanzler Scholz und FDP-Chef Lindner betonen stets, dass sie auf mehrere Amtszeiten zielen. Die Ampel soll kein Experiment sein, sondern eine strategische Option auf Dauer.

Das ist vernünftig. In den nächsten Landtagswahlen würden die Ampelparteien abgestraft, wenn die Bundesregierung wie eine chaotische Notlösung wirkte. Bleibt nur ein Problem: der Koalitionsvertrag. Er wird für sehr viel Ampelärger sorgen, obwohl es zunächst so scheint, als würde er halten, was der Titel „Mehr Fortschritt wagen“ verspricht. Unter anderem soll es mehr Ökostrom, mehr Bahn, mehr E-Autos, mehr Wohnungen, mehr Bafög und eine Grundsicherung für Kinder geben.

Doch leider fehlen die Preisschilder. Nirgends wird erwähnt, wie viel die einzelnen Maßnahmen kosten sollen. Das muss noch ausgefochten werden. In Wahrheit hat sich die Ampel gar nicht auf ein endgültiges Programm geeinigt – sondern den Streit nur verschoben. Im Text stehen Ziele, aber keine Wege. Unklar ist auch, wo das nötige Geld herkommen soll. Natürlich finden sich Andeutungen im Text, aber sie sind zwischen den Zeilen versteckt und meist allein für Finanzexperten verständlich. Die Ampel verkündet permanent, dass sie miteinander „auf Augenhöhe“ regieren will, aber die WählerInnen sind von diesem Versprechen ausgeschlossen.

Da Preisschilder fehlen, ist es einfach, Unwahrheiten zu verbreiten. Eine erste Kostprobe gab Lindner gleich beim Start ab, als er bei der Präsentation des Koalitionsvertrags seine Sicht darlegte: Ziel sei es, „die breite Mitte zu entlasten“. Das ist Unsinn. Die „Mitte“ kommt in dem Papier nirgends vor und wird auch nicht profitieren. Stattdessen werden vor allem die Unternehmer entlastet, die ihre Steuerlast drücken können und damit Milliarden geschenkt bekommen. Für die Firmen gibt es 2022 und 2023 eine „Superabschreibung“, wenn sie in „Klimaschutz“ oder „digitale Wirtschaftsgüter“ investieren. Beide Begriffe sind so dehnbar, dass es den Betrieben nicht schwerfallen wird, fast alle Anschaffungen abzusetzen.

Die FDP hat also „geliefert“ und ihre Klientel bedient. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) schätzt, dass dieses Geschenk bis zu 40 Milliarden Euro kosten könnte.

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Eine Gegenfinanzierung gibt es nicht. Die FDP hat Steuererhöhungen strikt ausgeschlossen und dies auch durchgesetzt. SPD und Grüne wollten eigentlich eine Vermögenssteuer von 1 Prozent einführen sowie die Spitzensätze bei der Einkommenssteuer erhöhen, um die unteren Schichten zu entlasten. Davon ist nichts übrig. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass Steuererhöhungen sowieso unmöglich gewesen wären, weil der Bundesrat zustimmen muss – wo die Union eine Vetomacht hat. Wenn aber Steuererhöhungen von vornherein ausgeschlossen sind, ist es von Grünen und SPD erst recht fahrlässig, die Unternehmen mit Milliardengeschenken zu beglücken. Dieses Geld wird für andere Ampelprojekte schmerzhaft fehlen. Zunächst wirkt es kurios, dass die FDP ihre Klientel beschenkt, ohne eine Gegenfinanzierung zu bieten. Denn die Liberalen gerieren sich stets als Hüter der Schuldenbremse, die für eine schwarze Null sorgen. Als der Koalitionsvertrag vorgestellt wurde, pries sich Lindner hemmungslos als „Anwalt solider Finanzen“. Das war die zweite Lüge. Der FDP sind ausgeglichene Haushalte egal, solange die Reichen beschenkt werden.

Während also die Einnahmen durch Steuergeschenke sinken, sollen die Staatsausgaben deutlich steigen. Das geplante „Jahrzehnt der Investitionen“ (Scholz) wird nämlich sehr teuer, wie die Ampel selbst zugibt. Wo das Geld herkommt, wollte Grünen-Chef Habeck lieber nicht erläutern, als das Papier vorgestellt wurde. Knapp sagte er nur: „Wir wissen genau, wie wir es bezahlen.“

Zwischen den Zeilen wird deutlich, dass die Ampel vor allem auf vier Tricks setzt, um die nötigen Milliarden herbeizuschaufeln. Erstens: Die Coronaschulden von derzeit 371 Milliarden Euro werden nicht bis 2042 getilgt, wie es die Schuldenbremse bisher vorsah. Stattdessen wird der Zeitraum bis 2058 gestreckt. Pro Jahr muss also deutlich weniger zurückgezahlt werden.

Zweitens: Im Jahr 2021 wurden nicht alle Coronakredite aufgebraucht, sodass die restlichen Milliarden nun in einen „Klima- und Transaktionsfonds“ fließen. Nächstes Jahr soll dieser Trick wiederholt werden – indem die Ampel wegen der Pandemie auch für 2022 eine „außergewöhnliche Notsituation“ ausruft. Diese Milliarden könnten dann erneut zum Teil in den Klimaschutz fließen.

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Drittens: Die Kriterien der Schuldenbremse werden verändert, damit der Staat auch im regulären Betrieb mehr Kredite aufnehmen kann. Die Details sind aber zu kompliziert, um sie hier zu erklären.

Viertens: Es entstehen Schattenhaushalte. Nicht der Staat nimmt die Kredite auf, sondern öffentliche Unternehmen verschulden sich, um zu investieren. Ein gutes Beispiel ist die Deutsche Bahn: Bis 2030 soll sie doppelt so viele Personen befördern wie heute und nach einem „Deutschlandtakt“ fahren, was für die wichtigsten Verbindungen einen Zug pro halbe Stunde bedeutet. Gleichzeitig sollen mehr Städte einen ICE-Anschluss erhalten und diverse Strecken neu eröffnet werden. Diese Ziele sind alle richtig – und kosten Milliarden. Also soll sich die Bahn verschulden.

Kredite sind auch nötig, um die geplanten 100.000 öffentlich geförderten Wohnungen pro Jahr zu bauen. Diese Schulden sollen unter anderem bei der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben landen.

Quelle        :        Koalitionsvertragohne Preisschilder – taz.de

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Grafikquellen      :

Oben          —     Kaufland, Frankfurt am Main  Germany Desabastecimiento de un centro comercial en Fráncfort del Meno (Alemania) por compras anticipadas

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Die fehlenden Luftfilter

Erstellt von DL-Redaktion am 27. November 2021

An den Schulen zeigt sich das große Pandemieversagen der Regierung

Bundesarchiv Bild 183-D0421-0009-004, Sachsendorf, Blick in die Oberschule.jpg

Unter der CDU sind sie wohl irgendwo Sitzen geblieben?

Eine Kolumne von Sascha Lobo

Viele Ungeimpfte müssen in großen Gruppen in geschlossenen Räumen zusammensitzen. Die einzigen Konzepte für sie basieren auf dem Prinzip Lüften. Das könnte längst anders sein.

Über Jahrzehnte war ich fest davon überzeugt, dass auf meinem Grabstein dereinst stehen würde: So einfach ist es nicht. Denn bis auf gut begründbare Ausnahmen bin ich der Meinung, dass in der politischen Debatte viel zu wenig differenziert wird. Eingedenk dieser Haltung möchte ich jetzt aber die ca. 1,3 derzeitigen Bundesregierungen samt nachgeordneten Verwaltungen fragen:

Wie oft kann man innerhalb einer Pandemie grob versagen?

Wir sprechen hier nicht von schlichtem Versagen, sondern von Royalversagen mit Sternchen. Die vierte deutsche Coronawelle ist die Definition von »hausgemacht«. An differenzierter Mäßigung Interessierte werden jetzt sagen: Moment, so schlimm wird es doch nicht sein? Nein, ich finde, es ist schlimmer, und ich möchte diesen Zorn ausführen, weil ich ihn für berechtigt halte.

100.000 Tote würden schon reichen, aber da ist so viel mehr. Dass die Kommunikation rund ums Impfen so spektakulär verbockt wurde. Dass jetzt auch die Booster-Impfkampagne inklusive der Impfstoffbeschaffung sensationell verknalldackelt wurde. Dass ohne Not frühzeitig jede Impfpflicht kategorisch ausgeschlossen wurde, um harten Impfgegern ein Zuckerli hinzuwerfen, was jetzt dazu führt, dass man wohl bald eine abgestufte Impfpflicht einführt und ein gigantisches Vertrauensproblem mitgeliefert bekommt, und zwar nicht nur bei Leuten, die Schwierigkeiten mit der Impfung haben. Dass jetzt behauptet wird, man hätte das alles nicht vorhersagen können, obwohl es exakt so vorhergesagt wurde.

Und dass wir vor ein paar Monaten ins dritte von Corona betroffene Schuljahr hineingeschlittert sind und die vorliegenden Schulkonzepte noch immer – ich denke mir das nicht aus – in erster Linie auf dem Prinzip Lüften beruhen.

Dieser letzte Punkt verdient tiefere Beachtung, denn fast alle ernst nehmbaren Politpersonen sagen, dass Impfungen der Weg aus der Pandemie seien. Was ja im Umkehrschluss heißen muss, dass diejenigen, die bisher nicht geimpft werden können, Schulkinder unter zwölf zum Beispiel, dringend eigene Konzepte brauchen. Na ja.

Das Versagen der noch geschäftsführenden Bundesregierung in Sachen Pandemie in Schulen halte ich für das große Symbol der deutschen politischen Unfähigkeit im Umgang mit Krisen, von der Kommunikation bis zur Organisation. Es gibt Landkreise in Deutschland, in denen bei 10- bis 14-jährigen Kindern eine Inzidenz von 4308 herrscht (Oberspreewald-Lausitz, Brandenburg). Übertroffen fast nur von der Inzidenz bei 5- bis 9-jährigen Kindern, die bei 4326 liegt (ebendort). Bundesweit ist die Inzidenz bei Kindern zwischen 5 und 14 inzwischen bei 844, Tendenz steil steigend – aber warum ist das so?

Das ist natürlich keine leichte Frage, fangen wir deshalb lieber mit einer einfachen Frage an. Im Juli 2021 stellte die Bundesregierung den für die Bildung verantwortlichen Bundesländern 200 Millionen Euro zur Verfügung, und zwar für mobile Luftfilter. Toll! Bitte raten Sie, verehrtes Publikum, wie viel davon bisher abgerufen wurde? Richtig, der bisher abgerufene Gesamtbetrag der Bundesförderung für mobile Luftfilter beträgt in toto zusammengerechnet verblüffende null Euro. Schade!

Die Förderbedingungen sind hanebüchen

Doch halt, muss man hier nicht differenzieren? Könnte es nicht etwa sein, dass erst die Luftfilter angeschafft werden und danach die Fördermittel beantragt werden? Ja, das ist sachlich in einigen Fällen korrekt – aber leider gibt es viele schulfinanzierende Kommunen, die die Luftfilter gar nicht vorfinanzieren können oder die nicht in der Lage sind, die geforderte Eigenbeteiligung aufzubringen. Und etwas katastrophaler noch: Die Förderbedingungen sind, vorsichtig gesagt, hanebüchen.

Es dürfen nämlich nur mobile Luftfilter in Klassenräumen gefördert werden, in denen die Fenster, Zitat: »nur kippbar« sind. Oder die über »Lüftungsklappen mit minimalem Querschnitt« verfügen. Und in denen sich Kinder unter zwölf Jahren aufhalten. Weil die ja noch nicht geimpft werden können. Grüße gehen raus an die Stiko, die mit der schulverantwortlichen Kultusministerkonferenz gemein hat, dass sich beide in Zeiten der Pandemie mit der Geschwindigkeit der Kontinentaldrift bewegen. Jedenfalls schätzen die Bildungsministerien der Länder die Zahl der nach Bundesrichtlinien förderbaren Klassenräume auf zehn Prozent. Das heißt, es gibt zwar einige Bundesländer, in denen vergleichsweise viele mobile Luftfilter in Kitas und Schulen stehen. Aber die Bundesregierung hat bisher wenig dazu beigetragen, weil sie ein offensichtlich kaum geeignetes 200-Millionen-Instrument an den Start gebracht hat. Schade!

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Hier könnte man jetzt aufhören, die berechtigte Empörung übersteigt ja bereits das erträgliche Level. But wait, there’s more. Denn die Grundlage für den Schutz der Schulen ist ein vom Bundesbildungsministerium in Auftrag gegebenes Papier namens »Lebende Leitlinie – Maßnahmen zur Prävention und Kontrolle der SARS-CoV-2-Übertragung in Schulen«. Verantwortlich für die Erarbeitung ist – wir sind immer noch in Deutschland hier – ein Gremium aus gut 35 Fachleuten aller möglicher Fach- und Himmelsrichtungen, darunter die Gesundheitsämter Nordfriesland, Reutlingen und Neukölln, die Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaften sowie der Hauptpersonalrat für die staatlichen Lehrkräfte an Integrierten Gesamtschulen in Rheinland-Pfalz. So weit, so deutsch, in Situationen großer Dringlichkeit ein Gremium zu gründen.

Ein Gremienjahr sind sieben Menschenjahre, sagt man

Vorgestellt wurde die erste Version der Leitlinie, die für das Handeln der Bundesregierung die wichtigste Grundlage ist, im Februar 2021. Darin fand sich der Satz: »Der Einsatz mobiler Luftreiniger in Schulen kann als ergänzende Maßnahme zum Lüften zur Aerosolreduktion erwogen werden, wenn grundsätzlich eine ausreichende Lüftung gewährleistet werden kann.« Das hört sich merkwürdig verhalten an, aber im Februar war die Pandemie ja auch erst ein Jahr alt, und so ein Jahr vergeht rasch, auch deshalb, weil Gremien sich konträr zu Hunden verhalten: Ein Jahr sind sieben Hundejahre, sagt man, aber ein Gremienjahr sind sieben Menschenjahre.

In wenigen Tagen nun wird die aktualisierte Version der »Lebenden Leitlinie« vorgestellt, und man könnte denken, dass die viel besprochenen Luftfilter inzwischen einen wichtigen Platz im Maßnahmenkonzept der zentralen Leitlinie der Bundesregierung einnehmen. Könnte man wohl, aber die Gesamtzahl der Nennungen des Worts »Luftfilter« in der neuen Version beträgt in toto zusammengerechnet verblüffende null Mal. Schade!

Quelle        :            Spiegel-online           >>>>>         weiterlesen

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Grafikquellen          :

Oben     — Zu dokumentarischen Zwecken behielt das Deutsche Bundesarchiv häufig die original-bildunterschriften, die sein kann fehlerhaft, voreingenommen, veraltet oder politisch extremSachsendorf, Blick in die Oberschule Zentralbild Krueger 21.4.1965 Zum 20. Jahrestag der Beifreiung Aus Trümmern entstand ein sozialistisches Dorf Niedergebrannte Bauernhöfe von Granaten zerpflügte Straßen, verminte und mit Panzerwracks übersäte Felder, prägten vor 20 Jahren das Bild der kleinen Gemeinde Sachsendorf im Oderbruchkreis Sedlow. (Siehe auch Ergänzungstext) Unser Bild zeigt den Direktor der Oberschule Sachsendorf, Günter Bahrmann im modern eingerichteten Experimentierraum. Hier hat eine 6. Klasse gerade Physik-Unterricht.

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Unten        ––      Sascha Lobo; 10 Jahre Wikipedia; Party am 15.01.2011 in Berlin.

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Asterix, Obelix und Idefix

Erstellt von DL-Redaktion am 27. November 2021

Asterix, Obelix und Idefix auf Entdeckungsreise zum urzeitlichen
’Greif’ in den Permafrost

Obelix, Asterix, Tim und Struppi - panoramio.jpg

Quelle:    Scharf  —  Links

Von Dr. Nikolaus Götz

Jetzt ist er auch in Deutschland zu haben, der 39te Asterix-Band aus der französischen Abenteuerserie der „unbesiegbaren Gallier“ mit dem Titel „Asterix und der Greif“ (1). Offensichtlich erfreut diese neue Bildergeschichte einer Reise ins unbekannten Land der „Barbaren“, dem ’Barbaricum’, mit den allseits bekannten, lustigen Comicsfiguren nicht nur die träumenden Kinder, sondern besonders auch die erwachsene, gebildete Leserschaft. Diese ausdrücklich der Jugend „à la jeunesse“ gewidmete, vordergründig naive Geschichte einer Entdeckungsreise der gallischen Helden Asterix und Obelix mit ihrem Hund Idefix ins weite östliche, winterlich-weiß zugeschneite Europa, bringt dem Leser den romanesken Blick des Autors Jean Yves Ferri auf die mythisch verklärte Entdeckung erster historischer Fossilienfunde aus der Millionen Jahre zurückliegenden vormenschlichen Urzeit durch den heute auf der Erde lebenden Menschen.

Der sogenannte ’Greif’ (lat. Gryphus), ein Urtier und gegenwärtig als ’Protoceratops’ rekonstruiert (2), liefert den Kern der aktuellen Asterix-Erzählung. Wieder einmal veranlasst ein fiktiver Eroberungszug oder eine Entdeckungsreise durch die antiken Römer die beiden ewig mutigen Helden Asterix und Obelix in den von ’Gallien’, dem heutigen Frankreich aus östlich gelegenen, zu jener Zeit noch völlig unbekannten, Teil Europas aufzubrechen. Dort, noch jenseits der Territorien von ’Germania magna’, wollen sie dem befreundeten Druiden ’Cékankondine’ (3) helfen, das „heilige Stammestier“ der dort ansässigen ’Sarmaten’ vor den besitzergreifenden Römern zu beschützen. Und so erreichen unsere Abenteurer in den unendlichen Weiten des eiskalten Nordens eine Permafrostregion, in der der Körper eines Urtieres die Zeiten überdauert hat, ungestört wohl seit Jahrtausenden auf dem Grunde eines zugefroren Sees liegend. Wie in den Erzählungen der ’alten Weisen’ (4) kund getan wurde, soll das Urvieh mit seinem geflügelten Unterkörper einem riesigen Löwen ähneln, wobei sein Kopf jedoch, wie der eines Adlers erscheint. Der Comicszeichner Didier Conrad hat sich bei seiner neuen zeichnerischen Darstellung dieses mythischen ’Greifes’ jedoch eher von einem gewaltigen ’Nashorn’ inspirieren lassen (5).

Die Erwartungshaltung des Lesers über das kommende Asterix-Abenteurer wird sofort auf der ersten Seite des Comics befriedigt. Der allererste Blick gilt dem schrecklichen ’Barbarenland’. In dem, den alten Römern noch unbekannten Land ’Barbaricum’, müssen deshalb wilde, unzivilisierte Völker wie die (frz.)’Bucinobante’, (dt.) Bucinobanten oder gar die (frz) „Atuatuque“, (dt.) die „Aduatuker“ ihr Unwesen treiben (6). Sodann mit dem dritten Bild verdeutlicht der Autor dem Leser die antike, zu jener Zeit weit verbreitete Vorstellung der Existenz von mystischen Zwitterwesen. Das Volk im Vielvölkerstaat des römischen Reiches ist durch die Beschäftigung mit jenen „mystischen Fabeltieren“ wie der Hydra, der Sphinx, der Harpyie oder den Chimären (7) abgelenkt. Nach diesem schnellen drei-Bilder-Einleitungs-Schritt beginnt ab Bild 4 die eigentliche neue Asterix-Geschichte mit Cäsar im klassischen Rom, wobei dieser absolut regierende Herrscher (?) sich in Rückbezug auf diese Fabelwesen ebenfalls als „heiliges Monster“ verklärt. Warum der deutsche Übersetzer den Eigenruf oder die ’Fama’ des römischen Autokraten in „echte Legende“ verändert hat (8) ist unverständlich.

Cäsar beauftragt nun seinen guten, folgsamen ’Geographen’ mit dem Namen ’Terrinconus’, was sofort lautlich als „terrain connu“ umzusetzen und mit „bekanntes Land“ zu übersetzen ist, eine Expedition in dieses unbekannte Land ’Barbaricum’ zu unternehmen und den Greif zu fangen. ’Terrinconus’ dieser also eigentlich unwissende Geograph, der ausdrücklich nur schon bekannte Länder kennt, beruft sich bei seiner Rede vor Cäsar als „Geograph“ auf ein Fachbuch eines anderen ’natürlich’ griechischen Gelehrten oder Fachwissenschaftler mit dem Namen „Trodéxès de Collagène“, in Französische transkribierbar als „trop d’excès de collagène“ was mit „zu viel Exzesse (über ein Mittelmaß hinaus/Ausschweifungen) mit Kollagen“ zu übersetzen wäre (9). Somit wird dieser ’Wissenschaftler’ eher als „trop pompé“ oder als „aufgeblasen“ dargestellt, ein Charakteristikum, das sich später im Verlauf der römischen Expedition als richtig herausstellen soll. Die geographische Karte des ’Barbaricum’ ist nämlich komplett ’weiß’ (10), also unbekannt, so wie das weite schneebedeckte Land, durch das die Expeditionsteilnehmer zu ziehen gedenken. Üblicherweise werden Wissenschaftler durch einen Verweis auf ihre Heimatstadt unterschieden. Der mit „Trodéxès de Collagène“ genannte Erstentdecker des Greifs wäre somit als altertümliche Fachschriftsteller griechischer Herkunft zu identifizieren. Der zusätzliche Hinweis ’Collagène’ zeigt jedoch keine Stadt an, sondern weist in Richtung des Berufes ’Arzt’, wobei dieser ’Mediziner’ in der deutschen Version denn als „Rigoros von Migraene“ benannt wird (11). Ob der Übersetzer bei seiner Arbeit von Migräne, also stechenden ’Kopfschmerzen’ geplagt wurde oder ob die Wahl seiner Namensgebung eine einfache Anspielung auf eine der bedeutendsten Städte des vorklassischen Griechenlands Mykene ist, wird rigoros also ’entschieden’ oder ’sehr streng’ vermutet.

Unserem ’Experten’ für außerrömische unbekannte Territorien, dem in der deutschen Asterix Fassung als ’Globulus’ bezeichnete Erdkundler, vertraut Cäsar unreflektiert, zumal dieser für die Beweisführung der Existenz des ’Greifen’, dem römischen Herrscher noch eine gefangengenommene ’Superblondine’ präsentieren kann. Und so kommt es, dass dieser ’Globulus’ mit der Führung einer Expedition ins Unbekannte beauftragt wird, wobei unser antiker, wohl bestimmt erste ’Globetrotter’ in der französischen Textfassung alles „überprüft hat“ und sich in der deutschen Version für die „Glaubwürdigkeit der Darstellung verbürgt“. Es kommt wie es kommen muss. Dass diese vom römischen Herrscher beauftragte Mission letztendlich scheitert, liegt also nicht am Staatenlenker Cäsar, sondern eher wieder an der Unfähigkeit seiner Mitarbeiter. Vornehmlich ist aber zu berücksichtigen, dass im ’Asterix’ noch unsere beiden Protagonisten, die unbesiegbaren Gallier Asterix und Obelix mitspielen. Diese verfügen, wie hinlänglich bekannt, über die „potion magique“, den Zaubertrank, weswegen die Pläne des Imperators Cäsar scheitern müssen. Dem armen Cäsar bleibt deshalb am Ende der Geschichte und sichtlich frustriert über die verschollene Expedition nichts anderes übrig, als auf „eine Giraffe“ als Ersatzbestie für den Greif zurückgreifen (12), um so sein Volk im Zirkus von Rom bei Laune zu halten.

Dass die Römer auf ihrer ewigen Jagd nach Gold, das sie beim Greif wie es die Legende erzählt, zu finden hofften, natürlich von Asterix, Obelix und Idefix vertrieben werden, war von vorneherein schon klar, ebenso wie die Tatsache, dass das ’heilige Urtier’ ungestört weiter in seinem Seegrab verbleiben kann. Und so endet auch diese 39te Geschichte des neuen Asterix-Bandes wie immer mit einem gewaltigen Fest im Dorf der Gallier. Während Idefix auf dem Schlussbild in den nächtlichen Sternenhimmel heult, der Barde ’Troubadix’ gefesselt am Boden liegt und Obelix kräftig in seine obligatorische Wildschweinkeule beißt, kann unser Held Asterix wie immer der fröhlich feiernden Dorfrunde von den vielen Erlebnissen berichten, von den weiten zugeschneiten „Steppen des Nordens, von den Jurten, von Hund und Wolf…“(13). Eine Fortsetzung der lustigen, sehr unterhaltsamen Asterix-Reihe folgt bestimmt…

Anmerkungen:

1 Französische Version: FERRI, Jean Yves (texte)/CONRAD, Didier (dessins): Asterix et le griffon, les éditons Albert René, Vanes 2021; die deutsche Version: FERRI, Jean Yves (Text)/CONRAD, Didier (Zeichnungen): Asterix und der Greif, Egmont Verlag /Berlin 2021; (Preis: 6,90,- und als Hartcover: 12,- Euro)

2 Vergleiche WIKIPEDIA: wikipedia.org/wiki/Greif; Das französische Wort ’griffon’ bezeichnet in seinem Primärsinn zunächst ein „Fabelwesen“ während der Sekundärsinn die Benennung eines „Raubvogels“ und der Tertiärsinn, der einer „Hunderasse“ ist. Der vierte Bedeutungssinn des Wortes ist ein „öffentlicher Brunnen; der Punkt, an dem das Wasser aus dem Boden quillt“. Siehe das Wort: GRIFFON in: Le Petit Robert, Dictionnaire alphabétique et analogique de la langue française, Paris 2019, S. 1188. In der deutschen Sprache versteht man primär unter dem ’Greif’ einen Raubvogel, womit der eigentliche französische Wortsinn im Deutschen nicht exakt wiedergegeben werden kann. Siehe die Bildrekonstruktion des Greifs auf Seite 40.

3 In der französischen Version lautet der Name des Druiden „Cékankondine“ Die lautliche Transkription des Namens führt zu: „C’est quand qu’on dine?“, was übersetzt heißt: „Wann essen wir zu Abend?“ (Seite 9 oder auch Seite 12). ’Geistliche’ waren oft für ihre Dickleibigkeit und Fresslust bekannt. In der deutschen Version wird der Name mit „Terrine“ also eine „Suppenschüssel“ (Seite 9 oder auch Seite 12) angegeben.

4. Im aktuellen Asterix berufen sich die Römer ’natürlich’ auf einen griechischen Autor, da die Griechen den Römern Vorbild in Literatur und Forschung waren. So wird die Forschungsfahrt eines griechischen „Reisenden“ im Asterix eigens mit zwei erklärenden Bildern eingeschoben (Siehe: Seite 44). Und es war deshalb der griechische Göttervater Zeus, der das ’amphibische Tier’ im See in den Schlaf versetzt hat, wobei dieses ’Monster’ einen Goldschatz bewachen würde, Anlass genug für einen römischen Raubzug. Der Autor des aktuellen Asterix wiederholt für sein Lesepublikum damit die markanten Punkte der mystischen ’Saga vom Greif’ (Siehe erneut: WIKIPEDIA: wikipedia.org/wiki/Greif).

5: Vergleiche: Sibirisches Nashorn: www.scinexx.de/news/geowissen/sibirisches-einhorn-lebte-laenger-als-gedacht/; siehe das Bild auf Seite 40

6 Die hier im Asterix gebrachte „unaussprechliche“ Wortartikulation der Benennung barbarischer Stämme ist nicht willkürlich, sondern geht in der Tat auf historische Vorlangen zurück, was das Hintergrundwissen der Asterix-Macher über die römische Epoche belegt, in der die Asterix-Bildergeschichte spielt. Die vom Legionär genannten „Bucinobanten“ waren ein alamannischer Stamm, der im Mündungsgebiet des Main, bei Mainz am Rhein siedelte (siehe: de.wikipedia.org/wiki/Bucinobanten) und die genannten Aduatuker oder Atuatuker waren ein links des Rheins im heutigen Belgien siedelnder Germanenstamm, der im Buch von Julius Cäsar ’Der Gallische Krieg’ erwähnt wird, nämlich die „Atuatuci“ (Caesar: De bello Gallico, Edit: Dr. Hans Fluck, Paderborn, Karte, S. 178-179; siehe hier auch: wikipedia.org/wiki/Adutuker). Der beabsichtigte Sprachwitz „des Fremdländischen“ im Asterix wird gewahrt, was in der zugehörigen Bildblase dem Leser erklärt wird.

7 Das dritte Bild auf der Seite vier der Asterixausgabe 39 bringt als Mischwesen die Hydra, eine vielköpfige ’Schlange’ (siehe: de.wikipedia.org/wiki/Hydra_(Mythologie)), die Sphinx, ein Löwe mit einem Menschenkopf (siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Sphinx_ägyptisch), die Harpyie, ein Vogel mit einem Frauenkopf (siehe: de.wikipedia.org/wiki/Harpyie_ (Mytho-logie) oder die Chimäre, ein Mischwesen, das hier im Asterix als Löwe mit einem Mufflonkopf im Rücken entworfen ist.

8 Siehe Asterix Nr. 39, jeweils Seite 4.

9 Mit dem Begriff ‘Collagène’ dt.: ’Kollagene’ bezeichnet man „eine Gruppe nur bei vielzelligen Tieren (einschließlich Menschen) vorkommender Strukturproteine (ein Faserbündel bildendes Eiweiß) hauptsächlich des Bindegewebes…“; siehe: wikipedia.org/wiki/Kollagene; Kollagene finden in der modernen Medizin Anwendung, beispielsweise bei der weiblichen Brustvergrößerung (siehe: beauty-schminktipps.de/brustvergroesserung-mit-kollagen).

10 Siehe Asterix Nr. 39, Seite 10

11 Siehe Asterix Nr. 39, deutsche Version, Seite 5

12 Siehe Asterix Nr. 39, Seite 48

13 ebda.: Schlussbild Seite 48

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Grafikquellen      :

Oben          —  Obélix, Astérix, Tintin, Milou. Fresque à Grünstadt en Allemagne.

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Versprechen der Ampel-K.

Erstellt von DL-Redaktion am 27. November 2021

Fortschritt! Welcher Fortschritt?

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Wo steht das Klavier ? – Ich trage die Noten!

Von Stefan Reinecke

Weniger Regeln, weniger Tradition, mehr Freiheiten für die Einzelnen. Die Ampel verspricht Verbesserung – aber nicht unbedingt soziale Gerechtigkeit.

Am Mittwoch­mittag steht Olaf Scholz in ­einer ehemaligen Lagerhalle im Berliner Westhafen. „Die Ampel steht“, sagt er. Der Koalitionsvertrag ist fertig. Plan erfüllt. Scholz liest den Text meist vom Blatt ab. Jedes Wort soll stimmen. Er wendet den Blick zum Publikum und sagt: „Wir wollen mehr Fortschritt wagen.“

Das ist ein abgewandeltes Zitat aus der Regierungserklärung des ersten sozialdemokratischen Kanzlers der Bundesrepublik, von Willy Brandts Satz „Wir wollen mehr Demokratie wagen“. Er ist zur Chiffre der goldenen Ära der Sozialdemokratie geworden, der Zeit von Bildungsreform und Entspannungspolitik. Ein Schimmer von diesem Glanz soll nun auch auf den nüchternen Olaf Scholz und die Ampel fallen.

„Mehr Fortschritt wagen – Bündnis für Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit“ lautet der Titel des Koalitionsvertrags. Fortschritt taucht darin ein dutzend Mal und etwas wahllos auf. Die politische Prosa bemüht gerne Signalworte wie Aufbruch und Dynamik, Freiheit und Zukunft. Aber Fortschritt? Der ­Duden schlägt sperrig „Aufwärtsbewegung“ und „Höherentwicklung“ als Synonyme vor. Fortschritt ist als Marketingwort out. Wer die Wortkombination Fortschritt und Werbung ­googelt, stößt als Erstes auf ­einen Videoclip von 1985, in dem der VEB Fortschritt in grünstichigen Bildern DDR-Mähmaschinen präsentiert: „Robust, zuverlässig, einsatzfähig bis 40 Prozent Strohfeuchte.“ Fortschritt ist ein Wort von gestern, als Buzzword mit sinnstiftender Wärme­abstrahlung eher untauglich.

Fortschrittsskepsis eingemottet

SPD, Grüne und FDP scheinen es mit dem Fortschritt aber ernst zu meinen. Für die Liberalen waren Freiheit und Fortschritt schon immer ein harmonischer Doppelklang. Fortschritt passt zu dem etwas anstrengenden, aufmunternden Daueroptimismus, der seit Guido Westerwelle die FDP-Rhetorik prägt. Die Sozialdemokratie wiederum hat sich in ihrer Post-Agenda-Krise an einen um Nachhaltigkeit erweiterten Fortschrittsbegriff geklammert, auch mangels anderer identitätsstiftender Formeln.

Die Grünen haben sich von der anderen Seite angenähert. Mit dem Nullwachstum und der ökologischen Verzichtsmoral haben sie auch die Fortschrittsskepsis eingemottet. Jetzt feiern sie, wie Robert Habeck am Mittwoch neben Scholz verkündete, „die Vereinbarkeit von Wohlstand und Klimaschutz“. Der Fortschrittsbegriff ist für die Ampel zudem als Grenzmarkierung zur Union vorteilhaft. Konservative fremdeln traditionell mit Zukunftsverheißungen.

Wirklichkeit eines Einwanderungslandes

Löst der Koalitionsvertrag ein, was die Ampel verspricht? Pragmatisch heruntergepegelt bedeutet Fortschritt schlicht Verbesserung. Die findet sich in der Tat dort, wo SPD, Grüne und FDP ähnlich ticken: bei der Gesellschaftspolitik. Der Reigen der Reformen reicht von der Legalisierung von Cannabis über die Abschaffung des Paragrafen 219a, des Werbeverbots für Abtreibungen. Lesbische Mütter werden mehr Rechte haben, und auch 16-Jährige sollen den Bundestag wählen dürfen. Die Botschaft ist: Weniger Regeln, weniger Tradition, mehr Freiheiten für die Einzelnen.

Die Ampelregierung will auch den GesetzesdDschungel für Migranten lichten. Der Zwang für Jüngere, sich zwischen dem deutschen und einem anderen Pass zu entscheiden, entfällt. Geflüchtete sollen früher arbeiten und eher die deutsche Staatsangehörigkeit bekommen können. Beides ist eine Anpassung an die Wirklichkeit eines Einwanderungslandes – für die Betroffenen ein Fortschritt.

Die BürgerInnen dürfen mehr, der Staat reguliert weniger. Diese Fundamentalliberalisierung ist ein langwelliger Trend in der Bundesrepublik. Die Ampel malt in diesem Bild nun weiß gebliebene Flecken aus.

Echo der Entwertung

Wenn man Fortschritt aber nicht nur als pragmatische Verbesserung, sondern als Weltanschauung ernst nimmt, hat der Begriff etwas Abgründiges. Fortschritt ist kein unschuldiges Wort. Es war das Motto, mit dem sich der globale Kapitalismus (und später der Staatssozialismus) rabiat Bahn brach und weltweit Schneisen der Zerstörung schlug. Als positiver Zentralbegriff der Moderne ist er schon vor Tschernobyl und Fukushima fragwürdig geworden. Der Fortschritt hat immer Opfer fabriziert. Jeder technische Innovationsschub hinterlässt verzweifelte Verlierer und triumphierende Gewinner.

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Im 21. Jahrhundert vergrößert die Digitalisierung in den OECD-Staaten dramatisch die soziale Ungleichheit. Eliten und globalisierungsaffine städtische Milieus gewinnen in diesem Prozess, die alten Mittelschichten in den Provinzen und die Arbeiterschaft verlieren. Der aggressive Rechtspopulismus ist auch ein Echo der Entwertung der Provinz.

Ein gigantisches Projekt

Der Soziologe Ulrich Beck hat die Idee der „reflexiven Modernisierung“ entwickelt, um den „folgenblinden, gefahrentauben“ Fortschritt einzu­hegen. Alle technischen und wissenschaftlichen Innovationen müssen demnach auf ihre Folgekosten gecheckt und auch verhindert werden können. Das gilt nicht nur für ökologische Verwüstungen, sondern auch für soziale Kollateralschäden des Fortschritts.

Folgt die Ampel diesem selbstreflexiven Verständnis von Fortschritt? Das ehrgeizigste Projekt der Ampel scheint diesen über sich selbst aufgeklärten Fortschrittsbegriff zu verkörpern: der klimaneutrale Umbau der Industrie. In nur acht Jahren soll 80 Prozent des Stroms aus Ökoquellen kommen. Das geht nur mit rasantem Ausbau von Wind- und Solarenergie und Stromtrassen mit schneller Genehmigung (die vor Ort für Verbitterung sorgen werden).

Quelle       :          TAZ-online          >>>>>          weiterlesen

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Grafikquellen          :

Oben     —  Olaf Scholz, Politiker (SPD) – Zur Zeit Vizekanzler und Bundesminister der Finanzen der Bundesrepublik Deutschland. Außerdem ist er Kanzlerkandidat der SPD für die Bundestagswahl 2021. Hier während einer SPD-Wahlkampfveranstaltung im August 2021 in München. Titel des Werks: „Olaf Scholz – August 2021 (Wahlkampf)“

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Unten        —     Protest von FridaysForFuture und Anderen, sowie Ankunft der Verhandlungsteilnehmenden an der Messe Berlin zum letzten Tag der Sondierungsgespräche für eine Ampelkoalition.

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DL – Tagesticker 27.11.2021

Erstellt von DL-Redaktion am 27. November 2021

Direkt eingeflogen mit unseren Hubschrappschrap

Heute in der Auswahl des „Bengels“: – . –  1.) Europas Angst vor Gespenstern  – . –  2.) Mehr Herz und weniger Spaltung  – . –  3.) Kein 1,5-Grad-Pfad, aber eine Revolution  – . –  4.) Das Telefon, mein Helfer im Liegen und Sitzen  – . –  5.) Mutti – „Du hast den Farbfilm vergessen“  – . – DL wünscht allen Lesern eine  gute Unterhaltung.

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Imitiert Lukaschenko nicht nur die Situationen im Mittelmeer oder des Kanal, wo die EU -Anrainer-Staaten ihre Menschen verachtenden Spielchen seit langer Zeit vorführen? 

Belarus und die EU

1.) Europas Angst vor Gespenstern

Die EU hat sich mit ihrer Abschottung gegen Migranten erpressbar gemacht. Mit dem Koalitionsvertrag der neuen deutschen Regierung könnte sich vielleicht etwas ändern. In der polnischen Kleinstadt Bohoniki wurde vor einigen Tagen Ahmed al-Hassan beerdigt. Er stammte aus Syrien, war 19 Jahre alt. Die letzten Jahre hat er in einem Flüchtlingslager in Jordanien verbracht. Al-Hassan war mit Hunderten anderen den Lockrufen des belarussischen Diktators Alexander Lukaschenko gefolgt, war nach Minsk geflogen, von dort an die Grenze zu Polen weitergewandert. Am 19. Oktober wurde seine Leiche im Bug-Fluss gefunden. Ein Freund al-Hassans, der mit ihm nach Europa aufgebrochen war, sagte gegenüber dem Sender Al Jazeera, ein belarussischer Soldat habe ihn ins Wasser gestoßen, damit er die Grenze nach Polen überquere. Al-Hassan konnte nicht schwimmen. Solche Geschichten erinnern daran, dass Flüchtlinge Biografien und Namen haben und keine „Waffen“ sind, wie derzeit gern behauptet wird. Und sie lassen kurz aufleuchten, was derzeit an Europas Außengrenzen geschieht. Grenzbeamte von EU-Mitgliedsländern zwingen Asylsuchende zurück ins nicht europäische Ausland. Oder ins Mittelmeer. Dort tun sie das nach Aussagen von Mitgliedern des EU-Parlaments mit dem Wissen der EU-Grenzagentur Frontex. Diese sogenannten Pushbacks verstoßen gegen geltendes Recht. Wer sie verübt oder wissentlich geschehen lässt, nimmt billigend in Kauf, dass Menschen ertrinken oder erfrieren. Das gilt nicht nur für die Grenzbeamten und Frontex-Mitarbeitende. Das gilt auch für uns.

Zeit-online

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Ist es nicht das Allerwichtigste die Macht der alles lähmen Einseitigkeit unterbrochen zu haben? Wer glaubt den tiefsten Punkt der Nachkriegszeit erreicht zu haben, wird endlich wieder frei Durchatmen können. Alleine die Hoffnung auf einen Neuanfang macht Lust auf mehr.  Geben wir ihnen die Zeit!

Den besten Artikel der Woche auf FAZ. NET

2.) Mehr Herz und weniger Spaltung

Die künftige Regierungskoalition in Berlin hat sich die Versöhnung von Wohlstand und ökologischem Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft auf ihre Fahnen geschrieben. Herausgeber Gerald Braunberger hat sich nach der Vorlage des Koalitionsvertrags genauer angeschaut, was davon zu halten ist. Zunächst: Schon in der Präambel des Koalitionsvertrags findet sich der Begriff „Soziale Marktwirtschaft“. Die Ampel will den Staat modernisieren und setzt doch auch auf die Leistungsfähigkeit und Innovationsfähigkeit einer weiterhin stark durch eine exportorientierte Industrie gekennzeichnete Privatwirtschaft. Aber: Hohe ordnungspolitische Ansprüche dürfe man an die neue Koalition deshalb nicht stellen, findet Braunberger. Anstelle einer klaren Trennung der Aufgaben von Staat und Wirtschaft setzte die Ampel auf ein durch ein gemeinsames Interesse geleitetes gemeinsames Handeln – eine Idee, die mehr das Herz als den Kopf anspreche. Herz über Kopf. Das Lied des Sängers Joris ist ja ganz schön. Mal sehen, was das Konzept in der Politik taugt. Mehr Kopf wäre in jedem Fall in der Pandemiebekämpfung ein guter Ansatz. Das zeigt unter anderem das Gespräch, das wir mit dem Schweizer Aerosolforscher Michael Riediker über Virusvarianten, die Ansteckungsgefahr in Zügen, lautes Singen und das Emmentaler-Modell geführt haben. Die Delta-Variante erhöhe bei vielen Infizierten die Viruskonzentration in den Atemwegen erheblich und somit auch die Anzahl der in die Luft freigesetzten Viren.

FAZ-online

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Gestern wurde hier über die Freude der Staaten über die, in den Kriegen gefallenen Mörder geschrieben. Sollten hier die Toten des Klimawandel weniger Wert für sich beanspruchen als die der Pandemie? Nehmen die Staaten nicht immer die Rechte in Anspruch, welche sich für sie am meisten in der Form von klingenden Münzen auszahlen?

Finanzminister Christian Lindner muss national und international viele Milliarden Euro lockermachen.

3.) Kein 1,5-Grad-Pfad, aber eine Revolution

Klimaschutz ist ein zentraler Begriff im Koalitionsvertrag der Ampel. Reichen die Vorschläge für den deutschen Anteil daran, die Erderhitzung auf 1,5 Grad zu begrenzen? Die Antwort lautet: „Nein.“ Aber: Ist das für die neue Regierung in den nächsten Jahren die entscheidende Frage? Die Antwort heißt wieder: „Nein.“Ob sich die Ampel „auf den 1,5-Grad-Pfad begibt“, wie es immer heißt, ist heftig umstritten. Zu unscharf und zu unterschiedlich sind die Kriterien dafür. Mit guten Argumenten fordern etwa die Fridays for Future einen harten CO2-Sparkurs. Eine Bundesregierung kann aber nicht einfach 2027 den Laden zumachen, wenn das weltweite Pro-Kopf-Budget für Deutschland erschöpft sein sollte. Deshalb lautet die entscheidende Frage: Macht das viertgrößte Industrieland der Welt endlich ernst mit dem Umbau der Industriegesellschaft zur klimaneutralen „grünen Null“? Die Ampel will es zumindest versuchen. Das ist keine Evolution mehr, sondern schon eine ordentliche Revolution: Drei- bis viermal so viele Wind- und Solaranlagen pro Jahr wie derzeit, frühere Verfallsdaten für die Kohle, den Verbrennungsmotor und fossile Heizungen, Wasserstoff, Industriehilfen, schnellere Verfahren – und all das ist nur der Anfang. Was in den Merkel-Jahren an dringend nötigem Strukturwandel verzögert wurde, soll nun alles auf einmal angepackt werden.

TAZ-online

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Ja, ein Telefonat kann sowohl im Liegen als auch im Sitzen durchgeführt werden. Auch ist es am Telefon leichter, das eigen Versagen auch einen IMI abschieben zu können, da eine Schamröte nicht gesehen wird. 

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Polens Regierungschef kritisiert Merkel für Telefonate mit Lukaschenko

4.) Das Telefon, mein Helfer im liegen und sitzen

Zweimal hat die Kanzlerin mit Machthaber Lukaschenko telefoniert. Polens Ministerpräsident Morawiecki findet das hinderlich im Kampf für ein freies Belarus. Der polnische Ministerpräsident Mateusz Morawiecki hat Bundeskanzlerin Angela Merkel für ihre Gespräche mit dem belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko kritisiert. In einem Interview der Deutschen Presse-Agentur begrüßte er zwar, dass sich die Europäische Union an der Suche nach einer diplomatischen Lösung der Flüchtlingskrise an der Grenze zwischen Belarus und Polen beteiligt. „Aber als Bundeskanzlerin Merkel Herrn Lukaschenko angerufen hat, hat sie zur Legitimation seines Regimes beigetragen, während der Kampf für ein freies Belarus nun schon seit 15 Monaten andauert“, sagte der zur nationalkonservativen PiS-Partei gehörende Regierungschef. Merkel hatte Mitte November zwei Mal mit Lukaschenko telefoniert und war dafür im In- und Ausland kritisiert worden. Regierungssprecher Steffen Seibert hatte die Kontaktaufnahme mit der verheerenden humanitären Lage für Tausende Menschen an der Grenze begründet. Er verwies auch darauf, dass das Vorgehen mit der EU-Kommission abgestimmt gewesen sei.

Tagesspiegel-online

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Die Königin ist tot – es lebe der König? Wir sind hier doch nicht auf der Insel. Bei uns leben die Königinnen viel, viel länger – und selbst wenn sie nie so richtig gelebt hatten werden die Anlässe für einen Streich am Zapfhahn gesucht und auch gefunden. Da werden selbst zu Corona-Zeiten keine Feier-Ausnahmen gemacht. Und das alles im Hof des Pennerblocks.

Für den Großen Zapfenstreich hat sich Merkel drei besondere Lieder ausgesucht

5.) Mutti – „Du hast den Farbfilm vergessen“

Nicht mehr lange und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wird ihr Amt an Olaf Scholz (SPD) abgeben. Beim Zapfenstreich am kommenden Donnerstag wird Merkel noch einmal eine Rede halten. Die Musik für ihren Abschied hat sich sich bereits ausgesucht. Die Bundeswehr verabschiedet sich am kommenden Donnerstagabend mit einem Großen Zapfenstreich von der geschäftsführenden Kanzlerin Angela Merkel (CDU). Anders als üblich gebe es wegen der Corona-Pandemie aber keinen Empfang und eine deutlich geringere Zahl an Gästen, kündigte Regierungssprecher Steffen Seibert am Freitag in Berlin an. Die Kanzlerin werde das Verteidigungsministerium im Anschluss direkt wieder verlassen. Als Ehrengast wird nach Angaben des Verteidigungsministeriums Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erwartet. Der Beginn des Großen Zapfenstreichs im Hof des Bendlerblocks, dem Berliner Dienstsitz des Ministeriums, ist für 19.30 Uhr geplant, zuvor wird Merkel eine kurze Rede halten. Die Zeremonie soll live im Fernsehen übertragen werden.

Focus-online

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Den Morgengruß an gleicher Stelle – schreibt jeden Tag
„Der freche Bengel“

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Anregungen nehmen wir gerne entgegen

Wir erhalten in letzter Zeit viele Mails mit Texten zwecks Veröffentlichung – Um diese zu Verbreiten  sollten Sie sich aber erst einmal vorstellen und zeigen mit wem wir es zu tuen haben.  Danke !

Treu unserem Motto: Es gibt keine schlechte Presse, sondern nur unkritische Leser

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Grafikquellen          :

Oben     —   DL / privat – Wikimedia

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Unten        ––     Dr. Angela Merkel kam 1990 zur CDU und ging 2005 in die Geschichte ein: als erste Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland. Wir haben einfach ein Faible für Quereinsteiger. Wir suchen Menschen, die sprichwörtlich mitten im Leben stehen, um die Politik mit eben diesem zu füllen. Werden Sie Mitglied in der CDU. Informationen finden Sie im Internet unter www.mitglied-werden.cdu.de Farbe bekennen. CDU Abbildung: Angela Merkel mit einem Sprechgerät Plakatart: Kandidaten-/Personenplakat mit Porträt Künstler_Grafiker: Foto: Michael Ebner, Meldepress Auftraggeber: CDU-Bundesgeschäftsstelle, Marketing und Interne Kommunikation, Berlin Objekt-Signatur: 10-031 : 60000 Bestand: CDU-Plakate ( 10-031) GliederungBestand10-18: CDU-Plakate (10-031) » Mitgliederwerbeaktion 2007 Lizenz: KAS/ACDP 10-031 : 60000 CC-BY-SA 3.0 DE

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