DEMOKRATISCH – LINKS

                      KRITISCHE INTERNET-ZEITUNG

RENTENANGST

Wir Wutsnobs

Erstellt von DL-Redaktion am Dienstag 18. August 2020

Gesellschaft in der Coronakrise

File:Berlin, May-2020 (49904903223).jpg

Eine Kolumne von Sascha Lobo

Die Maskenpflicht kann einen echt wütend machen – zum Beispiel, wenn sich andere Menschen nicht daran halten. Oder ihre Maske unter der Nase tragen. Wer sich darüber empört, ist womöglich ein Wutsnob.

Abiturientendeutschland hat ein neues Feindbild. Es ist der Mensch, dessen Nase über die Maske ragt. „Dabei heißt es doch MNS, also Mund-NASEN-Maske, meine Güte, Ausrufezeichen!“

Das Feindbild Nacktnase wird in viel verbreiteten, aber gruselig verächtlichen Comics quasi zum personifizierten Untergang der westlichen Zivilisation hochstilisiert. Und die Abwertung reicht weit über Abiturientendeutschland hinaus, dort ist man bloß noch etwas stolzer auf seine Verachtung.

Ich glaube, dass dahinter ein gesellschaftliches Muster steht, das mehr Beachtung verdient, weil es mit Corona zwar allgegenwärtig, aber auch leicht zu übersehen ist: Wir sind zu Wutsnobs geworden, wahrscheinlich waren wir es schon immer, und Corona offenbart es bloß stärker als zuvor.

Wutsnob? Anderntags ertappte ich jemanden genau dabei, leider war ich es selbst. In einer Einkaufspassage begegnen mir ein Mann und eine Frau. Der Mann trägt seine Maske falsch, die Nase schaut heraus. Die Frau trägt gar keine Maske. Auf wen bin ich wütend? Auf den Mann, den Knalldackel, der seine Maske falsch trägt. Nicht auf die Frau, die gar keine trägt. Das ist völlig widersinnig.

Wutsnobs möchten sich über Dritte erheben

Natürlich kann ich mir Wut erlauben auf Leute, die mit ihrem Verhalten Dritte gefährden. Aber ich muss wenigstens halbwegs konsequent sein, um nicht in die Bigotterie zu kippen. Die Wut auf den Maskenfalschträger neben der Maskenlosen ist eine falsche Wut, ich bin selbst einer Täuschung erlegen.

Der Mann hat es wenigstens versucht, immerhin. Vielleicht fehlen ihm Informationen, vielleicht ist die Maske unbemerkt verrutscht, vielleicht würde er leicht beschämt das Vlies hochziehen, wenn ich ihn freundlich darauf hinwiese. Aber statt das für mich wichtige Ziel der geringeren Gefährdung mit der höchsten Wahrscheinlichkeit zu erreichen, also meine Wut produktiv zu nutzen, habe ich mehr Wert auf meine Psychohygiene gelegt.

Schlimmer noch habe ich meine Wut auf denjenigen gerichtet, der mir greifbarer erschien. Auf denjenigen, den ich spontan als empfänglicher empfand, weil er ja mit seiner Maske ein gewisses Maß an Sensibilisierung für Corona-Fragen bewiesen hat. Bei der Frau hätte ich bei einer Intervention womöglich offene Gegenwehr erwarten müssen oder anstrengende Diskussionen über Bill Gates‘ 5G-Strategie führen müssen. Der Mann mit der falsch sitzenden Maske dagegen ist schon meinen halben Weg mitgegangen, dann kann ich ihn auch schön mit Vorwürfen überziehen, warum er nicht so unerhört klug, informiert und umsichtig ist wie zum Beispiel ich.

Wp10 20110115 IMG 9974.jpg

Ich bin kurzzeitig selbst zum Wutsnob geworden. So nenne ich Leute, die ihre Wut auf das einfachste, das billigste, das für sie selbst angenehmste Ziel richten und sich wenig bis gar nicht um die Beseitigung der Gründe für die Wut kümmern. Dann wird auch egal, ob die Wut berechtigt war oder nicht. Wutsnobs wollen nur schnell ihre Wutköttel ablaichen, möchten sich über Dritte erheben und anschließend exakt nichts ändern.

Kurz: Wutsnobs sind die Leute, die auf einen Sündenbock einteufeln.

Ein eigener Name für diese sündenbockigen Leute war überfällig, denn in Zeiten von Corona quillt der Wutsnobismus aus allen Ritzen. Weil für die menschliche Psyche so schwer zu ertragen ist, dass manchmal niemand die Schuld trägt. Dass man manchmal auf den Zufall wütend sein müsste oder auf die Evolution oder auf sich selbst, weil man nicht sinnvoll mit der eigenen ungerichteten Empörung umgehen kann.

Nicht, dass etwa die Politik gar keine Verantwortung trüge. Aber nicht jede Wendung des Weltgeschehens lässt sich ungebremst und undifferenziert der ach so unfähigen Politik zuschreiben. Und verblendete Corona-Leugner, aggressive Maßnahmenboykotteure und boshafte Verschwörungsgläubige stellen durchaus eine Gefahr dar. Aber die Wut, die sich auch durch die große Belastung durch Corona bei allzu vielen angestaut hat, entlädt sich zu oft auf unfaire und kontraproduktive Weise.

Quelle         :      Spiegel-online           >>>>>         weiterlesen

——————————————————————-

Grafikquellen     :

Oben     —            Another long walk with friends (appropriately spaced) to Wansee during Coronavirus pandemic. We took the Wannsee ferry. Berlin May-2020

Author Mitch Altman from San Francisco, USA    /Source   —   Berlin, May-2020

This image was originally posted to Flickr by maltman23 at https://flickr.com/photos/67734410@N00/49904903223. It was reviewed on by FlickreviewR 2 and was confirmed to be licensed under the terms of the cc-by-sa-2.0.

This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Generic license.

———————————

Unten          —        Sascha Lobo; 10 Jahre Wikipedia; Party am 15.01.2011 in Berlin.

Kommentar schreiben

XHTML: Sie können diese Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>