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Wer liest Peter Handke ?

Erstellt von DL-Redaktion am Samstag 26. Oktober 2019

Die Moral ist prächtig

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Eine Kolumne von

Es gibt kein Volk auf der weiten Welt, das so oft, so gern und so überzeugt auf der jeweils richtigen Seite steht wie das der Deutschen. Kaum stellt sich ihnen ein Problem, versinken sie in Moral. Was nicht gefühlig ist, wird gefühlig gemacht.

Atemlose Dichter

Haben Sie sich schon zum Fall Handke geäußert? Ist wirklich schon alles gesagt? Oder, um eine ernste Frage aus einem online veröffentlichten SPIEGEL-Streitgespräch zu zitieren: „Stößt es Dich ab, wenn ich weiter Handke lese?“

Ergänzende Frage: Wissen Sie, wer im Jahr 2005 den Nobelpreis für Literatur erhalten hat, weil er „das Vorzüglichste in idealistischer Richtung“ geschaffen habe, wie es der Preisstifter vorschrieb? Und wenn ja: Was sagte der Preisträger Pinter über den Prozess gegen Slobodan Milosevic? Über Tony Blair? Über den Kampf der von Joseph Fischers guten Wünschen begleiteten deutschen Bundeswehr im Kosovokrieg oder, geführt von Scharping, Struck, Jung, zu Guttenberg, de Maizière und von der Leyen, im Afghanistankrieg?

Leider war im ersten Fall keine Zeit, sich ein UN-Mandat zu besorgen, weswegen der humanitäre Einsatz der Luftwaffe halt ohne gehen musste. Der zweite Krieg beruhte darauf, dass der Nato-Bündnisfall eingetreten war, weil die Attentäter von New York von in Afghanistan regierenden „Taliban“ unterstützt wurden. Insofern war es ein juristischer Schönheitsfehler, dass der Commander-in-Chief im Februar 2002 anordnete, die Taliban nicht als Kombattanten zu betrachten, sondern als Banditen. Daher galt das Kriegsvölkerrecht nicht, was bis heute den Betrieb des exterritorialen Untersuchungs- und Gefährdergefängnisses Guantanamo ermöglicht. Das ist, wie man weiß, seit 18 Jahren „umstritten“, hält sich also stabil im Nebelbereich der Uneingeschränktheit.

Einzelheiten können wir dahinstehen lassen. Harold Pinter ist nur ein englischer Nobelpreisträger, im Gegensatz zu den deutschen oder praktisch deutschen, zum Beispiel Peter Handke aus Kärnten, über den und seine zur Verteidigung Deutschlands an den Alpen eingerückten deutschen Väter sich bei Wikipedia einige rührende biografische Notizen finden, einschließlich einer „im Morgengrauen mit der Bahn“ durchgeführten Reise von Berlin heim nach Kärnten anno domini 1948. Eine Reise, der, wie man weiß, noch viele folgen sollten, bis hin an die Flüsse Donau, Drina und so weiter.

Griffen in Kärnten liegt von München übrigens so weit entfernt wie Düsseldorf von Den Haag, wo die Verantwortlichen dafür walten, dass einst 350 bosnische Jungen und Männer von niederländischen Soldaten an serbische Bürgerkriegstruppen ausgeliefert wurden, die sie dann vorhersehbar massakrierten. Dem deutschen Urlaubsdrang nach Zeeland hat das keinen Abbruch getan. Möglicherweise fahren aber holländerkritische junge Westfalen inzwischen lieber nach Tibet als nach Middelburg zum Zelten, wer weiß?

Was hier angesprochen ist, ist das Deutsche im Dichter und das Dichterische im Deutschen, nicht zuletzt auch im Deutschsprachigen. Der Deutschsprachige – Denis Scheck und die „FAZ“ würden sagen: der Schreibende deutscher Zunge – steht dem Deutschen näher als jemand, der deutsch nur schreibt, weil er hier wohnt. Zum Beispiel der Träger des Deutschen Buchpreises 2019, der, wie man hört, die deutsche Zunge erst mit 14 Jahren erwarb. Während also der deutschsprachige Nobelpreisträger doch eher bei den richtigen Deutschen eingeordnet wird, also sagen wir bei Hauptmann, Mann, Böll, Grass, schon aus Gründen der Unschuldsvermutung ehrenwerten Männern deutscher Zunge, als bei der zur Nervosität neigenden Dichterin Jelinek, kann der englische Herr Pinter der deutschen Schreibmoral egal sein. Im Fall Hauptmann freilich könnten allfällige kolumnistische Enthüllungen zur mutmaßlichen Traumatisierung der blutjungen Schauspielerin Ida Orloff noch eine zumindest moralische Aberkennung erforderlich machen.

Wir sind damit bei der schwierigen Frage gelandet, ob es bei der Handke-Frage um Literaturkritik, Preiskomiteekritik, Schwedenkritik oder Paulskirchenkritik geht. Die Schwedenkritik könnte sich jedenfalls aus zwei Quellen speisen: der frechen Nichtverleihung des Friedensnobelpreises an eine Seglerin sowie dem problematischen Verhältnis der schwedischen Literatur zu Südseekönigen. Für die Preiskomiteekritik spricht, dass, wie uns hier kürzlich eine Kolumnistin in Erinnerung rief, einmal „dem Ehemann eines seiner früheren Mitglieder Belästigung und Vergewaltigung vorgeworfen wurde“. Paulskirchenkritik ist angesichts der öligen Sprachblasen, die dort übers Jahr ausgestoßen werden, wohlfeil; im aktuellen Fall kann sie sich sogar auf eine mediale Auszählung des Klatschverhaltens anlässlich der Preisrede eines preisgekrönten Hamburger Dichters stützen. Bliebe als unwahrscheinlichste Variante die Literaturkritik. Sie konfrontiert die welterklärend tätige Elite mit der schon in Klasse elf und zwölf kaum zu bewältigenden Aufgabe, mehrere gedruckte Bücher ganz zu lesen.

Gute Literatur

Daher muss an dieser Stelle nun von der Substanz der Literatur die Rede sein. Gerade jetzt, nach dieser Buchmesse mit einem Plus von 13 Prozent im Sachbuchsektor! Es war, wie schon erwähnt, noch kürzlich „die Schwedische Akademie mit diversen Skandalen beschäftigt.“ Das ist aus Kreuzberger Sicht außerordentlich bedenklich; vor allem da sich das Komitee bis heute nicht für die Verleihung des Preises im Jahr 1954 an einen gewissen Hemingway entschuldigt hat. Haben wir schon erwähnt, wie hoch das Preisgeld ist? Gibt es eigentlich eine Umfrage dazu, was die Bürgerinnen und Bürger sich am liebsten kaufen täten, wenn sie den Preis gewinnen würden?

Große Aufregung! Denis Scheck vernahm eine „krachende Ohrfeige für die politische Korrektheit“. Da sieht man, dass vor wirklich bedeutenden Ereignissen selbst die korrekte Polit-Metaphorik in die sprachlichen Knie geht: Tatsächlich heißt so etwas Schallende Ohrfeige. Als krachend sind dagegen sämtliche fremden Niederlagen zu bezeichnen, die man erwähnt. Ein bisschen Ordnung sollte schon sein.

Jedenfalls waren wir mit diesem Handke deutscher Zunge sozusagen praktisch Papst. Das ist einerseits sehr schön, andererseits wieder schwierig, denn hierzulande sieht man die Moral zwar bei alpenländischen Dichterfürsten und -fürstinnen gemeinhin als eine den berufstypischen Abgründen untergeordnete Schrulle an (siehe Bachmann, Bernhard, Kraus, Musil), hält sie aber beim genuin deutschen Literaten für den eingeborenen Quell jeglicher legitimen künstlerischen Sprachform. Als Kärntner mit zwei deutschen Vätern zum frankophilen Deutschzüngler ernannt zu werden, ist also ein – wir bleiben in der Scheckschen Metaphorik – gespaltenes Schwert: Die Moral, die Moral die Moral!

Hat der Landsmann vor 30 Jahren seine Freundin geschlagen? Die Frage führt uns mit einer Kreuzberger Kolumnistin in schwere See: „Wie soll man mit Filmen umgehen, deren Hauptdarsteller seine Partnerin geschlagen hat? Oder mit Musik, bei der man davon ausgehen kann, dass der Sänger Kinder missbraucht hat?“ Grausame Fragen, die dem unbedacht moralfreien Kunstfreund die eiserne Maske der Gutherzigkeit aufs Gesicht pressen! Am Ende: Wie soll man überhaupt „mit Filmen umgehen“? Hat sich Isabelle Huppert schon für „Coup de Torchon“ entschuldigt? Haben Rosel Zech und Jane Mansfield einmal einen Schwulen sexistisch beleidigt? Und woran erkennt man Musik, „bei der man davon ausgehen kann“, dass die Quinten vergiftet, die Triolen infiziert, die Riffs rassistisch oder gar die Rhythmik antifeministisch sind? Wie geht es überhaupt, wenn man bei Musik davon ausgeht?

Quelle        :         Spiegel-online            >>>>>             weiterlesen

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Grafikquellen            :

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Unten         —             Thomas Fischer auf der re:publica 2016

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