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Was ist Gesellschaft ?

Erstellt von DL-Redaktion am Dienstag 19. Oktober 2021

„Unbehagen. Theorie der überforderten Gesellschaft“

File:Bilderrevolution0171.jpg

Von Peter Unfried

Alles könnte anders sein, wenn nur alle wollten. Und mitmachten. Der Soziologe Armin Nassehi zeigt, warum diese Annahme fehlgeht und warum das große Unbehagen nicht kollektiv aus der Welt zu schaffen ist.

Das „Unbehagen“, das der Münchner Soziologe und Public Intellectual Armin Nassehi zum Titel seiner neuen Gesellschaftstheorie gemacht hat, ist die Folge des Frustes, dass es nicht so läuft, wie es laufen soll, obwohl das Wissen darüber da ist, was man ändern müsste, etwa um die Erderhitzung so zu begrenzen, dass es einigermaßen weitergehen kann.

Schuld sind meist angeblich karrieristische oder korrupte Politiker, böse Unternehmen und der andere Teil der Gesellschaft, der ich-, konsum-, markt-, staats- oder sonst wie besessen einfach nicht einsehen will, wie es doch aus Vernunft- und Moralgründen zu sein hätte.

Verdrängt wird damit das Problem, das wir seit Niklas Luhmann kennen – dass nämlich die Gesellschaft überfordert ist von der Komplexität und Liberalität der Moderne. Welche aber als „Gleichzeitigkeit von Unterschiedlichem“ eben auch die große Stärke und Errungenschaft der liberalen Demokratie ist: Es gibt keinen Gott, Kaiser und kein Zentralkomitee, wo alles zusammenläuft und autoritär geregelt wird.

Die unterschiedlichen Systeme sind vielleicht sogar produktiv und kreativ, das ist super, aber eben nicht als Ganzes steuerbar und in der globalisierten Welt auch nicht mehr in dem Maße politisch bearbeitbar, wie das in der relativ homogenen und national orientierten Industriegesellschaft der Nachkriegsbundesrepublik der Fall war.

Nun sehen akademische Classic-Linke Nassehi gern skeptisch. Erstens weil er ihnen als systemischer Vordenker grün-schwarzer Allianzen gefährlich praxisorientiert zu sein scheint, zweitens weil sie Luhmann’sche Ironiekompetenz immer als Status-quo-Affirmation verstehen wollen. In der ersten Welle der Pandemie kam ja aus links-autoritären Kreisen der glückliche Seufzer, Corona zeige doch, dass man sehr wohl „durch­regieren“ könne. Tenor: Warum nicht immer so?

Nassehis These lautet: Moderne Gesellschaften können mit ihrem Instrumentarium ein spezielles Problem lösen, in der ersten Pandemiephase war es das Gesundheitsproblem. Sie können aber nicht einen Problemkomplex lösen, weil in der Praxis unterschiedliche Interessen und Werte gegeneinanderstehen. In Pandemiephase 1 waren es Unternehmen, Arbeitsplätze, Familien, Kinder, deren Probleme nicht bearbeitet wurden und teilweise eskalierten.

ArminNassehi.jpg

Corona war aber eben keine Ausnahme, sondern zeigte pars pro toto, wie schnell eine moderne Gesellschaft durch die Zielkonflikte ihrer Systeme und Teile überfordert ist.

Corona zeigt auch: Weder lässt sich eine Gesellschaft dadurch organisieren, dass man sie moralisch bespricht und dann alle „vernünftig“ oder „solidarisch“ miteinander sind, noch muss Politik einfach nur mal richtig wollen und dann wird es schon. Die Gesellschaft kann nicht kollektiv handeln, weil sie kein Kollektiv ist, und das ist gut so.

Sie ist ausdifferenziert. Die Überforderung oder Unfähigkeit ist also systemimmanent – anders als bei totalitären Systemen, die aber ihre eigenen Probleme haben.

Was kann man tun, um mit dem offensichtlichen gesellschaftlichen Mangel an Problemlösungskompetenz umzugehen?

Quelle        :           TAZ-online          >>>>>         weiterlesen

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Grafikquellen          :

Oben     —    Das merkwürdige Jahr 1848. Eine neue Bilderzeitung. 26. Bild. “Feierlicher Einzug des Reichsverwesers in Frankfurt a. M. am 6. Juli”

Author Ws-KuLa        /        Source    –     Own work     /      Date     –    24 August 2014

This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license.

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Unten      —     Der Soziologie Armin Nassehi am 27.07.2015 auf einer Kundgebung am Max-Joseph-Platz in München

Ein Kommentar zu “Was ist Gesellschaft ?”

  1. Jimmy Bulanik sagt:

    Eine Gesellschaft will die Lebensqualität. Dazu gehört eine funktionale öffentliche Daseinsvorsorge. Der Staat muss mehr Geld investieren. In die Strassen, den öffentlichen Verkehr, die digitale Infrastrukur wie dem Mobilfunknetz, dem schnellen Internet wie Glasfaser und vieles mehr.

    Ein Beispiel für eine Gesellschaft welche die Lebensqualität hat ist Norwegen. Dort leben sehr zufriedene Menschen. Auch die Menschen können etwas bewerkstelligen. Bei den Wahlen ihr Kreuzchen an der richtigen Stelle setzen. Ein Brief schreiben an ihren MdL, MdB. Briefe an Redaktionen nützen viel.

    Selbst jede und jeder kann zwecks dem Setzen eines Thema eine Demonstration anmelden, digital bewerben und durchführen. Mittels dem Internet können alle eine eigene Öffentlichkeit schaffen. Das ist die Ausübung von Macht pur.

    Das wird der Politik, der Wirtschaft die Augen öffnen. Die Leute sollten ihre Bequemlichkeit ablegen und aktiver werden. Die jungen Menschen bei Fridays For Future, Black Lives Matter haben es vorgemacht. Davor die Anti-Atomkraftbewegung. Auch die Friedensbewegung hat Beispiele dafür erbracht wie es funktioniert.

    Die Leute müssen nur selber wollen.

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