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Verdrängte Verbrechen

Erstellt von DL-Redaktion am Samstag 21. September 2019

80 Jahre Zweiter Weltkrieg

Man achte auf die fröhlichen Gesichter im Hintergrund – fast ähnlich den Gesichtern auf heutigen Parteiversammlungen – die Generäle der Macht haben sich nicht verändert. Es sind immer noch die gleichen Arschlöcher.r

von Markus Meckel

Am 1. September jährt sich der Beginn des Zweiten Weltkriegs, der deutsche Überfall auf Polen, zum 80. Mal. Doch obwohl fast jede Familie davon betroffen war und Opfer zu beklagen hatte, ist in Deutschland das öffentliche Erinnern an den Zweiten Weltkrieg heute erstaunlich wenig präsent. Fast kann man den Eindruck gewinnen, dass nach der Rede Richard von Weizsäckers vor dem Deutschen Bundestag 1985, in der er das Ende des Krieges als Befreiung beschrieb, alles gesagt schien und das Thema nicht weiter der Behandlung bedurfte.

Mehr als an jedem anderen Beispiel zeigt sich im Fall des Zweiten Weltkriegs, wie sehr wir in Deutschland bis heute eine Erinnerungskultur haben, die noch stark gespalten und wenig integrativ ist. Fest etabliert ist dagegen das Gedenken an den Nationalsozialismus und seine unendlichen Verbrechen. Dieses wird von einem vielgestaltigen Institutionengeflecht getragen, wobei sich alle Ebenen des politischen Lebens, vom Bund über die Länder bis zu den Gemeinden, aktiv beteiligen und die Öffentlichkeit regen Anteil nimmt.

In der Darstellung des Nationalsozialismus stehen heute einerseits der Charakter des Regimes als totalitäre Diktatur mit einer nationalistischen und rassistischen Ideologie im Vordergrund und andererseits die damit begründeten unermesslichen Verbrechen, allen voran die Schoah. Die Erinnerung an die Schoah als einer zentralen Dimension des Nationalsozialismus und die damit verbundene deutsche Verantwortung sind sogar – auch in internationaler Perspektive – zu einer Staatsräson geworden.

Der Zweite Weltkrieg selbst, als militärische Auseinandersetzung mit weiteren Millionen Opfern, bleibt dagegen erstaunlich im Hintergrund. Die letzten großen Debatten zu diesem Thema fanden vor 20 Jahren im Zusammenhang mit der Wehrmachtsausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung statt. Hier ging es gerade um die mörderischen Verbrechen im Krieg, an denen eben auch die Wehrmacht beteiligt war. Dabei gibt es auch hier noch viele Felder, die nun neu wahrgenommen werden und zu neuen Aktivitäten führen.

Die offene Entschädigungsfrage

Offen etwa ist bis heute die Frage, ob es nicht doch noch für die zivilen Opfer von Massakern in Griechenland und Italien Entschädigungen geben sollte. Wichtig ist auch die vom damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck 2015 hervorgehobene Tatsache, dass die mehr als drei Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen, die in deutscher „Obhut“ umgekommen sind, im öffentlichen Bewusstsein bei uns kaum einen Ort gefunden haben. Dass dies auch in den betroffenen Nachfolgestaaten der Sowjetunion noch weitgehend der Fall ist, da Stalin überlebende Kriegsgefangene als Verräter angesehen hat, die nicht – wie verlangt – bis zum letzten Blutstropfen gekämpft, sondern „mit dem Feind kollaboriert“ hätten, macht deren Schicksal bis heute besonders tragisch.

Seit einiger Zeit gibt es immer wieder die Aufforderung von Historikern und gesellschaftlichen Gruppen, dass wir den rassistischen Vernichtungskrieg im Osten viel stärker in den Blick nehmen müssen. Eine Initiative plädiert für die Errichtung eines polnischen Denkmals, das an deren Opfer in Krieg und Besatzung erinnert. Andere, wie ich selbst, warnen davor, die Opfer des NS nach Nationen getrennt zu erinnern. Wer damit anfängt, müsste dann auch Denkmäler für die Millionen Opfer anderer Nationen errichten – für Ukrainer, Belarussen, Russen und viele andere.

Stattdessen schlug ich selbst kürzlich mit anderen vor, in Berlin ein Dokumentationszentrum für diesen Vernichtungskrieg zu errichten – und differenziert und umfassend darüber zu unterrichten.[1] Denn in der deutschen Öffentlichkeit ist wenig davon bekannt, etwa dass fast ein Drittel der belarussischen Bevölkerung im Krieg umgekommen ist. Oradour in Frankreich ist ein Begriff – dass es solche Vergeltungsaktionen und Massenmorde im Osten viele hundert Male gegeben hat, weiß man meist nicht.

Quelle      :          Blätter       >>>>>         weiterlesen

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Grafikquellen       :

Oben     —         Benito Mussolini und Adolf Hitler kurz nach ihrer Ankunft in München, 1938

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