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Erstellt von DL-Redaktion am Donnerstag 20. Dezember 2018

Frauen im Politikjournalismus

Bush Merkel G8 summit 2007 white house.jpg

Von Anja Maier

Der Politikjournalismus berichtet viel über Gleichberechtigung. Aber nur ein Drittel der Kolleginnen sind Frauen. Warum?

Quote war gestern, Parität ist der neue heiße Scheiß. In etwa diese Richtung geht auch die Denke der Kanzlerin. Quoten für Frauen seien wichtig gewesen, hat Angela Merkel Mitte November auf einer Festveranstaltung zur Einführung des Frauenwahlrechts vor auch gerade erst hundert Jahren erklärt. „Aber das Ziel muss Parität sein, Parität überall.“ Heute werde kein Mädchen mehr ausgelacht, wenn es Ministerin oder Bundeskanzlerin werden wolle. Allerdings „macht eine Schwalbe noch keinen Sommer“.

Drei Wochen später wählte sich Angela Merkels CDU eine neue Parteivorsitzende. Gelacht hat eher keiner, als Annegret Kramp-Karrenbauer mit 52 Prozent den Wettkampf mit Friedrich Merz verdammt knapp gewonnen hatte. Die Fernsehbilder von erschüttert dreinblickenden, überwiegend männlichen Delegierten wurden in den Hauptnachrichten gesendet.

Zur selben Zeit, am frühen Freitagabend, setzte die Spiegel-Journalistin Christiane Hoffmann einen Tweet ab: „Jetzt haben wir es wirklich geschafft: Eine Frau folgt auf eine Frau – zwei Schwalben machen einen Sommer“, schrieb die Vizechefin des Spiegel-Hauptstadtbüros. Ein schöner, ermutigender Tweet war das. Aber die Frage, die ich mir augenblicklich stellte, lautete: Wer ist „wir“? Wir Politikjournalistinnen jedenfalls könnten eher drei statt zwei Schwalben gebrauchen.

Eine Szene auf dem nämlichen CDU-Parteitag. Die Tür geht auf, dahinter: ein runder Besprechungstisch, die Szenerie beleuchtet von kalten Energiesparlampen. Die Kollegen, die ebenfalls zum Hintergrundgespräch mit dem Spitzenpolitiker eingeladen sind, sitzen bereits mit aufgeschlagenen Notizbüchern auf ihren Plätzen. Es kann losgehen. Doch dann fällt es selbst dem Gastgeber auf: Seine Sprecherin und die Frau Maier von der taz sind die einzigen Frauen im Raum. Der Politiker beugt sich nach vorn, schaut noch mal prüfend in die Runde. Tatsächlich: nur zwei Frauen unter vierzehn Männern. Na ja, kann man jetzt auch nix dran machen. Fangen wir an.

Auch wenn später noch zwei Frauen zu dem Termin hinzukommen werden: Dies ist die Normalität im deutschen Politikjournalismus. Wo immer ich hinkomme – ob Pressekonferenzen, Briefings, Reisen –, immer sind von den KollegInnen zwei Drittel Männer und ein Drittel Frauen. Ich weiß das, weil ich vor einiger Zeit zu zählen angefangen habe. Ich hatte mich irgendwann gefragt, ob ich womöglich eine gestörte Wahrnehmung habe, ob ich als Mitarbeiterin der schon immer und in allen Bereichen quotiert operierenden taz einfach nur unnötig pingelig bin. Aber meine Beobachtung stimmte. Zuverlässig sind wir Frauen in der Unterzahl. Zwei zu eins – darauf läuft es im Großen und Ganzen hinaus.

Es sind nette Kollegen, auf die ich in meinem Job treffe. Sie sind hilfsbereit und lustig und modern. Sie haben Töchter und Mütter und Partnerinnen, denen sie Parität, Gleichheit selbstverständlich zugestehen. Und gerade deshalb frage ich mich manchmal, ob ihnen dieses Ungleichgewicht in ihrem beruflichen Alltag nicht auch auffällt. Ist das nicht peinlich?

Manchmal lachen wir zusammen darüber, wenn in ihrem Medium schon wieder sämtliche Politik-Kommentare von Männern geschrieben wurden und sie einer eben dieser Männer mit Meinung sind. Aber was, frage ich mich dann im Stillen, was verdammt sollen sie denn erwidern? Sie sind nun einmal Männer. Und vor allem sind sie schließlich gute Journalisten.

Aber viele von ihnen, faktisch die meisten, sind eben auch Chefs. Sie haben damit Einfluss auf Stellenbesetzungen, haben Ressort- und Etathoheit und damit ein gewichtiges Wort mitzureden, wenn es um die Frage „Frau oder Mann?“ geht. Warum nutzen sie dann also diese Macht nicht so, dass auch die andere Hälfte der Menschheit über die ganze Menschheit berichten kann? Warum stockt die Entwicklung bei diesem magischen Drittel?

„Die sind jetzt ausreichend vertreten“

Ich rufe Elizabeth Prommer an. Die Medienforscherin an der Universität Rostock hat im Auftrag von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) die Sichtbarkeit von Frauen in Film und Fernsehen untersucht. Im Grunde, sagt Prommer, bildeten die Medien die vorgefundene Realität ab. Wenn also im Deutschen Bundestag nur 30 Prozent Frauen sitzen – was, nebenbei bemerkt, genauso viele sind wie im Parlament des Sudan –, dann bilden unter den JournalistInnen auch nur 30 Prozent Frauen deren Wirken ab.

 Das Bemerkenswerte: Sobald ihr Anteil in etwa ein Drittel ausmacht, haben Frauen eine gewisse Sichtbarkeit erreicht. Dies aber führt seltsamerweise nicht dazu, dass nun folgerichtig das Projekt Hälfte-Hälfte angegangen wird. Im Gegenteil: „Ab einem Drittel stellt sich das Gefühl ein: Die sind jetzt ausreichend vertreten“, hat Professorin Prommer ermittelt. Den EntscheiderInnen in den Verlagen und Redaktionen fällt ab dieser kritischen Masse gar nicht mehr auf, dass es noch immer ungleich zugeht. Allein das Gefühl „Wir haben doch jetzt Frauen“ erscheint ihnen ausreichend.

An der Qualifikation der Kolleginnen liegt es jedenfalls schon mal nicht, sagt Prommer. An Journalistenschulen würden gleich viele Männer und Frauen ausgebildet. „Im Prinzip gibt es also ausreichend Frauen im Politikjournalismus. Aber je höher es in der Redaktionshierarchie geht, desto mehr brechen die dann wieder weg.“ Dabei gebe es keine Hinweise darauf, dass es die Frauen am Anfang ihrer Journalistinnenkarriere weniger ins News-Geschäft ziehe. Das Ganze habe eher etwas mit Stereotypen zu tun: Kann die überhaupt richtig führen? Kann die ausdauernd, auch lang nach Feierabend, vor Orten der Macht herumlungern, um im entscheidenden Moment präsent zu sein? Kann die schweigen? Wäre die nicht glücklicher im Gesundheits-Ressort?

Geschlossene Gesellschaft bei den Jungs

Quelle      :          TAZ           >>>>>         weiterlesen

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Grafikquelle      :         Bush Merkel G8 summit 2007 white house.jpgJune 2007 in Heiligendamm, Germany.

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