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Tucholsky-Satire darf alles!

Erstellt von DL-Redaktion am Freitag 21. Dezember 2018

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Von Ilija Richter

Satire darf alles, schrieb Tucholsky, aber sie folgt Regeln. Die wichtigste: Der Satiriker muss selber schreiben. Der deutsche Comedian lacht lieber selbst.

„Satire darf alles“, schrieb Kurt Tucholsky. Am 21. Dezember jährt sich der Todestag des „Heinrich Heine des 20. Jahrhunderts“. Denk ich an Deutschland in der Nacht, fällt mir immer wieder auf, dass Tucholsky Satire schrieb, auch darüber schrieb, was sie dürfe – „alles“ nämlich –, sich aber selbst nie Satiriker nannte. Dar­an erkennt man wahrscheinlich den wahren Satiriker. Jan Böhmermann zum Beispiel ist keiner! Auch wenn er Preise in dieser Kategorie in Empfang nimmt. Wer will ihm das verdenken! „Wenn man dir gibt: Nimm! Wenn man dir nimmt: Schrei!“ (Altes jüdisches Sprichwort).

Nun können wir nicht erwarten, dass Gepriesene ihre Preise auf Zuruf zurückgeben. Von Juroren und Pressefachleuten erwarte ich aber, dass sie die einzelnen Fächer unterscheiden können. Können sie aber oft nicht. Heutzutage wird ein Tabubruch schnell als satirisches Mittel eingestuft. Wie zum Beispiel damals beim Schmähgedicht auf Erdoğan, das gerade mal für den Verweis eines Klassenlehrers an den pubertierenden Pausenclown gelangt hätte. Bei Böhmermann langte das grobe ­Verslein allemal für den Grimme-Preis.

Schnee von gestern. Ich weiß. „Es gibt keinen Neuschnee“, schrieb Tucholsky mehr melancholisch als komisch vom Problem des Einmaligen, das so schwer zu erreichen sei, weil immer schon vor dir bereits einer seine Fußstapfen in den Schnee gepresst habe. In welche Fußstapfen wollen unsere Böhmermänner im TV treten? Diese nicht selten vorab die Pointe belachenden Comedians. Viele wollen wie Harald Schmidt sein.

Aber wer Schmidt sein wollte, weiß er vielleicht selbst nicht so genau. Das Zwiespältige ist mir aber sympathischer als das sich selbst Belachende. Vom Prekariat-Lieferando Mario Barth bis hin zum zarter besaiteten Jan lachen sie beim Pointensprechen, noch bevor wir es tun. Oder auch nicht.

Furcht und Elend des Comedian im TV-Reich. Kenn ich. Dennoch: Da war mir in den 1990ern das Pokerface von Herbert Feuerstein, nach außen hin der Depp, in Wirklichkeit aber das Autoren-Superhirn von „Schmidteinander“ in der ARD, schon lieber. Als das große Geld der Privatsender winkte, hat Dirty Harry seinen guten Geist nicht mitgenommen. „Das Mündel will Vormund sein“, hieß mal ein Stück von Handke. Die Folge bei wöchentlichen Show-Folgen? Ghostwriter und Gagschreiber. Das alte amerikanische TV-Prinzip: „Sag mir, wie viele Gagschreiber du hast, und ich sage dir, wie berühmt du bist“, ist ja längst im deutschen TV-Humoristenbetrieb angekommen.

Zugegeben, ich beneide die Freiheit der Macher in den Fernsehsendern bezüglich dessen, was da heutzutage alles geht. „Neues aus der Anstalt“ hat wirklich oft satirischen Charakter. Und das im einst fast satirefreien ZDF.

Quelle        :         TAZ         >>>>>           weiterlesen

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Grafikquellen     :

Oben      —        The German actor Ilja Richter

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Unten    —       Kurt Tucholsky in Paris, 1928

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