DEMOKRATISCH – LINKS

                      KRITISCHE INTERNET-ZEITUNG

RENTENANGST

Trotz vielen Corona-News:

Erstellt von DL-Redaktion am Freitag 17. April 2020

Die Rohingya nicht vergessen!

Kutupalong Refugee Camp (Maaz Hussain-VOA).jpg

Quelle       :         INFOsperber CH.

Christian Müller / 17. Apr 2020 –

Nirgends auf der Welt leben so viele Flüchtlinge so nah auf einander wie in Bangladesch. Zu den Helfenden gehört Helvetas.

Nicht ganz zufällig beschäftigen sich die Medien zurzeit vor allem mit der Covid-19-Pandemie, mit ihrer Verbreitung und Bekämpfung im eigenen Land, mit ihrer Ausbreitung in den besonders stark betroffenen Ländern, und natürlich mit den erwarteten wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie. Wie aber sieht es dort aus, wo schon vor der Pandemie Arbeitslosigkeit oder gar Hunger herrschte. Zum Beispiel im grössten Flüchtlingslager der Welt, in Bangladesch, wo mehrere hunderttausend Menschen auf engstem Raum zusammenleben – zusammenleben müssen: die aus Myanmar geflüchteten Rohingya? Infosperber hat beim Schweizer Hilfswerk Helvetas nachgefragt, wie es dort aussieht. Antwort gegeben hat Barbara Dietrich, die für Bangladesch verantwortliche Regionalkoordinatorin.

Infosperber: Wie viele Rohingya leben gegenwärtig in den Flüchtlingslagern in Bangladesch?

  • Vor über drei Jahren flohen hunderttausende Kinder, Frauen und Männer aus Myanmar ins Nachbarland Bangladesch. Sie wurden massenweise getötet, ihre Häuser und Felder niedergebrannt, Frauen vergewaltigt. Rund 855’000 Rohingya-Flüchtlinge leben heute in Bangladesch auf engstem Raum in der Region Cox’s Bazar. Sie würden gerne in ihre Heimat Myanmar zurückkehren, wenn sie dort in Sicherheit und Würde leben könnten. Doch das scheint zurzeit politisch aussichtslos.

    Wie werden sie hauptsächlich verpflegt? Von Bangladesch-staatlichen Organen oder von Hilfswerken?

  • Nur schon die Grundnahrungsmittel – also Reis, Hülsenfrüchte und Öl, damit die Rohingya nicht verhungern – kosten laut Welternährungsprogramm rund 16 Millionen USD pro Monat. Gemäss dem Joint Response Plan der UNO braucht es 255 Mio. USD, um die Ernährungssicherheit der Rohingya und der durch den Influx betroffenen armen einheimischen Bevölkerung sicherzustellen. An speziell verletzliche Familien werden Gemüsegutscheine verteilt und unterernährte Kleinkinder bekommen Ergänzungsnahrung.

    Woher kommen die finanziellen Hilfsmittel und zu welchen Teilen etwa: Bangladesch? UNO?

  • Laut dem Daily Star, einer renommierten Zeitung in Dhaka, kosten die Rohingya die Wirtschaft in Bangladesch 1,2 Milliarden USD pro Jahr.

    Die Regierung hat viel gemacht. Allein schon für die Verwaltung der fast 900’000 Rohingya in den Lagern braucht es Beamte und Infrastrukturen wie z.B. Zugangsstrassen. Die Verteilung von Nahrung ist kostspielig und der Schutz der Menschen – insbesondere der Frauen – in den Lagern ist wichtig und kostet viel Geld. Wälder sind abgeholzt, frühere Felder mit Hütten übersäht. Trinkwasser muss extra aufbereitet werden. Es wurden Kläranlagen gebaut, aber auch deren Unterhalt kostet Geld.

Rohingya displaced Muslims 06 ).jpg

  • Die lokale Bevölkerung hat die verzweifelten Kinder, Frauen und Männer aus Myanmar, die ohne nichts vor den schrecklichen Gräueltaten geflüchtet sind, anfänglich sehr herzlich empfangen. Doch nun spüren auch die einheimischen Familien, deren Kinder oft schon früher mangelernährt waren, den Druck der plötzlichen Überbevölkerung. Die Tageslöhne der Feldarbeiter sind zum Beispiel drastisch gesunken. Sie haben kein Geld mehr für das Nötigste. Darum benötigen auch sie teilweise Unterstützung.

    Die UNO und die internationale Gemeinschaft ihrerseits rechnen für das Jahr 2020 mit 877 Millionen USD, um die Rohingya mit dem Nötigsten versorgen zu können.

    Wie stark ist Helvetas engagiert? Personen? Geld?

  • Helvetas hat rund 170 Angestellte vor Ort in Cox’s Bazar – die allermeisten davon sind Einheimische. Zudem arbeiten wir mit zwei lokalen Organisationen zusammen und betreuen – jetzt vor allem via Telefon – 490 Volontäre in den Lagern (die Hälfte davon sind Frauen). Ins Lager dürfen nur noch diejenigen Spezialisten, die direkt mit der Verteilung von Nahrungsmitteln und Hygieneprodukten, der Wasser-/Abwasser-Versorgung sowie der medizinischen Hilfe zu tun haben.

    Im Moment arbeiten wir vor allem via unsere ausgebildeten Rohingya-Volontäre in den Camps. Sie gehen von Haus zu Haus und erklären den Menschen, was Covid-19 ist und wie sie sich und andere schützen können; zum Beispiel durch Social Distancing und richtiges Händewaschen. Wir verteilen Desinfektionsmittel und Hygienekits an die Rohingya und die armen einheimischen Familien, die in der unmittelbaren Umgebung leben und unter dem enormen Bevölkerungsdruck leiden.

    Zum einen ist Helvetas gemeinsam mit unser Expertenpartnerorganisation ACTED im Auftrag von UNHCR im Camp Management für 160’000 Menschen tätig. Zum anderen engagieren wir uns in einem Projekt der Glückskette in der Nahrungssicherheit, indem wir mit den Rohingya und den Einheimischen Gemüseanbau betreiben.

    2019 hat Helvetas 3,4 Millionen Franken für Rohingya in verschiedenen Projekten umgesetzt. Unser Budget für 2020 ist kleiner, es beträgt im Moment 2,2 Millionen Franken. Es wird immer schwerer, Gelder für die Rohingya zu bekommen, die internationale Gemeinschaft beginnt sie zu vergessen …

    Wie ist die medizinische Versorgung im Lager?

  • In den Lagern gibt es kleine dezentrale Gesundheitsposten, dazu Gesundheitszentren, und ausserhalb sogenannte Referenzspitäler für die gesamte Bevölkerung. Zusätzlich gibt es Gebärstationen und spezielle Durchfallerkrankungskliniken. Rund 1200 Rohingya Volontäre wurden und werden via die WHO als Fachpersonen für die Arbeit im Gesundheitsbereich ausgebildet.

    Für die Covid-19-Bekämpfung sind bereits 18 Isolationsstationen eingerichtet. Mindestens 200 weitere Isolationsstationen sind geplant.

    Ist die Covid-19-Pandemie im Lager bereits angekommen? Gibt es eine spürbar grössere Sterblichkeit?

  • Nein, aber die Angst ist spürbar. Informationen sind der Schlüssel. Die Rohingya müssen wissen, wie sie sich einigermassen schützen können. Es gibt bereits offensichtlich falsche und die Menschen einschüchternde Gerüchte, beispielsweise gemäss BBC Media Action, Translators without Border:

    «Patients who are referred for treatment outside of the camps will be shot or killed by the government, if there are too many cases of the virus. There is also a rumour that two community members have already been executed in these circumstances.» «The only way to stop the disease is to kill the infected person.» «No medication is available for Covid-19, so there is no point seeking medical treatment.» «If anyone contracts the virus in the camps, they will be confined by security forces and mistreated or even killed, and their home and block will be shut down.» (Deutsche Übersetzung siehe unten)

    Dem wirken wir entgegen. Unsere Volontäre gehen von Hütte zu Hütte mit Megafonen und verteilen Flugblätter, zeigen «Social Distancing» – soweit das überhaupt möglich ist im dichtesten Flüchtlingslager der Welt. Sie erklären richtiges Händewaschen, führen es vor, beantworten Fragen.

    In welcher Form ist Hilfe am dringlichsten? Geld? Ärzte? Material?

  • Ausbildung der Fachpersonen und der Volontäre
  • Sicherstellung korrekter Informationen
  • Hygieneprodukte, wie Seife, Desinfektionsmittel, Masken
  • Medikamente für alle: Rohingya und Bangladeschi
  • Testkapazitäten sind leider sehr beschränkt – im ganzen Land

    In welcher Form könnte die Schweiz am besten zusätzlich helfen?

  • Die Rohingya nicht vergessen! Obwohl wir hier in der Schweiz ebenfalls eine schwierige wirtschaftliche Situation haben und viele Betriebe ums wirtschaftliche Überleben kämpfen müssen. Dennoch oder gerade deshalb kann die Schweiz einen Beitrag der Solidarität an jene Menschen leisten, die alles verloren haben, deren Gesundheitssystem sozusagen keine Intensivbetten vorweist und die extrem gefährdet sind von der neuen Pandemie. Konkret kann sie Schweizer NGOs, die vor Ort tätig sind, sowie die UNO finanziell unterstützen. Und falls möglich das Gesundheitsministerium und die WHO in Bangladesch mit besseren und grösseren Testkapazitäten ausstatten.

Rohingya Refugees Camp in 2019.37.jpg

  • Was möchten Sie von Helvetas unseren Leserinnen und Lesern besonders ans Herz legen?

  • Es ist wichtig, auch die Gefahr von Stürmen und Fluten während des kommenden Monsuns nicht ausser Acht zu lassen. Wenn die Pandemie in den Camps ausbricht, werden keine Helfer mehr in die Lager reinkönnen. Volontäre müssen auf Monsunstürme genauso wie auf Covid-19 vorbereitet sein, damit sie selbstständig handeln und die Flüchtlingsfamilien in Sicherheit bringen können, wenn ein Wirbelsturm die Dächer der Verschläge wegfegt und wenn Erdrutsche ganze Hütten mitreissen. Befestigungsmaterial für die Hütten muss bereit sein. Helvetas plant auch dies, führt Schulungen durch und stellt das nötige Material bereit. Deshalb noch einmal: Die Rohingya nicht vergessen!

    (Kamlesh Vyas, Regionaler Koordinator für Humanitäre Hilfe in Cox’s Bazar, und Tazin Akter, Gender und Gemeinde-Partizipations-Koordinatorin in Cox’s Bazar, haben Barbara Dietrich bei der Beantwortung der Fragen unterstützt.)

    Übersetzung des englischen Passage im Interview:

    «Patienten, die ausserhalb der Lager zur Behandlung überwiesen werden, werden von der Regierung erschossen oder anders getötet, wenn es zu viele Fälle des Virus gibt. Es gibt auch das Gerücht, dass zwei Gemeindemitglieder unter diesen Umständen bereits hingerichtet worden sind.» – «Die einzige Möglichkeit, die Krankheit zu stoppen, ist die Tötung der infizierten Person.» – «Für Covid-19 gibt es keine Medikamente, so dass es keinen Sinn macht, eine medizinische Behandlung zu suchen.» – «Wenn sich jemand in den Lagern mit dem Virus infiziert, wird er von den Sicherheitskräften eingesperrt und misshandelt oder sogar getötet, sein Haus und die Lagerzone werden geschlossen.»

    Zur Covid-19-Krise Stand 17. April 2020: In Bangladesch sind bisher offiziell 60 Menschen am Coronavirus gestorben. Über 1500 Personen sind positiv getestet; davon über 100 Ärzte und medizinisches Personal.

    – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

    Siehe dazu auch die Sendung im «Echo der Zeit» vom 14. April 2020: «Das grösste Flüchtlingslager vor der Corona-Herausforderung», hier anklicken.

FREIE NUTZUNGSRECHTE

© Das Weiterverbreiten sämtlicher auf dem gemeinnützigen Portal www.infosperber.ch enthaltenen Texte ist ohne Kostenfolge erlaubt, sofern die Texte integral ohne Kürzung und mit Quellenangaben (Autor und «Infosperber») verbreitet werden. Die SSUI kann das Abgelten eines Nutzungsrechts verlangen.

Bei einer Online-Nutzung ist die Quellenangabe mit einem Link auf infosperber.ch zu versehen. Für das Verbreiten von gekürzten Texten ist das schriftliche Einverständnis der AutorInnen erforderlich.

———————————————————————-

Grafikquellen     :

Oben       —      Photo of Kutapalong Refugee Camp in Bangladesh.

———————————–

2.) von Oben       —    Rohingya displaced Muslims

———————————-

Unten      —      Rohingya Refugees Camp in Ukhia, Cox’s Bazar, Bangladesh

Kommentar schreiben

XHTML: Sie können diese Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>