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RENTENANGST

Tränen eines Hypochonders

Erstellt von DL-Redaktion am Sonntag 22. März 2020

Hilft die rechtzeitige Panik?

File:Panikteufelskreis.png

Von Gastautor Heinrich Steinfest

Hilft die rechtzeitige Panik, das Luftanhalten in der Badewanne oder vielleicht doch ein Hut, den sich alle aufsetzen und lüften, wenn man sich begrüßt? Wie früher. Ein exklusiver Beitrag in verstörenden Zeiten, die unserem Autor erscheinen, als müsste ihm gleich eine Träne aus den Augen quellen.

Wenn ich morgens sehr zeitig aufwache, schreckhaft, nassgeschwitzt, immer so, wie wenn man für einen Moment sich denkt, „Gott sei Dank, das habe ich nur geträumt“, um dann einsehen zu müssen, eben nicht geträumt zu haben, sondern dass der Alptraum tatsächlich stattfindet, dann greife ich nicht, wie ich es zuvor stets zu tun pflegte, als erstes nach meinem Smartphone, um mir die neuesten Nachrichten anzusehen. Nein, seit einigen Wochen flüchte ich mich zu einem Buch, Suchbild mit Katze des österreichischen Autors Peter Henisch, der darin die Jahre seiner Kindheit kurz nach dem Ende des zweiten Weltkriegs beschreibt. Diese ungemeine Fülle des Kindseins. Jeden Tag einige Seiten. Eine klare, schöne Sprache. Und wie gut das tut, zu lesen, wie beruhigend, besänftigend, tröstend.

Ich will nicht dieses eine Buch bewerben, ich will nicht mal das Lesen bewerben, so sinnvoll das auch wäre, sondern nur diesen Moment der Realitätsflucht erklären. Das Bedürfnis, woanders zu sein, bevor ich dann gezwungen bin, aufzustehen und zu sein, wo ich bin. Mit den neuesten Nachrichten, der Angst, dem In-sich-Hineinhören, der Brustenge, dem Bedürfnis, auch nur das kleinste Räuspern zu unterdrücken, und auch dem Gefühl von Würdelosigkeit, die so oft Angst und Panik begleiten. Dabei ist die Panik absolut gerechtfertigt, die Panik hätte, global betrachtet, viel früher eintreten sollen.

In Sorge um das gottverdammte Klopapier

Bereits bei den ersten Meldungen aus Wuhan, als man sich doch denken konnte, dass auch das Virus ein „Reisender“ sein wird. Aber so läuft es immer, ist es immer gelaufen, nicht nur in zur Übertreibung neigenden Katastrophenfilmen. In jedem Krieg, vor jedem absehbaren Ernstfall, jedem Streit, jeder Verletzung. Es nützt nichts, dass sich das Gewitter ankündigt. Wir bleiben im Freien, bis es da ist. Und dann rennen wir. Die frühe Panik, die rechtzeitige Panik, sie könnte mit Würde gelingen. Die späte Panik ist oft würdelos. Ich sehe das an mir selbst.

Auch ich bin in Sorge ums gottverdammte Klopapier, worüber sich jetzt so viele lustig machen – mehrmals täglich kriege ich einen Klopapierwitz aufs Handy –, aber doch können die wenigsten davon lassen, ihre vorsorglich gehorteten Rollen zu zählen. Und dann lese ich, dass im Internet absurde Methoden zum Selbsttest kursieren, etwas mit Luftanhalten … Ich will diesen Unsinn gar nicht wissen, ertappe mich aber, wie ich Sekunden später die Luft anhalte. Und jetzt? Ist es besser, wenn ich es lange aushalten kann, wie damals als Kind, wenn ich in der Badewanne den Kopf unters Wasser hielt, oder ganz im Gegenteil? Es erinnert mich an einen Woody-Allen-Film, wo der Protagonist, ein Hypochonder, der wegen eines Schwindelanfalls und plötzlich auftretender Schwerhörigkeit – „diesmal habe ich wirklich etwas“ – zum Arzt geht, und der Arzt ihn nun fragt, ob er diese Klingelgeräusche nur in einem Ohr hat, und Woody Allen angstvoll fragt, ob es denn gesünder sei, Probleme mit beiden Ohren zu haben.

In den Schrecken mischt sich, sobald man einen Schritt zurücktritt, immer auch die Komik. Für einen Hypochonder – und ich bin selbst einer – wirkt das aktuelle Geschehen als ein Beweis dafür, dass sich sämtliche Befürchtungen bewahrheiten. Und sich dem kundigen Hypochonder längst angekündigt haben. Auch in der Fiktion.

Ist Corona ein Komet, den wir pulverisieren können?

Ich muss an das Ende des 2011 gedrehten Films Planet der Affen: Prevolution denken. Es geht dabei um ein Medikament gegen Alzheimer, das an Affen getestet wird, wobei letztlich aber eine Substanz entsteht, die für die Affen ungefährlich, für Menschen jedoch tödlich ist. Am Endes des Films überträgt der erste infizierte Mensch, ein Tierpfleger, den Virus auf einen Berufspiloten. Im Nachspann nun ist eine Grafik zu sehen, bei der ein leuchtender Streifen die Flugroute dieses Piloten beschreibt. Und wie dieser leuchtend-gelbe Streifen das Flugziel erreicht und sich von dort in viele weitere Streifen aufspaltet, sich diese Linien nach allen Richtungen bewegen und an ihren Endpunkten weitere Aufspaltungen erfolgen, immer weiter, immer dichter, bis letztlich der gesamten Globus von einem grellen Netz umfangen ist. Ich war damals, 2011, so erschrocken ob dieses Endes, weil in dieser gekonnten Fiktion eine ungemeine Logik der Verteilung lag.

Coronavirus an déi Jonk.jpg

Kein Kunstwerk ist mir in diesen Tagen aber so ins Bewusstsein gerückt wie Jakob van Hoddis‘ expressionistisches Gedicht Weltende mit seiner zweiten Strophe: „Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen / An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken. / Die meisten Menschen haben einen Schnupfen. / Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.“

Zur Zeit, als Hoddis dies schrieb, war es die Vorstellung von einem auf die Erde fallenden Kometen, der die Menschen schreckte. Letztlich war es dann der Erste Weltkrieg, der so kometengleich über die Gesellschaften kam und an dessen Ende, gleich einem fürchterlichen Schweif, die Spanische Grippe tobte.

Quelle        :         Kontext – Wochenzeitung          >>>>>       weiterlesen

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Grafikquellen          :

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Source Own work (Original text: eigene Grafik)
Author Gerald Stiehler 01:14, 6. Dez 2004 (CET)

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Unten     —           Comic telling the youth in Luxembourgish to prevent the COVID-19 from spreading by washing their hands on a regular basis.

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