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Tafeln – Top oder Flop ?

Erstellt von DL-Redaktion am Freitag 8. Oktober 2010

Tafeln und Sozialkaufhäuser: Top oder Flop ?

Diese Frage stellt heute Dieter Carstensen aus Waldbröl in seinem Artikel. IE

Die negative Seite dieser Institutionen, am Beispiel der Kleinstadt Waldbröl und ihrer Umgebung, dem Oberbergischen Kreis in NRW. Dort schießen allerorten sogenannte „Tafeln“ und „Sozialkaufhäuser“, für die Ärmsten der Armen, wie Pilze aus dem Boden, meist in kirchlicher Trägerschaft, unter dem Deckmäntelchen der „Nächstenliebe.“ Die nicht geschönte Arbeitslosenzahl im Kreis liegt bei ca. 13 %, entsprechend ist die soziale Situation in diesem ländlichen Kreis.

Meine Grundsatzposition, welche ich mit den meisten kritischen Sozialwissenschaftlern, Politologen, Soziologen und Sozialarbeitern teile, ist prinzipiell ablehnend gegen derartige Einrichtungen.

Zum Einen lösen sie das Problem der Massenverarmung nicht, sondern sie helfen es zu verschleiern, da sie nicht an die Ursachen des Übels, sondern nur an dessen Auswirkungen herangehen, indem sie eigentlich staatliche Aufgaben, gemäß des Sozialstaatsgebots unseres Grundgesetzes, ohne Not übernehmen und es somit dem Staat sogar noch ermöglichen, sich immer weiter aus seiner grundrechtlichen Verantwortung herauszuziehen.

Ich zitiere dazu aus einem Bericht der „Telepolis“ Onlinezeitung vom 23.6.09 Autor Stefan Seilke mit dem Titel „Es ist angerichtet: Tafeln in Deutschland“:

„Verstetigung statt Bekämpfung der Armut: Es gibt keinen positiven Zusammenhang zwischen der Existenz von Tafeln und Armut in diesem Land. Armut entsteht vor und neben allen Tafeln, egal nach welchem Prinzip diese arbeiten. Tafeln verhindern keine Armut. Tafeln werden aber zunehmend Teil der Hilfsindustrie und beschäftigen sich zunehmend mit sich selbst. Und damit verstetigen sie den status quo der Armut. Tafeln dürfen aber nicht nur zur „Heimat der Helfer“ und zum „Umschlagplatz für Hoffnungen“ der Kunden werden. Helfen darf nicht zum Selbstzweck verkommen. Es geht um Wachsamkeit für das eigentlich Problem: Armut als Skandal in einem der reichsten Länder der Welt.“

Zum Anderen handeln die meisten „Tafeln“ und „Sozialkaufhäuser“, gerade wenn sie von Kirchen oder Wohlfahrtsverbänden betrieben werden, alles andere als selbstlos, da es den Betreibenden vor allem darum geht, auch dieses „Marktsegment“ des Sozialmarktes, in welchem Milliardenumsätze mit den verschiedensten Angeboten, von der Suchtberatung über Altenhilfe bis eben hin zu den „Tafeln“, durch die Verbände und Kirchen mit Hilfe staatlicher Zuschüsse erzielt werden und es vornehmlich um die positive öffentliche Darstellung der eigenen Verbände geht.

Die Tafeln verhindern alleine schon durch ihre Existenz eine grundsätzliche gesellschaftliche Diskussion über die Menschenwürde auch der Ärmsten, sie sind kontraproduktiv. Nicht scheinbare „Nächstenliebe“ oder „Almosen“ sind gefragt, sondern gleichberechtigte Teilhabe. Diese kann aber nur politisch erkämpft werden.

So resümiert der Autor Stefan Selke, Dr. phil., Studium der Luft- und Raumfahrttechnik, Studium der Soziologie, Projektleiter beim infas Institut für angewandte Sozialwissenschaft. gegenwärtig Professor an der Hochschule Furtwangen University in oben als Quelle angegebenen Telepolis Beitrag m.E. zu Recht:

„Doch die typische Struktur einer jeden einzelnen Tafel verhindert, quer zu allen individuellen Bemühungen einzelner Helfer, die Konstitution echter Menschenwürde. Wenn aber das, was Tafeln erreichen, nicht mehr ist, als ein „Quäntchen Glück“ oder eine „angenehmere Abhängigkeit“, dann ist das, gemessen am kollektiv betriebenen Aufwand, zu wenig.“

Die Oberbergische Volkszeitung veröffentlichte am 28.9.10 unter dem Titel „Mit 5 Euro ist keinem geholfen“ einen gut recherchierten und informativen Beitrag des Redakteurs Michael Fiedler-Heinen zum sogenannten „Sozialkaufhaus“ in Waldbröl, welcher in den darin enthaltenen Aussagen von Mitarbeitern dieser Einrichtung, beispielsweise für viele andere ähnlicher Einrichtungen, das dahinter stehende Grundverständnis der meisten Tafeln und Sozialkaufhäuser auf das Schlimmste entlarvt.

So äußerte eine Mitarbeiterin des „Sozialkaufhauses“ in dem Beitrag:

„Für manche, die nicht arbeiten wollen, sind selbst die fünf Euro definitiv zu viel.“ Solche Leute, sagt sie, „stehen nur da und halten die Hände in den Hosentaschen“. Doch sie wehrt sich auch dagegen, dass alle über einen Kamm geschoren werden. „Das sind Menschen wie Du und ich, ich mache da keinen Unterschied. Und einige von denen, die hier mithelfen, sind mehr als fleißig, aber sie bekommen keine Chance.“

Das viele der ehrenamtlichen, aber auch hauptamtlichen, Mitarbeiter derartiger Einrichtungen eine völlige Distanz zur realen Lebenssituation von Langzeitarbeitssuchenden haben, mit ihren psychischen, psychosomatischen und gesundheitlichen Folgebegleiterscheinungen einer nahezu aussichtslosen Lebensperspektive, welche z.B. auch zu Medikamenten-,  Alkohol-  und/oder Drogenabhängigkeitserkrankungen führen können, aber mit Sicherheit nach 100’ten erfolgloser Bewerbungen, oder Arbeitsangeboten mit ausbeuterischen Hungerlöhnen, zu Resignation, Lethargie und/oder Depressionen, ergibt sich aus Äußerungen wie dieser .

Von vielen Tafeln und Sozialkaufhäusern, das Internet ist voll von derartigen Meldungen, berichten die Hilfesuchenden Nutzer derartiger Angebote von herablassenden, diskriminierenden, abfälligen und kommandierenden Äußerungen und Verhaltensweisen der dort vorgeblich FÜR die Betroffenen eintretenden Beschäftigten.

Da verwundert dann auch diese Aussage in dem o. a. Zeitungsbericht nicht sonderlich:

„Die ehrenamtliche Kaufhaus-Mitarbeiterin Brigitte Grote hält eine Anhebung um 40 Euro, wie sie die SPD fordert, allerdings für wenig hilfreich. „Dadurch wird der Anreiz zum Arbeiten nicht gerade geweckt.“ Wichtiger sei es, überhaupt eine Möglichkeit zum Arbeiten zu geben: „Die meisten, die hier freiwillig helfen, wollen arbeiten, bekommen aber keine Arbeit.“

Der Widerspruch an sich, bei solchen in der Bevölkerung weit verbreiteten Ansichten, ist, dass man einerseits sehr wohl erkennt, dass viele trotz ihres Willens keine Arbeit finden, man andererseits aber nicht erkennt, dass die Hartz IV Regelsätze so anzuheben sind, dass eine wirkliche Teilhabe am gesellschaftlichen Leben im Sinne des Grundgesetzes möglich ist, wobei alleine schon der jetzt errechnete Verpflegungssatz von ca. 4 Euro pro Tag nichts anderes als eine staatlich verordnete Mangelernährung bedeutet.

Aus zahlreichen Studien zur Sozialhilfe, die es schon wesentlich länger als Hartz IV gibt, ist bekannt, dass die Lebenserwartung der Betroffenen um zehn Lebensjahre unterhalb des Bevölkerungsdurchschnitts liegt.

Es reicht eben nicht, in einer Tafel oder einem Sozialkaufhaus gönnerhaft Almosen zu verteilen, ohne die Grundproblematik im Zusammenhang zu verstehen und die Ursachen nicht zu bekämpfen.

Da die meisten Tafeln und Sozialkaufhäuser von Leuten aus der gut situierten Mittelschicht und ihren Organisationen betrieben werden, ist der Anspruch derartiger Institutionen i.A. nicht über ein bisschen sog. „Nächstenliebe“ und „Almosenverteilung“ hinausgehend und damit, wie vorstehend begründet, kontraproduktiv und letztlich gegen die Interessen der Ärmsten gerichtet.

Ich halte es für richtig und wichtig, dass sich möglichst viele Menschen, z.B. durch Leserbriefe und öffentliche Aktionen, gegen den Wust der Fehlinformationen der Regierenden, sowie der meisten Medien, wenden, denn es ist mehr als alarmierend, dass in den jüngeren Umfragen über 50 % der Bevölkerung gegen eine Erhöhung des Hartz IV Regelsatzes und der Sozialhilfe waren.

Meinen daher am 5.10.10, in der OVZ veröffentlichten Leserbrief, zu dem oben zitierten Artikel der OVZ,  der aus Platzgründen durch die Redaktion gekürzt wurde, aber so, dass meine kritische Grundaussage erhalten blieb füge ich an dieser Stelle zur Dokumentation unserer örtlichen öffentlichen Diskussion zum Thema „Neue Armut“ an.

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Grafikquelle : Axel HindemithFoto aufgenommen von Benutzer Benutzer:AxelHH

5 Kommentare zu “Tafeln – Top oder Flop ?”

  1. Dortmunder sagt:

    …das Existieren der Tafeln ist für mich das Versagen des Sozialstaates, der durch eine promovierte frühere FDJ-Sekretärin fortführend mit Hilfe des Spät-Outers WW demontiert wird.

    Die Tafeln sind keine Hilfe und bestimmt keine Lösung für das, was HARTZ den Armen der Gesellschaft „beschert“ hat: noch mehr Armut. Die Tafeln haben die Armut etabliert, die Armut sozusagen gesellschaftsfähig gemacht.

    LIDL & Co verwenden sich nicht nur aus reiner Nächstenliebe für die Tafeln, sondern die Abgabe an die Tafel spart schlicht die Kosten der Entsorgung. Den wenigsten ist bekannt, dass die Tafel-„Bewegung“ von McKinsey gesponsert werden. Ein jeder, der weiss, womit sich diese Unternehmensberatung und Rating-Agentur beschäftigt, ahnt den unsozialen Beweggrund.

    Gerd Flegelskamp meint zu den Tafeln unter anderem

    Es mag paradox klingen, aber ich halte die Tafeln für schädlich und betrachte ihre Notwendigkeit ohnehin als einen Schandfleck für die Politik, die Wirtschaft und das Kapital. Die Existenz der Tafeln ist der Beweis, dass die Primitivität der so genannten „oberen Zehntausend“ unverändert geblieben ist, völlig losgelöst von ihrer Bildung, vorhandenen Titeln und ihrem Auftreten. Sie sind einfach nur roboterhafte Egomanen, ohne jede Ethik und Moral. Ich sehe in diesem Zusammenhang auch die intensiven Bemühungen von Schäuble zur Überwachung und zu seinen Plänen mit der Bundeswehr. Ein Aufstand der Bevölkerung wurde stets mit militärischen Mitteln niedergeschlagen und mögliche Vorbereitungen für ein solches Aufbegehren sollen durch die komplette Überwachung der gesamten Privatsphäre bereit im Vorfeld erkannt und mögliche Rädelsführer frühzeitig ausgeschaltet werden. Schäuble hat keine Angst vor Terrorismus, sondern Angst vor einem erwachenden Michel, eine Angst, die er mit seinen Brüdern im Geiste Schily und Wiefelspütz teilt.

    Dem ist nicht nicht mehr viel hinzuzufügen, ausser noch einem Link bei TELEPOLIS von bereits 2005.

  2. Bundesdemokrat sagt:

    Dem kann man nur recht geben. Ein Beispiel gibt es jetzt wieder in Ahlen. Dort wird dem Forum gegen
    Armut für die nächsten 5 Jahre jährlich ein Betrag von
    35000,- €uro zugesagt. Zahlbar von der Stadt Ahlen. Wenn dieses Geld also vorhanden ist, könnte man es auch ohne Umwege an die Arbeitslosen verteilen. Aber nein, es muss ja noch etwas für Miete, Strom Bürokram und so weiter sinnlos verpulvert werden. dort verdienen ebenfalls andere an der Armut mit. Und die Menschen haben wieder nicht die Möglichkeit für sich zu entscheiden wie sie am Leben teilhaben möchten. So bleibt alles schön beim alten und alle bleiben weiterhin am Gängelband der Politk.

  3. Ingo Engbert sagt:

    # 2
    Auch bei den Tafeln gibt es Festanstellungen, also Menschen welche an dem Elend der anderen verdienen. Wenn in den Städten Gelder verteilt werden, wurden diese zuvor für Mieten usw. bei der gleichen Klientel einbehalten. Mit diesen Zahlungen fördert man direkt einen weiteren Abbau des Sozialstaates und erhält damit eine bessere Kontrolle über die Bevölkerung. Auf Almosen Angewiesene sind treue und zuverlässige Wähler und Klackeure.
    Eine Hand welche füttert, wird nicht gebissen.

  4. Beate sagt:

    Hierzu passt auch:

    Es ist gut, dass es im Krieg Ärzte gibt, die sich um die Verletzten kümmern.
    Besser wäre es, es würde keine Kriege geben.

  5. Gabriel van Helsing sagt:

    Ich habe mich in anderen Blogs zu den Tafeln oder Sozialkaufhäuser sehr kritisch geäußert.
    Daher begrüße ich es, dass sich ALDI als ein Discounter, an dieser Weitergabe von Sondermüll nicht beteiligt.
    LIDL ist noch ganz stolz darauf, dass Käufer auf ihr Leergutgeld, Anonym verzichtet.

    Der Bundesverband der Tafeln ist straff struckturiert, dass sogar schon der Name „Tafel“ eine Wortmarke darstellt. Unterorganisatoren müssen für diese Wortmarke Tantiemen bezahlen.
    Und wer hilft hier nicht ganz uneigennütz, die Beraterfirma R. Berger.

    Auch die Kirchen machen diese Abfallverwertung nicht ganz uneigennützlich.
    Da immer weniger Schäfchen Kirchgänger oder Kirchensteuerzahler sind,
    kann man diese Klientel über diesen Weg erreichen.

    Für mich sind diese Tafeln und Sozialkaufhäuser für einen Sozialstaat unwürdig, ich finde sie widerlich.

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