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Sprache und Geschlecht

Erstellt von DL-Redaktion am Mittwoch 1. Mai 2019

Die Wirkungsmacht der Literatur

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Pünktlich zum Weltfrauentag am 8. März setzten zahlreiche Männer und einige Frauen ihre Namen unter Aufrufe gegen gendergerechte Sprache. Den Anfang machte eine Onlinepetition, zu deren Erstunterzeichnenden der mit der Identitären Bewegung fraternisierende Autor Matthias Matussek und der seit 2017 in rechtem Fahrwasser segelnde Ingeborg-Bachmann-Preisträger Uwe Tellkamp gehören.

Der Verein für deutsche Sprache legte zwei Tage später nach mit einem von der Schriftstellerin Monika Maron gemeinsam mit dem Sprachkritiker Wolf Schneider und anderen initiierten Aufruf, unterschrieben unter anderem von der Autorin Sibylle Lewitscharoff, die dank der Kinderwunschmedizin geborene Kinder als „kleine Monster“ bezeichnet hat. Sie alle tun, als gehe es um den Verlust des Abendlandes, das in einem Meer von Gendersternchen zu versinken drohe.

Warum gerade jetzt? Vielleicht aus einer Art Torschlusspanik heraus, weil sich nach Jahrzehnten abzeichnet, dass es bald nicht mehr darum gehen könnte, aus sicherer Herrenperspektive gönnerhaft „etwas für Frauen zu tun“, sondern dass Frauen und sexuelle Minderheiten längst selbst bestimmen – nicht zuletzt, da das Bundesverfassungsgericht kürzlich mit der „Dritten Option“ den Auftrag erteilt hat, geschlechtliche Diversität anzuerkennen.

Bislang war die germanistische Zunft meist die Letzte, gesellschaftliche Umbrüche zu kapieren und sich dazu zu verhalten – nun tun es ausgerechnet ihre konservativsten Kräfte, die nicht ertragen können, dass neue Teilhabe auch bedeutet, dass die bisherige Deutungsmehrheit Privilegien verliert.

Einerseits könnte man es bei dieser Erkenntnis bewenden lassen und die Aufrufe als Pro­blem vornehmlich alter Menschen nehmen (Maron, Krauss und Krämer sind vor 1950 geboren, Schneider ist Jahrgang 1925), denen es immer schwerer fällt, Gewohnheiten zu ändern. Doch es geht um mehr. Unsere Welt wird durch Sprache gemacht und durch sie verändert. Nur wer sprachlich anwesend ist, hat eine Stimme. Wer keine Stimme hat, bleibt ohne Teilhabe.

Mit Literatur die Sprache umgestalten

Wir stehen daher vor dem größten Umbruch seit Luthers Bibelübersetzung. Für die Etablierung gendergerechter Sprache braucht es Vorschläge schreibender Menschen, die diese kreative Chance – das Gendersternchen ist ja nur eine Möglichkeit von vielen – begreifen. Sie haben die Macht, und sie stehen in der Verantwortung, mit ihrer Literatur die Sprache umzugestalten. An zeitgenössischer Literatur kommt schließlich auch eine reaktionäre Sprach- und Literaturrezeption nicht vorbei.

Bürokratisch genaue Sprache hat Vorzüge. Doch schön wie auch kulturell wirksam wird sie erst durch Dichtung, wie in der Genese einer deutschen Literatursprache aus dem Kanzleideutsch im sprachgeschichtlich atemberaubend kurzen Zeitraum zwischen 1670 und 1770 nachzulesen ist. Damals entstand die Sprache Wielands, Goethes und Schillers, die wir im Prinzip bis heute schreiben.

Diese Sprache ist durch ihre Protagonisten eine der männlichen Stimme. An ihr verzweifelten jahrzehntelang Frauen in der Literatur – Autorinnen wie Irmgard Keun oder Ingeborg Bachmann, die in „Malina“ versuchte, für weibliche Wahrnehmung eine weibliche Stimme zu finden. Wie sollte da angesichts dieses über Jahrhunderte gewachsenen Ungleichgewichts geschlechtergerechte Sprache über Nacht oder mit nur einer Maßnahme erreicht werden?

Um die Zukunft der Sprache zu entwerfen, ist es zunächst wichtig, das Fundament der aktuellen Angriffe zu verstehen. Denn auch diese gründen auf Literatur.

Verrat des „Deutschen“

Antigenderismus kommt nie allein, sondern sprießt mit Nationalismus und Antisemitismus aus gemeinsamer Wurzel. Für diese Erkenntnis brauchte es Pegida und die AfD nicht. Ein solches Gedankengut war in Deutschland immer da: Nach dem Fall der Mauer in Gesamtdeutschland, vor dem Fall der Mauer in Ost und West, nach 1945, vor 1933. Nach 1871, vor 1871, nach 1848 und vor 1848; gravierend ab 1819, spätestens ab 1772.

Just die Rechte hatte dabei stets ein besonderes Vertrauen in die Wirkungsmacht der Literatur. Als Bezugstexte fallen immer wieder dieselben Namen: Botho Strauß und Ernst Jünger, Adalbert Stifter, mitunter der Mussoliniverehrer Rilke und das Arsenal der nationalromantischen Dichter.

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Verrat des „Deutschen“ warfen bereits die Mitglieder des Göttinger-Hain-Bundes Christoph Martin Wieland vor. Sein „vaterlandsloser“ Internationalismus (der Begriff der „Weltliteratur“ stammt ursprünglich von Wieland), seine Frankophilie und seine sexuell aktiven Frauenfiguren führten 1772 zu einer der ersten politisch motivierten Bücherverbrennungen der deutschen Geschichte. Denn Wielands Figuren Lais („Aristipp und einige seiner Zeitgenossen“) und Danae („Geschichte des Agathon“) sind Hetären, gebildete und unabhängige Edelprostituierte der Antike und zugleich Schöne Seelen.

Quelle        :       TAZ        >>>>>>         weiterlesen

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Grafikquellen      :

Oben       —          Old book bindings at the Merton College library.

Source Galerie Bassenge
Author „Sprick“

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