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Schlagloch: Witzle gmacht

Erstellt von DL-Redaktion am Mittwoch 7. Oktober 2020

Jede Gesellschaft hat die Witzordnung, die sie verdient

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Von Georg Seeßlen

Als wir noch die Isarindianer waren, zogen wir uns gelegentlich unter einen Brückenbogen zurück, um geheime und seltsame Nachrichten aus der Welt der Erwachsenen auszutauschen, die meisten von ihnen in Form von sogenannten Witzen, von denen man nicht zugeben durfte, nicht zu verstehen, worum es überhaupt ging. Die besten hatten natürlich den Pumucklfaktor: Das reimt sich, und was sich reimt, ist gut. Einer davon ging so und war sehr beliebt: „Ich kenn an Witz vom Onkel Fritz. Die Weiber haben vorn an Schlitz.“

Aufgewachsen in einer nur peripher katholischen, frauenstarken Familie konnte ich mit gesicherten anatomischen Kenntnissen kommen: Das ist gar kein Witz, die haben wirklich einen … Solch aufklärerischer Einspruch kam bei meinen mehr oder weniger roten Brüdern schlecht an. Vielleicht fürchtete man auch, jenen geheimnisvollen Onkel Fritz zu kränken, den alle außer mir zu kennen schienen. Damals wusste ich noch nicht, dass eine Aussage in einer Gruppe weniger ihrem Wahrheitsgehalt als vielmehr dem Zusammenhalt der Gruppe selbst zu dienen hat.

Außerdem war mir nicht klar, was an einem „Schlitz“ zum Lachen sein sollte. Ich hätte selbst gern einen gehabt, statt dieses Schwanzes, der, zugegeben, beim Draußenbieseln Vorteile zeigte. Aber ansonsten fand ich einen Schlitz einfach schöner. Jedenfalls bis zu dem Tag, an dem eine Tante, man pflegte damals Eierlikör zum Nachmittagskaffee zu servieren, von den Anstrengungen und Schmerzen berichtete, die man beim Kinderkriegen durch eben diesen Schlitz erdulden musste. Da war ich doch ganz froh, bloß einen Schwanz zu haben. Man könnte wohl mit Fug und Recht behaupten, ich wäre aus bloßer Feigheit ein Mann geworden, wenn es Natur und Gesellschaft nicht eh so vorgeschrieben hätten.

Gelacht wurde natürlich auch bei Kaffee, Kuchen und Eierlikör. Meistens über Männer. Das war die Basis der Witzproduktion, so schien es. Frauen machen Witze über Männer, und Männer machen Witze über Frauen. Vor allem wenn die anderen gerade nicht zuhören. Ganz ähnlich verhielt es sich offenbar mit „politischen“ Witzen. Man macht Witze über die Bürgermeister, die Polizisten, das Finanzamt, die Regierung, aber nur, wenn von denen niemand zuhört. Und „Vorgesetzte“ oder „Amtspersonen“ machen Witze über die Leute, die sie verwalten und kontrollieren. Patienten machen Witze über Ärzte, und Ärzte machen Witze über Patienten. Lehrer machen Witze über Schüler, und Schüler machen Witze über Lehrer. Immer wenn die anderen nicht dabei sind. Jede Gesellschaft hat die Witzordnung, die sie verdient.

„Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten“, so lautet der Titel einer Untersuchung von Sigmund Freud, und darin wird deutlich, dass Witzemachen ein manchmal notwendiges Instrument der Sublimation durchaus widersprüchlicher Impulse ist. In Witzen sind Wünsche und Ängste verwoben, die man sich „im Ernst“ kaum zu äußern wagte. Dabei ist die „Zote“, so sagt es Freud, ein konspirativer Akt von Männern in Bezug auf abwesende Frauen.

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Hier öffnet sich auch ein Feld, das Sigmund Freud aus fachlichen Gründen weniger interessierte, nämlich der Witz und seine Beziehung zum Bewusstsein. Das heißt zu Macht, zu Interesse, zu Ideologie. Man kann Witze sowohl als kommunikative Endprodukte von Traumarbeit ansehen wie als Urformen von Propaganda und „Überzeugung“. Nationalismus, Rassismus, Sexismus und Klassismus äußern sich als Erstes in Form von Witzen. Wer das nicht glaubt, braucht sich nur die „Chatrooms“ der rechtsextremen Polizistinnen und Polizisten ansehen, die gerade aufgefallen sind. Zugleich ist der Witz auch hier noch ein Entschuldungsraum. War doch nur ein Witz. Wesentlich aber ist beim Witz als bewusst eingesetztes Instrument, dass jemand davon getroffen werden soll, den man zum Zuhören zwingen kann, und der sich möglichst nicht wehren kann.

Quelle       :          TAZ        >>>>>        weiterlesen

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Grafikquellen       :

Oben     —      Relief “Ludwigs Erbe” by Peter Lenk, close to Zollhaus and tourist information, Hafenstraße 5, Ludwigshafen am Bodensee, Bodman-Ludwigshafen in Germany: Right-hand part of the triptych, from left to right: Hans Eichel, Gerhard Schröder, Angela Merkel, Edmund Stoiber and Guido Westerwelle

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