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SARS-CoV-2-Ökonomie

Erstellt von DL-Redaktion am Samstag 21. März 2020

Das Sozialsparprogramm einer Regierung ?

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Quelle    :    Scharf  —   Links

Von Matthias Nomayo

In allen Medien auf allen Kanälen gibt es nur noch ein Thema: Corona-Virus. Damit verbunden klingt ein zweites Thema mit an: Was passiert mit den vielen kleinen Freiberuflern und Kleinunternehmern, deren Geschäft nun auf Null heruntergefahren ist, deren Betrieb aber faktisch der Bank gehört, deren Zins- und Tilgungsforderungen nun nicht mehr bedienbar sind?

Was passiert mit tausenden von Menschen, die nun in das Problem rutschen, die Monatsmiete nicht mehr bedienen zu können? – Nun dieses zweitere Thema klingt an, wird aber in den Mainstream-Medien schnell erledigt mit der Wiedergabe großer Versprechungen der Regierenden und dem Aufruf zur Geduld und – plötzlich ist das Wort wieder salonfähig – zur Solidarität. Gemeint ist natürlich nicht, von den Banken und großen Immobiliengesellschaften Solidarität zu fordern, in der Form eines Zins- / Tilgungs- und Miet- /Pacht- Moratoriums … . Nun gut, das alles ist nicht wirklich neu und wird in jeder Krise so abgespult. Das gilt auch für die Überreaktionen, vom Kleinreden des Pandemie-Problems, um herauszustellen, wie menschenverachtend dieses nun schon wieder ökonomisch ausgenutzt wird für diverse „Marktbereinigungen“, bis hin zum genauen Gegenteil mit apokalyptischen Szenarien und Verschwörungstheorien aller Art.

Meinen eigenen Senf dazu starte ich erstmal mit schnöder Mathematik (wer damit nichts am Hut hat, kann den Absatz auch überspringen):
Die Modelle, auf die sich die verschiedenen Experten derzeit berufen, beruhen auf einer simplen Überlegung: Die Geschwindigkeit, mit der die Anzahl der Infizierten wächst, ist abhängig von der Menge der bereits Infizierten sowie (in der Endphase der Kurve) von der Anzahl der noch nicht Infizierten. Somit wird im Anfangsstadium (da sind wir noch) die Anzahl der Infizierten entlang einer Exponentialfunktion anwachsen. Der Zeitraum t2 für eine jeweilige Verdopplung der Anzahl Infizierter kann empirisch ermittelt werden (sie lag zu dem Zeitpunkt von ca. 1000 Infizierten in Deutschland bei ca. 2,1 Tagen). Für die exponentielle Entwicklung im Anfangsstadium gilt dann: f(t) = f0 * exp(k*t) mit f0 als Startwert der Anzahl Infizierter zum Zeitpunkt t=0, dem Funktionswert f(t) als Anzahl Infizierter nach einem Zeitraum t und k = ln(2)/t2. (t2 = 2,1 d eingesetzt ergibt für k = 1/3, in der Einheit „reziproke Tage: d^-1“). Im weiteren Verlauf weicht die Kurve allerdings von der ursprünglichen Exponentialfunktion ab und der Anstieg verflacht sich zu einer insgesamt „sigmoidalen“ Kurve (= S-förmige Kurve) bis zum Maximum, wenn alle infiziert sind. Diese Kurve erhalten wir durch die Lösung der folgenden kinetischen Differentialgleichung (die simple Anfangsüberlegung als Gleichung formuliert): df(t) = k*f(t)*(N-f(t)). N ist dabei die Gesamtzahl der Gruppe (z.B. Bevölkerung BRD: 82000000 Menschen). Eine Lösung dieser Gleichung lautet: f(t) = N/(1+exp(-k*(t-tm)). Der Parameter tm ist der Zeitpunkt des steilsten Anstiegs der Kurve (Wendepunkt). Er ergibt sich aus der Anfangsbedingung f0 = 1 (wir starten die Kurve bei einem Infizierten). Diese Anfangsbedingung ist erfüllt für N = 1 + exp(k*tm). Somit berechnet sich der Parameter als: tm = ln(N-1)/k. Gehen wir nun davon aus, dass jeder Infizierte für einen Zeitraum ta als Virenverteiler in Frage kommt (derzeit wird von 14 Tagen ausgegangen = Quarantäne-Zeitraum) und danach immun (oder tot) ist, so läßt sich die Funktionsgleichung dadurch vervollständigen, dass man den Term der nicht mehr Infizierten (eine identische Kurve, die auf der Zeitskala um den Zeitraum ta verschoben ist) von dem bisherigen Funktionsterm abzieht. Wir erhalten:

f(t) = N/(1+exp(-k*(t-tm)) – N/(1+exp(-k*(t-ta-tm)).

Diese Funktion läßt sich nun z.B. leicht in eine Excell-Datei einflechten, so dass jeder selbst damit spielen kann und Entwicklungen bei Veränderung der gegebenen Parameter hochrechnen kann. Soweit erstmal mein Beitrag zur Versachlichung der Diskussion und zur Basis meiner eigenen Argumentation.

Die bevorstehende Situation ist alles andere als harmlos. Setzt sich die bisherige Entwicklung ungebremst fort, so erleben wir ausgehend von derzeit ca. 14000 registrierten Infizierten in der BRD in ca. 33 Tagen das Maximum der Kurve bei ca. 67000000 Infizierten, entsprechend 82% der Gesamtbevölkerung. Da käme kein Gesundheitssystem mehr mit und deshalb würde auch die Sterblichkeitsrate deutlich ansteigen. Weltweit ergibt sich derzeit ein Verhältnis von ca. 3% Verstorbene bezogen auf die Anzahl der Infizierten. Bei einem Zusammenbruch des Gesundheitswesens könnte diese Zahl noch deutlich höher ausfallen, z.B. den derzeitigen „Italien“-Schnitt von ca. 7% erreichen (wobei einschränkend angemerkt werden muss, dass dort eine Verzerrung der Zahl vorherrschen könnte, weil auch die Registrierung der Infizierten faktisch zusammengebrochen ist). Beide Zahlen angewandt auf das obige BRD-Szenario entspräche das ca. 2 Mio. bzw. 4,7 Mio. Toten innerhalb der nächsten 33 + 14 Tagen. – Man kann also über die bisherigen (noch viel zu wenig) restriktiven Maßnahmen (die wohl auch schon viel zu spät erfolgen) motzen und (sicher nicht zu Unrecht) befürchten, dass der Überwachungsstaat dabei lernt, sich zu perfektionieren, aus meiner Sicht gibt es zu diesen Maßnahmen aber grundsätzlich keine Alternativen. Sicher kann an der einen oder anderen Stelle über die Effizienz der Ausgestaltung (hoffentlich konstruktiv) diskutiert werden, z.B. sollte m.E. tatsächlich eine Schwerpunkt-Quarantäne / Testung / Versorgung der besonderen Risiko-Gruppen erfolgen. Ebenso wird man möglicherweise sogar darüber nachdenken müssen, inwieweit man positiv getestete aber symptomlose Einsatzkräfte für den beschwerdefreien Zeitraum (auf freiwilliger Basis) mit nachweislich Infizierten weiter arbeiten lassen kann. … Wie sähe derzeit ein Szenario aus, bei dem die Maßnahmen greifen und durch rigorose Einschränkung der Sozialkontakte der Zeitraum der Verdopplung der Fallzahlen auf 21 Tage gestreckt werden könnte? – Zunächst müssen wir davon ausgehen, dass es bis zu 14 Tage dauert, bis wir den Effekt bemerken, ebenso wie wir realistisch davon ausgehen müssen, dass der derzeit registrierte Stand von ca. 14000 dem Infizierungsgeschehen von bis zu vor 14 Tagen entsprechen könnte. Worst case: Die Kurve steigt ab jetzt noch 14 Tage weiter ungebremst an auf ca. 1,6 Mio. Infizierte (!), danach greifen die Maßnahmen und der weitere Anstieg bis zum Maximum bei 9,5 Mio. verzögert sich auf 106 Tage Zeitraum (von jetzt an gerechnet). – Es kann also sein, dass sich herausstellt, dass wir viel zu lahm reagiert haben, zu vorschnell auf keinen Fall. Aber auch, wenn die Kurve jetzt und sofort auf die Maßnahmen reagieren würde (Streckung der Verdopplungsdauer auf 21 Tage), hätten wir ein Maximum von 9,5 Mio. zu erwarten, dann allerdings erst in 238 Tagen. Ob das reichen würde, um die Versorgungslage anzupassen, ist immer noch fraglich. Es braucht also niemand mit dem Finger auf Italien zeigen, wir werden hier höchstwahrscheinlich die gleichen (und in beiden und weiteren Staaten) noch heftigere Eindrücke zu spüren bekommen. Die letzten Hoffnungen ruhen daher auf einem neuen Impfstoff und auf (schnell) wirksamen neuen Medikamenten. – Ach, und dann war da noch der „verharmlosende“ Grippe-Vergleich: Wer ihn anstellen möchte, vergleiche bitte mit der Situation ohne Impfstoffe und Medikamente bei der „spanischen Grippe“, die während der Zeit des 1. Weltkrieges tobte. Harmlos war das nicht, was da abging.

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Boah ey, ein ewiger Text bis ich endlich zur Ökonomie komme, wie in der Überschrift angekündigt: Wir haben es, wie wir es drehen und wenden wollen, mit Szenarien zu tun, die alle betreffen und die sich auch noch über einen Zeitraum von 2 Jahren hinziehen könnten. Für die Ökonomie, wie sie bisher aufgestellt ist, wird das ein herber und wohl auch für längere Zeit nachwirkender Schlag. (Ob der dann wenigstens gut fürs Klima sein wird, sei dahin gestellt: Zunächst produzieren wir wahrscheinlich demnächst tatsächlich weniger Treibhausgase, wahrscheinlich bremsen wir aber ab jetzt aber auch (wieder) jede fortschrittliche Entwicklung in Richtung Nachhaltigkeit.) Warum kann eigentlich eine Ökonomie nicht einfach mal Pause machen? – Wir produzieren und verteilen für einen bestimmten Zeitraum erstmal nur das absolut Notwendige und setzen all die frei werdenden Kräfte da ein, wo sie im Katastropheneinsatz dringendst gebraucht werden. Im kapitalistischen System undenkbar: Die Zinsen / Tilgungen / Mieten / Pachten laufen weiter. Wer nicht zahlen kann, ist raus. Die Unternehmen wollen weiter Gewinne machen. Wenn das nicht mehr geht, dann tschüß! … Mit systemkonformen Mitteln ist das nicht zu bremsen. Einfach die Geldhähne aufzudrehen, bis am Ende sogar unten noch was ankommt, könnte – kaum vorstellbar – in eine galoppierende Inflation münden, wie man das aus dem letzten Jahrhundert kennt. Nein, ich denke es bedarf einer nicht systemkonformen staatlichen Intervention. Erstens: Sofortiges Moratorium für alle Zinsen, für Tilgungen auf Bankkredite und Leasing, sowie für alle Mieten und Pachten, dazu Kündigungsschutz bis auf einen noch unbefristeten Termin. – Diese Maßnahme sichert erst einmal den jeweiligen Statusquo im Sinne eines Stillstandes. Zweitens: ab sofort bedingungsloses Grundeinkommen für alle, zur Sicherung einer Grundversorgung und Vermeidung von Notverkäufen zwecks Überlebens. Abzug des Grundeinkommens von der Einkommensteuer aller, die noch über andere Einkommensarten verfügen. Drittens: Moratorium bei den Sozialversicherungsbeiträgen und freie Heilfürsorge. Viertens: Moratorium für Kündigungen von Arbeitnehmern, dafür aber keine Kurzarbeitregelungen bei wegfallender Beschäftigung (zwischenzeitlich Grundeinkommen). Fünftens: Einführung einer Vermögenssteuer und Anhebung der Besteuerung hoher Einkommen, zwecks zumindest teilweiser Gegenfinanzierung der öffentlichen Maßnahmen. Sechstens: Ausrufung des Katastrophenfalls mit Möglichkeiten der vorübergehenden Beschlagnahmung von Immobilien und Gütern sowie deren Bewirtschaftung, bzw. Deckelung von Preisen, und Einberufung von Menschen zum Katastropheneinsatz. – das volle Programm! Abgerechnet muss hinterher werden. Solche Maßnahmen wären zwar hart und einschneidend, dafür aber würden sie erstens die Grundversorgung sichern und zweitens die „Systemfrage“ verschieben, bis die Katastrophe ausgestanden ist, ohne dass zwischenzeitlich irreversibel Tatsachen geschaffen werden, insbesondere in Form einer „kalten“ Enteignung der „kleinen“ Leute.

Mir ist schon klar: so wird es wohl nicht kommen.

Versucht alle, möglichst gesund zu bleiben! Mit solidarischem Gruß!

Matthias Nomayo

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