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RENTENANGST

Querdenker in Ravensburg

Erstellt von DL-Redaktion am Montag 27. Juli 2020

Fischen im Trüben

File:Ravensburg Rutenfest 2005 Landsknechte Schützenumzug.jpg

Landsknechte – so nannten sich früher die Uniformierten Totschläger

Von Made Höld

Oberschwaben entwickelt sich zum Hotspot der Coronakritiker. Am kommenden Sonntag sollen sich 4.000 in Ravensburg treffen, ausgerechnet am Tag des Rutenfests. Das wurde wegen der Pandemie abgesagt.

Während bundesweit die Zahlen zurückgehen, fragt man sich schon, wie es sein kann, dass Ravensburg, eine Stadt mit gerade mal 60.000 Einwohnern, das Epizentrum aller Corona-Kritiker werden könnte. Sogar ein Gerichtspräsident sei dabei gewesen, hat die Zeitschrift „Cicero“ entdeckt, und der neurechte Vordenker Götz Kubitschek, der Björn Höcke gut findet, komme auch aus Ravensburg.

Zunächst fällt auf, dass die Szene schon sehr früh sehr rührig war. Da trafen sich anfangs Alternative, Linke, Weltverschwörer und vor allem Impfgegner. Bundesweit wurden ihre Clips von ihren Veranstaltungen im Internet gepostet und geliked – überwiegend von Reichsbürgern, AfD-Anhängern und Nazis – und dies ohne jegliche Gegenkommentare seitens der Veranstalter. Schnell wuchsen die Kundgebungen auf 2.000 TeilnehmerInnen, angereist auch aus benachbarten Landkreisen. Den Autonummern sei Dank.

Nun plant das erweiterte Veranstaltungsgremium, dem mittlerweile neben den Impfgegnern auch gut situierte Anwälte, Ingenieure und sonstige Freiberufler angehören, eine große Hygienedemo am kommenden Sonntag, 26. Juli, mit bis zu 4.000 Menschen. Als Star- beziehungsweise Gastredner soll Michael Ballweg auftreten, Mitbegründer der Initiative „Querdenker 711“, IT-Unternehmer und selbsternannter OB-Kandidat in Stuttgart. Er pflegt gute Kontakte zu den beiden führenden Verschwörungstheoretikern Bodo Schiffmann und Bodo Schickentanz. Seit Beginn sind die „Querdenker“ eng verbandelt mit der sogenannten Mitmach-Partei „Widerstand 2020“, die durchaus offen ist für rassistisches und antisemitisches Gedankengut.

Der Termin zumindest ist clever gewählt. Eigentlich sollte das Rutenfest am Wochenende über die Bühne gehen – für die meisten Ravensburger ein absolutes Muss. Ein Heimatfest, das sich von vielen anderen dadurch abhebt, dass es einen Tick elitärer und frauenfeindlicher ist. So dürfen Frauen bei den meisten Trommlerkorps nicht teilnehmen, auf einen Adler dürfen sie erst schießen, wenn die Männer ihren Wettbewerb beendet haben. Außerdem haben nur Gymnasiasten die Möglichkeit, beim Adlerschießen mitzumachen, die anderen werden mit zweitrangigen Wettbewerben abgespeist.

Ballweg & Co. locken mit dem Ruf der Trommler

Aber dieses Jahr ist alles anders. Wegen Corona wurde die Riesenfete komplett abgesagt. Zum Ärger vieler. In diesem konservativen Umfeld sehen nun die Veranstalter der Hygienedemo die große Chance, viele MitstreiterInnen zu akquirieren, die ihrem Frust über die Absage des ach so geliebten Heimatfestes freien Lauf lassen. Um der Kundgebung einen Ersatzfestcharakter zu verleihen, wurde sie gleich von 14 bis 22 Uhr angemeldet und mit den Worten „Ruf der Trommler“ und „Umzug“ beworben.

File:Ravensburg Rutenfest 2005 Festzug Trommlerkorps.jpg

Dies ärgert die Stadt Ravensburg ungemein. Hatte sie doch erst in der vergangenen Woche eine Resolution zwischen Gemeinderat und Schülerrat verabschiedet, die festhielt, dass alle Festivitäten zu unterbleiben haben. Diesem Statement schlossen sich auch alle Trommlergruppen an. Und nun das: eine Hygienedemo, die die Stadt nicht will, aber auch nicht verbieten kann, die das Zeug dazu hat, ein Alternativ-Event zu werden. Die Veranstalter haben bereits angekündigt, Teilnehmer mit Bussen aus der gesamten Region heranzukarren.

Simon Blümcke, der Erste Bürgermeister der Stadt, ist hörbar sauer. Anstatt sich über „unsere kollektive Leistung“ bei der Corona-Abwehr zu freuen, sagt er, würden Fakten von den Demonstranten „schlicht ignoriert“. Ein Blick ins Ausland würde doch genügen, empfiehlt er und schließt mit dem Seufzer, dass ihm lebende Demonstrierende lieber seien als „sich stapelnde Särge vor unseren Krankenhäusern.

Quelle        :       KONTEXT-Wochenzeitung       >>>>>         weiterlesen

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Grafikquellen      :

Oben     —     Ravensburg, Germany: Rutenfest, Die „Landsknechte“ („Alte „Spohngruppe“) beim Altschützenumzug am Rutensonntag

Author Photo: Andreas Praefcke       /    Source      –    elf-photographed

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Unten      —     Ravensburg, Germany: Rutenfest, Festzug am Rutenmontag, Trommlerkorps der Gymasien

Author Photo: Andreas Praefcke     /   Source   —   Self-photographed
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Ein Kommentar zu “Querdenker in Ravensburg”

  1. Stefan Weinert sagt:

    Ein guter Beitrag zu einer unguten Entwicklung. Als Ravensburger Bürger und „Zeitzeuge“, möchte dazu folgendes ergänzen und bemerken: Sonntag, 26.07.2020 um 13:25 Uhr. Ich wohne auf der Stadtgrenze Weingarten/Ravensburg. Und tatsächlich, obwohl viele und auch ich den Bürgermeister Blümcke gebeten hatten, die Demo abzusagen oder auf 500 Teilnehmer zu begrenzen, höre ich sie, die Trommeln aus Richtung Weingarten. Aus meinem Dachfenster habe ich Ausblick auf die B 32, die Hauptverkehrsader zwischen beiden Städten. Zunächst ein Polizeifahrzeug (also unter dem Schutz des Staates und mit seiner Genehmigung), dann ein LKW mit Trommlern an Bord, dazu über Lautsprecher „Wir sind wir – wir sind laut – weil man uns die Freiheit klaut“. Mit Verlaub, das ist auf deutschen Straßen im Corona-Jahr 2020 auch in Ravensburg einfach nur krank. Dann schätzungsweise 300 bis 350 Menschen, die das und „Wir fahren nach Berlin, wir fahren nach Berlin“ (1.8.20) nachgröhlen. Ich meine – wenn schon – dann hätte es gegen 22 Uhr sein müssen – als Fackelzug durch das „Ravensburger Tor“. Was da geschieht, ist eine Verhöhnung des deutschen Rechtsstaates, die er sich – wie auch 1932 – gefallen lässt und noch schützt. Sehr wohl gibt es auch am deutschen Rechtsstaat einiges zu kritisieren – aber das, was die politisch Verblendeten sich hier leisten, geht viel zu weit. Demnach wird also die Massendemonstration ohne strikte Einhaltung der Schutzmassnahmen stattfinden. Ich klage Sie an, Herr Bürgermeister Blümcke, weil Sie mit Ihrer laschen, laissez fairen und uneinsichtigen und mutlosen Amtsführung als Leiter der Ortspolizeibehörde versagen und das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit anderer nach Art. 2,2 GG missachten. Diese muss immer Vorrang vor vermeintlicher „Freiheit“ haben.

    Was die Teilnehmerzahl auf der abschließenden Versammlung auf dem Freiheits-Gelände vor der Oberschwabenhalle anbetrifft, waren es nach Angaben der Polizei 3.500 (SWR), während ich in der Zeitung von 3.000 Menschen lese. Wie auch immer: Weder die aufziehenden (das allerdings konnte ich klar erkennen) noch die dann versammelten Demonstranten (Bilder im Netz) trugen einen Mund/Nasen-Schutz. Wäre ja auch ein konterkarierende Aktion, wo doch auf einem der Protestschilder groß zu lesen war. DENKPFLICHT statt MASKENPFLICHT.

    „Meiner Meinung nach sind wir alle mündige Bürger, die (wir) uns freiwillig einsetzen können für die anderen, und da gehören die Grundrechte immer gewahrt.“ Das sagt eine Teilnehmerin ohne zu wissen, dass auch ich mich für mündig halte, mich freiwillig ohne Kostenentschädigung für andere einsetze – und sie mein Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit gar nicht kennt. Auf ihren freiwilligen Einsatz verzichte ich. Ach so, ich vergaß, dass es Corona und Covid-19 ja gar nicht gibt. Wenn das ein Pastor im Namen Gottes, der von Abstandhalten nie hat etwas verlauten lassen sagt, muss es wohl stimmen. Dieser Christian Stockmann ließ im März 2020 folgendes verlauten: „Pastor Christian Stockmann ruft in einem Video seiner „Mandelzweig“-Gemeinde offen zum Rechtsbruch geltender Gesetze auf. Seit dieser Woche sind Ausgangsbeschränkungen zur Eindämmung der Verbreitung des Coronavirus in Kraft, die bei Zuwiderhandlung geahndet werden können. Diese Maßnahmen seien „Wahnsinn“ und dienten nur als Test zur Manipulation der Massen in der Endzeit. (Anmerkung von mir: Mit „Endzeit“ ist die biblische Apokalypse Armageddon gemeint, die der Wiederkehr des Jesus Christus vorausgeht). Die Krone setzt der Prediger seinen Auslassungen auf, indem er die Gesetze zur Pandemiebekämpfung mit der Verpflichtung zum Zeigen des Hitlergrußes im Dritten Reich vergleicht – und diesen auch demonstriert. „Wenn du einer von denen sein willst, die die bösen Herrschaftssysteme dieser Welt zum Einstürzen bringen, dann musst du auch bereit sein, dich ganz bewusst nicht an die Gesetze und Vorschriften des Landes zu halten“, beginnt Pastor Christian Stockmann seine Predigt. Er gehört zum „Bund freikirchlicher Pfingstgemeinden“.
    >>> Unbedingt weiterlesen samt den Kommentaren hier: https://hpd.de/artikel/evangelikaler-pastor-ruft-zum-widerstand-gegen-staatliche-corona-massnahmen-17889

    Der arme Jesus; wäre er nicht auferstanden, würde er sich unaufhörlich im Grabe umdrehen. Derweilen ich mich mit meiner persönlichen Meinung zu den Grundrechtedemos (siehe die erste Mail) mehr als bestätigt sehe. Ja, es ist schlimmer, als ich es dachte. Man darf gespannt sein, ob Teilnehmer/innen der Demo sich öffentlich von diesem „Baalspriester“ distanzieren und zur Vernunft kommen, oder ob sie weiter um das „Goldene Kalb“ = ihr eigenes EGO tanzen. Jedenfalls haben sie sich einen 3.000-fachen Bärendienst erwiesen und gezeigt, dass sie weder frei, noch demokratisch, noch mitmenschlich sind. Allerdings haben sie sich „freiwillig“ zur Schlachtbank führen lassen, wo die AfD leichtes Spiel mit ihnen hat.

    Last but not least: Das Ganze ist eine Schande für Ravensburg, zumindest für den Teil, der demokratisch, fair, faktenorientiert und vernünftig redet und handelt.

    Für den anderen Teil scheint es zu und in dessen (deren) Philosophie zu passen: Außen hui – Innen pfui. Man sieht es ja an der aktuellen und schmutzigen Gummi-Politik der Rathaus-Administration (Musikschule …). Aber das gibt unserer Ortspolizeibehörde noch immer nicht das Recht, Schmutz und Schande über uns alle kommen zu lassen. Die Frage bleibt doch. Warum hat der Erste Bürgermeister sich nicht zuvor über die Akteure der „Demo mit Gottesdienst“ kundig gemacht und gründlich recherchiert, wo er doch die LIRA auch deshalb abgesägt hat, weil diese zu schmutzige Konzerte zuließ? Und warum wurde die „DEMO ohne Maske“ bei 3.000 bis 3.500 Teilnehmer/innen zugelassen?

    HERR BÜRGERMEISTER SIMON BLÜMCKE: TRETEN SIE VON IHREM AMT ZURÜCK – UND DAS NOCH VOR BEGINN DER SOMMERFERIEN 2020!

    Stefan Weinert
    Pastoralreferent a.D.
    Flüchtlings-Sozialbetreuer i.R.

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