DEMOKRATISCH – LINKS

                      KRITISCHE INTERNET-ZEITUNG

RENTENANGST

Pflege in Corona – Zeiten

Erstellt von DL-Redaktion am Sonntag 1. November 2020

Der alltägliche Ausnahmezustand

Пожилые граждане отделения дневного пребывания.jpg

von Jenny Weber

Sechs Millionen Pflegekräfte in Krankenhäusern, Pflege- und Altenheimen sowie in der ambulanten Pflege fehlen weltweit, laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Besonders dramatisch zeigt sich dieser Notstand in Afrika, Teilen Asiens und Lateinamerika. Doch auch im reichen globalen Norden stehen die jetzt als „systemrelevant“ gelobten und beklatschten Pflegekräfte vor schwierigen Bedingungen, werden schlecht bezahlt und arbeiten in zu geringer Besetzung. Dies betrifft nicht nur Krankenhäuser, die derzeit zu Recht besondere Beachtung erhalten, sondern noch vielmehr die Angestellten in Altenpflegeheimen und der ambulanten Pflege. Diese leiden seit Jahren unter den Auswirkungen einer neoliberalen Politik, die Profite vor die Bedürfnisse der Menschen stellt und prekäre Arbeitsverhältnisse begünstigt.

Auch in Deutschland ist es erst jüngst und nach zähen Verhandlungen gelungen, einen verbindlichen Mindestlohn für die ambulante und stationäre (Alten-)Pflege zu vereinbaren. Zudem soll es für die Pflegekräfte nun aufgrund der besonderen Belastungen in der Coronakrise eine Sonderzahlung in Höhe von 1500 Euro geben – doch ob und wann diese gezahlt wird, ist noch immer offen.[1] Das ist besser als nichts, aber ein Blick auf die Realitäten in der ambulanten Pflege offenbart: Es bedarf grundsätzlicher Veränderungen, um eine an den Bedürfnissen der Menschen ausgerichtete Pflege zu ermöglichen. Das gilt besonders in Zeiten, in denen Pflegekräfte Gefahr laufen, sich selbst mit dem neuen Virus zu infizieren. Doch auch schon zuvor lag dieser Pflegenotstand offen zutage – angesichts einer Arbeit, die aufgrund der enormen psychischen und physischen Belastungen die Pflegenden nicht selten selbst krank macht.

Hierzulande werden gut drei Viertel aller Pflegebedürftigen zu Hause versorgt, das sind mehr als zweieinhalb Millionen Menschen.[2] Über die Hälfte der Versorgung leisten die Angehörigen, in den allermeisten Fällen sind dies Frauen. Nicht wenige Haushalte decken die Betreuung über ausländische Pfleger*innen ab, die mit im Haushalt wohnen und rund um die Uhr für die Bedürftigen da sind. Für ein gutes Viertel der Pflegebedürftigen sorgen ambulante Pflegedienste – ihr Anteil wird in den kommenden Jahren noch steigen: Weil die Zahl der Pflegebedürftigen wächst und mit der Pflege viel Geld verdient werden kann. Aktuell sind zahlreiche Pflegebedürftige und deren Angehörige allerdings auf sich allein gestellt, weil Pflegedienste, Ehrenamtliche und Tagespflegeeinrichtungen in Zeiten von Corona nur noch eingeschränkt arbeiten können oder gleich schließen mussten.

Insgesamt fehlen laut dem Pflegereport 2030 der Bertelsmann Stiftung 500 000 Fachkräfte bis zum Jahr 2030, während im gleichen Zeitraum 50 Prozent mehr pflegebedürftige Menschen erwartet werden.[3] Im nächsten Jahrzehnt steigt somit der ohnehin schon schwer zu bewältigende Arbeitsaufwand in der Pflege noch einmal deutlich an. Um dieser Herausforderung überhaupt nur annähernd gerecht zu werden, muss der Pflegealltag auch jenseits der Pandemie deutlich stärker in den Fokus rücken. Das betrifft nicht nur die Debatte um den Fachkräftemangel. Vielmehr muss es um die Arbeitsbedingungen in der Pflege gehen und darum, wie diese enorm wichtige gesellschaftliche Aufgabe auf menschenwürdige Art und Weise organisiert werden kann. Dazu ist es einerseits notwendig, mehr Menschen in den Prozess der Pflege einzubinden. Andererseits muss der enorm hohe Verwaltungsaufwand deutlich reduziert werden. Bei all dem sollte es letztlich darum gehen, die Pflege endlich wieder vom Menschen her zu denken.[4]

Wie wenig dies derzeit der Fall ist, zeigt sich im Pflegealltag vielerorts, nicht zuletzt an fehlenden Materialien. Einfache Dinge wie Schuhüberzieher, die sich Pflegekräfte aus hygienischen Gründen bei ihrer Arbeit über die Straßenschuhe ziehen, sind auch in normalen Zeiten permanent Mangelware. Also werden sie mehrfach verwendet, erfüllen dann aber nicht mehr ihren Zweck. Obwohl diese Materialien nicht teuer sind und im Übermaß vorhanden sein könnten, wird an ihnen gespart. Das gilt auch für Atemschutzmasken, die aktuell insbesondere in Altenpflegeheimen und in der ambulanten Pflege fehlen. Die privaten Unternehmen sparen, wo sie können – am Material, an der Zeit und am Personal: So besteht in vielen Unternehmen der Großteil der Angestellten aus Pflegehilfskräften, ihre Zahl übersteigt somit längst jene der qualifizierten Fachkräfte. Dies wäre nicht von Nachteil, würden die Unternehmen auch Zeit und Geld investieren, um eine angemessene Einarbeitung zu gewährleisten und stünden die Angestellten nicht unter ständigem Zeitdruck. Die Realität sieht aber oftmals anders aus. So kommt es häufig zu vermeidbaren Fehlern, die etwa bei einer Medikamentengabe schwerwiegende Folgen haben können.

Wo bleibt die Menschenwürde?

29 de marzo-H Gregorio Marañon-14.jpg

Einen Applaus stecken sich für gewöhnlich Politiker ein, welche die Zeit zur Veränderung verschlafen haben.

Dass das Gesundheitsministeriums unter Jens Spahn auf Pflegekräfte aus dem Ausland setzt, anstatt die Arbeitsbedingungen zu verbessern und somit den Beruf attraktiver zu machen, trägt dabei wenig zur Behebung der Probleme in der Branche bei. Sie schaden vor allem den Gesundheitssystemen anderer Länder und verschieben das Problem nur. Denn das „Auftreiben“ von Fachkräften im Ausland führt zu einem „Brain Drain“, dem Abzug von qualifiziertem Fachpersonal aus den Herkunftsregionen – mit verheerenden Auswirkungen für die dortigen Gesellschaften. Zugleich implementiert dieses Vorgehen auch in unserem Pflegesystem nur weitere Dimensionen der Diskriminierung und fördert somit ein nicht resilientes Pflegesystem. Angesichts der kommenden Herausforderungen ist das keine Lösung.[5]

Quelle        :          Blätter          >>>>>          weiterlesen

————————————————————

Grafikquellen          :

Oben       —        Поздравление зимних именинников – клиентов отделения дневного пребывания граждан пожилого возраста и инвалидов с концертом, вручением подарков и застольем

Kommentar schreiben

XHTML: Sie können diese Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>