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Nouroz die iranische Seele

Erstellt von DL-Redaktion am Dienstag 21. März 2017

Nouroz und die iranische Seele

Naghshe Jahan Square Isfahan modified2.jpg

Teheran begrüßt das neue Jahr mit Goldfischen, Dattelkuchen und dem Buchstaben S

von Charlotte Wiedemann

Es gibt eine Art von Aufregung, die Kinder befällt, wenn sie sich in einer Konsumwelt befinden, die ihnen üblicherweise fern und fremd ist. An den erregten Kindern bemerkte ich sie zuerst, die Armut. Sie betritt in den Tagen vor Nouruz die Straßen, Plätze und Einkaufspassagen Irans und zeigt sich in ihrem ganzen Ausmaß.

Womöglich sind es jene zehn Millionen, von denen Experten sagen, sie hätten nur das Allernötigste, zehn Millionen von achtzig Millionen Iranern. Arm zu sein ist eine Schande, deshalb verbirgt sich die Armut an den meisten Tagen des Jahres, zieht sich ins Innere der Häuser zurück. Vor Nouruz aber geht sie aus.

Wörtlich bedeutet Nouruz der neue Tag, gemeint ist seit Menschengedenken das neue Jahr, das Leben, das Licht, der Frühling. Daran teilzuhaben, kann auch Armut nicht hindern.

In Teheran bekamen Bedürftige als Gegenleistung für das Einsammeln von Müll Nouruz-Gratifikationen, Kaufgutscheine. In Yazd, am Rande der Wüste gelegen, fielen mir die vielen ländlich gekleideten Gestalten auf, denen große Mengen billiges Zeug angeboten wurde, auf Wühltischen oder gleich in Haufen auf dem Trottoir: Socken, Badelatschen, Plastikgürtel. Es ist Sitte, sich neu einzukleiden für das neue Jahr, und offenkundig sollte für jeden zumindest ein Plastikgürtel dabei sein.

Nun in Schiras: Die Bürgersteige der Lotf-Ali-Khan-Zand-Straße sind so voll, dass es unmöglich ist, gegen den Strom der Fußgänger zu gehen. Fliegende Händler besetzen im Getümmel jede für Momente freie Nische, manche stehen auf Plastikhockern, um ihr Angebot über die Köpfe der Menge zu rufen. Jeans, preiswert wie nie. Letzte Gelegenheit zum Kauf von Goldfischen; sie schwimmen wie tot in winzigen Tütchen. Grellgrünes Plastikgras, Prosperität verheißend.

Das Püppchen namens „Sara“, mit dem die Islamische Republik Barbie den Kampf angesagt hat, trägt zu Nouruz ein knallbuntes Folklorekostüm, natürlich langärmelig und mit einem winzigen Tüllhidschab am Hinterkopf. Damit konkurriert eine leichtbekleidete Version, vermutlich chinesischer Fabrikation: Groß wie ein zweijähriges Kind steht sie auf dem nächtlichen Straßenpflaster, im dekolletierten Abendkleid, neongrün. Ein Mädchen, bis zum Kopftuch in Schwarz, hockt sich in einem von den Eltern unbeobachteten Moment vor die Puppe, umarmt den schlanken Körper, streichelt die blonden Haare, zupft an den Brüsten.

An Straßenecken, wo einst an solchen Tagen Gaukler und Märchenerzähler standen, führt das iranische Prekariat aus der Not geborene Kunstfertigkeiten vor; sie dienen natürlich dem Verkauf von Utensilien. Etwa die Schnellsticknadel: Ein Mann, dessen Finger von einer Batterie betrieben scheinen, produziert in rasender Geschwindigkeit ein frotteeweiches Rosenbild.

Das aufziehende Jahr ist 1395; ich kaufe es mir als vier glitzernde Zahlen auf künstlichen Erdbeeren; bei näherem Hinsehen haben sie einen Docht, es sind Kerzen. Während meine falschen Erdbeeren also das Jahr 1395 ankündigen, befindet sich die übrige islamische Welt längst im Jahr 1437 – die Iraner halten mit ihrem Kalender nicht nur Abstand vom Westen, sondern auch von den übrigen Muslimen.

Die Erklärung dafür findet sich in dem Wort „Sonnen-Hidschra“. Die Iraner zählen die Jahre ab der Hidschra, dem Auszug des Propheten Mohammed aus Mekka nach Medina im Jahr 622 n. Chr. Doch das iranische Jahr beruht wie das unsrige auf dem Lauf der Erde um die Sonne, während andere Muslime das Mondjahr zugrunde legen – und das beträgt nur 355 Tage. Die kleine Differenz hat sich über die Jahrhunderte summiert.

Um gleichwohl im Rhythmus der Umma, der muslimischen Weltgemeinde, zu bleiben, richten sich die religiösen Feiertage in Iran wie anderswo nach dem Mondkalender. Sie schieben sich deshalb, wie wir es vom Ramadan kennen, im Schritt von zehn oder elf Tagen rückwärts durch das Sonnenjahr.

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Iraner sein ist eine komplexe Angelegenheit. Diesmal ragen die schiitischen Trauertage für Fatemeh, die Tochter des Propheten, in den Vor-Nouruz-Trubel hinein; eine eigentümliche Kol­li­sion von ritueller Entschleunigung und kommerzieller Ekstase. Für die Umzüge von Männern, die mit Lehmflecken auf schwarzen Hemden ihre Trauer um die Verstorbene bekunden, werden Straßen gesperrt. Manche Passanten bleiben stehen und klopfen sich zum Zeichen der Anteilnahme rhythmisch auf die Brust, während andere mit Einkaufstüten ruppig durch die Menge drängeln.

Obwohl mir Iran keineswegs neu ist, habe ich unterschätzt, mit welcher Wucht sich Nouruz über das Land legt – ein vorislamisches Fest in einer islamischen Republik. Sogar Redaktionen staatsnaher Organe verkünden mit einem Abschiedsbild, sie gingen jetzt zwei Wochen in Ferien. Und der Kaufrausch übertrifft bei weitem, was ich aus der Vor-Ramadan-Zeit sunnitischer Länder kenne. Auch zum Ramadan kleidet man sich neu ein; Regeln einer Epoche, in der Garderobe noch nicht aus Sweatshops kam. Wenn es aber stimmt, dass sich an Nouruz die iranische Seele zeigt (und davon sind Iraner überzeugt), dann füllt der Konsum eine ihrer Kammern.

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In den Gärten von Schiras lassen sich Paare in historischen Kostümen vor Palästen und Wasserfontänen fotografieren. Eine Szene im Schapuri-Garten halte ich im ersten Moment für eine Filmaufnahme: Eine Assistentin zeigt zwei jungen Leuten, wie sie sich im Licht eines Scheinwerfers auf einer Bank neben einem Grammofon platzieren sollen, im Hintergrund die weißen Säulen des Herrenhauses. Die Frau, die ich für eine Schauspielerin hielt, ist heftig geschminkt und gibt vor, auf einem Zupfinstrument zu spielen; ihr Partner trägt einen Seidenkaftan und versucht sich an einem Gesichtsausdruck, der zu seiner historischen Samtkappe passt. „Bitte nicht zu eng sitzen!“, mahnt die Assistentin. Diese Anweisung hat nichts mit der Gegenwart der Islamischen Republik zu tun, sondern mit originalgetreuer Schicklichkeit des 19. Jahrhunderts.

Als das Shooting vorbei ist, nimmt der Mann im Seidenkaftan erleichtert die Kappe vom Kopf, und die beiden fassen sich zärtlich an den Händen. In einem provisorisch aufgebauten Digitalstudio werden die Fotos an Ort und Stelle auf dem Bildschirm begutachtet und nach den Wünschen der Kunden retuschiert.

Fotosessions auch in anderen Parks, etwa dem Afif-Abad-Garten, der sich im Besitz des Militärs befindet und hinter dem Eingang gleich mit Kanonen aufwartet. Unter den geschmeichelten Blicken ihrer Eltern posieren kostümierte Schuljungen mit Schwertern und Schießeisen, die man an Kiosken ausleihen kann. Im Teehaus des Parks werden auf Fliesen mythische Helden dargestellt, und ein Gast mit üppigem Vollbart erklärt mir, er trage einen Dariusbart. Unter Da­rius I. hatte das Persische Reich seine größte Ausdehnung, von Ägypten bis Indien.

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Quelle : Le Monde diplomatique >>>>> weiterlesen

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Fotoquelle : Autor — Arad MojtahediModified version of: Image:Naghshe Jahan Square Isfahan.jpg

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  • File:Naghshe Jahan Square Isfahan modified2.jpg
  •  Naghsh-i Jahan Square, Isfahan, Iran (Edited version)

 

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