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Lebenslänglich arbeitslos

Erstellt von Gast-Autor am Dienstag 26. Mai 2015

Asyl für Steuer-Flüchtlinge

Saint-Kitts-et-Nevis

Autor: U. Gellermann
Datum: 26. Mai 2015

Wie, Sie haben schon alles? Auch schon den Pass von „St. Kitts und Nevis“, dem Steuerparadies in der Karibik? Nur drei Flugstunden von Miami im US-Bundesstaat Florida entfernt. „Saint Kitts and Nevis“ bietet bereits seit 1984 ein „Staatsbürgerschaft-gegen-Investment-Programm“, so steht es auf der Website des Inselstaates. Wer auf den Tropeninseln 400.000 Dollar für eine Immobilie auf den Tisch legt und zusagt, sie mindestens fünf Jahre zu behalten, der bekommt einen Pass. Alternativ können reiche Asylsuchende dem Staat auch 250.000 Dollar spenden. Lebenslänglich steuerfrei: Das wäre doch was für Sie, oder?

Wie, Du hast nix? Schon über 50, nach über 2.000 Bewerbungen und 200 Gängen zum Amt mit dem schicken Namen Job-Center. Da hast Du immer noch keinen Job, kein Geld, keine Zukunft? Dann hast Du eben auch lebenslänglich bekommen, lebenslänglich Urlaub. Davon können andere nur träumen. Denn auch der Bewohner von St. Kitts muss immer noch zu Terminen: Mit seinen Anwälten zum Beispiel, seinen Banken. Du musst nur dann und wann mal zum Amt, der arme Mann auf St. Kitts muss noch richtig hart arbeiten.

Schon das leidige Kaufen-Müssen ist für den auf St. Kitt eine schwere Last. Sagen wir mal, er will einen Burberry kaufen, Du weißt schon, den legendären Mantel mit den berühmten Streifenquadraten auf dem Innenfutter. Dann bekommt er neuerdings während der neunwöchigen Produktion ständig Originalskizzen und kleine Videos aus dem Produktionsprozess auf das Smartphone. Muss er gucken, sonnst kann er nicht mitreden. Wenn er wollte, könnte er sich sicher auch eine Homestory über die chinesische Näherin bestellen, die mit ihren kleinen gelenken Fingerchen ohne Pause den Stoff steppt. Am besten würde er sich deren wunde Finger in der „Shipwreck Beach Bar“ an der Friars Bay auf St. Kitt auf dem Display ansehen. Will er aber nicht. Obwohl: Nirgendwo ist der Kontrast zwischen dem sauren Schweiß der Näherin und dem süßen Schweiß reicher Langeweile besser zu genießen als dort.

Du mit Deinem glücklichen Arbeits-Los solltest unbedingt die „Virtuel-Shopping-Tour“ machen. Unbeschwert von einer lästigen Kaufentscheidung schlenderst Du durch die Kaufwelten der Innenstadt. Dein erhabener Blick auf eine Rolex mit Diamanten sagt: Nie würdest Du so einen Zuhälterdreck kaufen wollen. Auch den neuen BMW X 5 Allrad für schlappe 90.000 Euro lehnst Du wegen seines unsäglich plumpen Hecks ab. Fettarsch-Karre sagst Du, und niemand weiß, ob Du das Auto oder dessen Besitzer-Typ meinst. Und während Du fröhlich flötend weiter gehst, brütet der Mann auf St. Kitt über dem nächsten Problem.

Weil der Kitt-Man nun mal zur Gattung der „Early Adopters“ gehört, jenen, die immer alles als erste haben müssen, telefoniert er durch die Welt, um als wirklich erster das neue Hovercraft-Golf-Cart zu bekommen: Auf Luftkissen über den Royal-St.-Kitt-Golf-Club, für lächerliche 60 000 Dollar: Das bringt es. Leider will seine Freundin unbedingt einen ganz besonderen Verlobungsring, den mit einem 100,2-Karat-Diamanten. Den gibt´s bei Sotheby’s in Los Angeles. Die Auktion ist bald, man denkt an 20 Millionen Dollar. Da muss der Mann schon selbst zur Versteigerung. Lästig.

Einmal, da hattest Du nicht nur noch Arbeit sondern auch die extrem weiten Hosen mit Schlag an, da hast Du auch `nen Verlobungsring gekauft. Den hast Du damals der Claudia übergestreift, in der Flamingo-Bar am Markt. Die ist längst weg. Claudia auch. Aber die vielen anderen Kneipen, die Du in den Jahren mit Arbeit und Kohle besucht hast, die könntest Du Dir mal wieder ansehen. Nicht reingehen, versteht sich, besser hingehen wenn sie geschlossen sind. Den kalten Geruch von Alkohol und Zigaretten einatmen. Sich erinnern. An die lauten, fröhlichen Abende. Als man Dir einen ausgab, den Schnaps, den Du annehmen konntest, weil Du selbst auch mal einen ausgegeben hast. Nennen wir es einfach den Bar-Remember-Run, Kneipen-Erinnerungs-Marsch klingt so billig.

Schwere Sorgen macht sich unser Mann auf St. Kitt. Gerade hat er „Les Femmes d’Alger“ erworben, so ein Picasso-Gemälde. Das hat ihn bei einer Versteigerung im New Yorker Auktionshaus Christie’s rund 160 Millionen Dollar gekostet. Hängen will er das Bild nicht. Die feuchte Luft in St. Kitt schadet nur. Außerdem soll es sicher rumliegen, der Wertsteigerung wegen. In fünf Jahren kann es 200 Millionen Dollar und mehr bringen. Wohin also damit? Gottseidank gibt es die „Freeports“ in Singapur. Da lagern für ungefähr 4.000 Milliarden US-Dollar Kunstgegenstände aller Art. Die „Freeports“ liegen direkt neben dem Flughafen. Kurze Wege zum Freihafen. Das ist die Freiheit, die unser Kitt-Man meint, wenn er von Freiheit redet.

Solche Sorgen hast Du weniger. Aber die Brosche von Deiner Großmutter, die hast Du auch gut versteckt. Vor Dir selbst. Auf der Sonntagsbluse von Oma saß sie damals: Rote Granatsteine, Flussperlen und vergoldete Bronze. Die könnte glatt `nen Hunderter bringen, wenn Du Sie verkaufst. Das gäbe mehr als 15 Päckchen Zigarettentabak, Javaanse Jongens. Die rauchst Du doch so gern. Aber Oma, die Brosche von Oma? Nee, die bleibt versteckt. Die holst Du nur raus, wenn Du mal heulen möchtest. Weihnachten oder so. Zu Weihnachten ist Heulen in Ordnung. An anderen Tagen mag Zähneknirschen angesagt sein. Zähne zeigen wäre besser.

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Fotoquelle: Wikipedia – Urheber Gilles Messian from Paris, France

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